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Hamburg „in-team“
„Wie soll Teamarbeit unter Lehrern funktionieren, wenn man Schule und Studium immer nur als Einzelkämpfer wahrgenommen hat?“
Um diese Frage zu beantworten, mussten wir Bayern verlassen und den weiten Weg nach Hamburg antreten, um uns gelungene Beispiele aus der Schulpraxis anzuschauen.
Viele Wege führen nach Rom: Die Integrative Regelschule Ohrnsweg (www.ohrnsweg.de) und die Erich-Kästner-Gesamtschule (www.hh.schule.de/ekg) machen es vor: In beiden Schulen werden die Schüler von in der Regel zwei, manchmal sogar drei Pädagogen unterrichtet, alle Kinder lernen gemeinsam – auch Schüler mit besonderem Förderbedarf. Und das sind nur zwei Beispiele für insgesamt 34 integrative Regelschulen in Hamburg.
Die Grundschule Ohrnsweg legte über einen Zeitraum von drei Jahren einen Katalog von kooperativen Lernformen an, die im Unterricht mindestens dreimal pro Woche angewendet werden. Regelmäßig tauschen sich die Lehrkräfte in gegenseitigen Hospitationsphasen über innovative Lern- und Lehrmethoden aus. Besonders gut hat uns die Idee eines Eltern-Kind-Sprechtages gefallen, da so nicht nur über, sondern mit dem Schüler über dessen Stärken und Schwächen gesprochen wird. Dass hier alles etwas anders läuft, sieht man bereits zu Schulbeginn. In einer 30-minütigen Morgenphase können die Schüler den Unterrichtstag langsam angehen lassen. Sie können frühstücken, sich über Erlebtes austauschen, spielen, basteln oder Probleme untereinander klären. Auch der Lehrer kann diese Zeit nutzen, um sich intensiv mit seinen Schülern zu beschäftigen.
Ein ähnliches Schulkonzept verfolgt die für den Deutschen Schulpreis nominierte Erich-Kästner-Gesamtschule, die sich ebenfalls als „Schule für Alle“ versteht. Die Heterogenität der Gesellschaft soll sich als Leitidee der Schule auch in den Klassen widerspiegeln. Daher werden in sogenannten Integrationsklassen Kinder mit Behinderung intensiv in den Klassenverband aufgenommen, sodass trotz bestehender Unterschiede ein Zusammenleben und –arbeiten in der Gruppe möglich gemacht wird. Als besonders sinnvoll erscheinen uns die eingerichteten Lernzeiten, in denen eigenverantwortlich die Fächer Deutsch, Mathematik und Englisch behandelt werden. Nach einem individuellen Wochenplan erarbeiten die Schüler selbstverantwortlich und in Eigenregie mit Hilfe verschiedener Arbeitsmaterialien die Themen. In einem „Logbuch“ halten die Schüler schließlich am Ende der Woche ihre Ergebnisse fest und überprüfen gleichzeitig, ob sie die sich selbst gesetzten Ziele zu Wochenbeginn erreicht haben. Beide Klassenlehrer/Tutoren stehen jederzeit unterstützend zur Seite.
Das Zentrum für Lehrerbildung und das Landesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung gaben uns einen Einblick, wie Kooperation bereits die 2. Phase des Lehramtsstudiums bereichern kann. Gleich zu Beginn werden kleine Gruppen aus Referendaren gebildet, die sich in regelmäßigen Treffen austauschen, gemeinsam Ideen sammeln, Unterricht planen und sich gegenseitig in den Schulen besuchen. Darüber hinaus wird großer Wert auf die Reflexion über den zukünftigen Beruf gelegt. Zum einen bereits vor Studienbeginn durch den verpflichtend zu durchlaufenden Eignungstest CCT (Career Counselling for Teachers) und zum anderen durch das Reflexionsportfolio während der Referendariatszeit. Hier sollen wichtige Erfahrungen und Probleme festgehalten werden. In einem speziellen Lehrertraining besteht für die Referendare zudem die Möglichkeit, allgemeine und persönliche Erfahrungen und Konflikte im bewertungsfreien Raum zu besprechen. Auch kann ein persönliches Coaching durch Pädagogen und Psychologen kostenfrei in Anspruch genommen werden.
Besonders lohnenswert war es, Hamburg in einer Zeit zu besuchen, in der das Schulsystem kurz vor einer Reform steht – es geht um eine längere gemeinsame Schulzeit. Künftig sollen die Schüler sechs statt nur vier Jahre gemeinsam lernen. Darüber hinaus soll gewährleistet werden, dass höchstens 25 Schüler in einer Klasse unterrichtet werden, um jedes Kind individueller fördern zu können. Es sollen sogenannte Stadtteilschulen entstehen, in der Haupt-, Real- und Gesamtschüler gemeinsam lernen und voneinander profitieren können. Nach einer sechsjährigen gemeinsamen Grundschulzeit würden Eltern entscheiden, ob ihr Kind auf eine Stadtteilschule geht oder auf ein Gymnasium. An beiden Schularten können Schüler das Abitur erreichen. An der Stadtteilschule nach dem 13. Schuljahr, an den Gymnasien nach dem 12. Die Initiative „Wir wollen lernen“ (www.wir-wollen-lernen.de) wehrt sich gegen diese Reform und hat in einem Bürgerbegehren Ende 2009 so viele Stimmen bekommen hat, dass die Reform zu kippen droht. Am 18. Juli wird Hamburg in einem Bürgerentscheid nun endgültig darüber abstimmen. Die Proteste der Initiative ProSchulreform (www.proschulreformhh.de) sind mittlerweile groß. Auch wir verfolgten eine Demonstration mit anschließender Kundgebung. Mehrere Tausende Befürworter versammelten sich, um ihren Standpunkt pro Schulreform deutlich zu machen.
Teamarbeit kann in vielen verschiedenen Phasen und Formen in der Schule und der Lehrerbildung umgesetzt werden. Es ist nur zu hoffen, dass sich dies auch in Bayern in den Lehrer- und Rektorenzimmern durchsetzt, was wir von Schülern als soziale Kompetenz immer wieder fordern -TEAMARBEIT. Wenn wir dies fordern und auch wollen, dann muss Schule darin eine Vorbildfunktion wahrnehmen und selbst als Team funktionieren – mit allen Beteiligten. Bayern hat hier noch einen langen Weg vor sich, aber er ist nicht vergebens. Zur Fußballweltmeisterschaft in Afrika möchten wir ein afrikanisches Sprichwort zu Hilfe nehmen, um den Weg der Teamarbeit für die Schulfamilie in Bayern auf den Punkt zu bringen.
Viele kleine Leute,
an vielen kleinen Orten,
die viele kleine Schritte gehen,
können das Gesicht der Welt verändern.
Das Gesicht der bayrischen Schulwelt würde uns schon genügen.
Eure LSG



