Multiplikatorenschulung zum Umgang mit Aggressionen und Gewalt - Zivilcourage ohne selbst Opfer zu werden. Referenten: Schulungsteam von "pack ma´s"

„Stopp“ brüllen am 1. Oktober zwanzig Lehrer in vehementer Abwehrhaltung durch das Tagungshotel in Regen. Selbstbewusst und energisch demonstrieren sie durch ihre Mimik und mit ihrer ganzen Körperhaltung, dass ihre Grenze erreicht ist. Sie wehren sich und setzen ein lautstarkes Zeichen. Doch geht es ihnen nicht um die Alltagsbelastungen des noch jungen Schuljahres oder um strukturelle Vorgaben, die sie nicht mehr bereit sind mitzutragen. Nein, sie nehmen als Mitglieder des Perspektivteams am Gewaltpräventionskurs „pack ma´s“ teil und lernen gerade, wie sie einem Angreifer, der ihre persönliche Grenze überschreitet, gegenübertreten sollen, um so frühzeitig zu einem Alptraum für diesen potentiellen Gewalttäter zu werden.

 

 

Dabei handelt es sich um eines der Rollenspiele, die Polizeibeamte des Münchner Polizeipräsidiums zusammen mit dem Institut für Pädagogische Psychologie der LMU München entwickelt haben, um Gewalthandlungen von Kindern und Jugendlichen schon im Vorfeld zu unterbinden und unter den Schülern zivilcouragiertes Verhalten zu fördern. Das Präventionsprogramm „pack ma´s“ basiert auf dem bereits sehr erfolgreich durchgeführten Kurs „zammgrauft“  und ermöglicht es Schülern Erfahrungen im „geschützten Raum“ zu machen. Damit die Pädagogen die Inhalte dieses Präventionsprogramms als Trainer an ihren Schulen vor Ort möglichst authentisch vermitteln können, legen Kriminalhauptkommissar Nico Witte und Kriminaloberkommissar Ralph Kappelmeier großen Wert auf eine lebensnahe Durchführung der Rollenspiele mit den Lehrkräften und reflektieren während der Nachbesprechung in der Gruppe intensiv über die gemachten Erfahrungen.

 

 

Mit ihren Übungen und Rollenspielen zeigen sie den Multiplikatoren, wie sie zunächst das Eis zwischen sich und ihren Schülern brechen, bestehende Hemmungen einzelner Schüler abbauen und eine positive Stimmung herstellen können. Diese Übungen und die Reflexion über die dabei gemachten Erfahrungen sind gut geeignet, das Klassen- und Schulklima zu verbessern, denn das Vertrauen der Schüler untereinander und das Gemeinschaftsgefühl werden dadurch gefördert. „Wer gut miteinander kann, der tut sich nichts an“, ist nach Ralph Kappelmeier eine wichtige Voraussetzung dafür, dass Gewalt wenig Raum findet, in dem sie sich ausbreiten kann. Dazu tragen auch die Regeln und Vereinbarungen bei, die während der Reflexionsphasen von den Schülern selbst erarbeitet und festgelegt werden können, da sie eine wesentlich höhere Akzeptanz bei den Schülern haben als die von den Schulen erlassenen Hausordnungen.

 

 

Einen bleibenden Eindruck hinterlassen dabei die Übungen „Balance“, „Zugbrücke“ und der „Vertrauensfall“ bei den Mitgliedern des Perspektivteams. Nur wenn die Teilnehmer ihre eigenen Ängste und Hemmungen überwinden und der Gruppe völlig vertrauen, lassen sie sich mit geschlossenen Augen von einem Tisch fallen, um von ihren Kollegen aufgefangen zu werden. Gelingt es ihnen, das später auch bei ihren Schülern zu erreichen, gehen diese viel achtsamer miteinander um und eine gute Gemeinschaft kann entstehen.

 

 

Ihrer eigenen emotionalen Grenzen werden sich die Kursteilnehmer beim Themenbereich Gewalt bewusst. Das Rollenspiel „Geschlossene Gesellschaft“ sensibilisiert sie nicht nur für die Rolle der Ausgegrenzten, sondern vermittelt ihnen auch einen Eindruck von den vielfältigen Formen, in denen Gewalt in der Wirklichkeit auftritt. Bei der Übung „Arena“ verspüren die Pädagogen den Gruppendruck, der von Schaulustigen und Gaffern ausgehen kann, deutlich am eigenen Leib. Einige Teilnehmer ertappen sich sogar dabei, dass sie in bestimmten Situationen eine gewisse Lust an der Ausübung von Gewalt verspüren würden.

 

 

Wie sich Schüler in Konflikt- und Gefahrsituationen richtig verhalten, wird bei den Rollenspielen „Tunnel“ und „Busfahrt“ deutlich. Die Polizeibeamten beleuchten nicht nur mögliche Gefahrenorte und Loserplätze, sondern zeigen auch, wie sinnvolles Opfer- und Helferverhalten aussieht. Nico Witte führt dabei sehr eindringlich vor, wann es sicherer sei, den langen, hellen Weg zu gehen, auch wenn es länger dauere. „Wer Loserplätze meidet, sich nicht in die Ecke drängen lässt und die Rettungsinseln kennt“, ist nach Wittes Überzeugung weniger gefährdet, zum Opfer zu werden. Dieses Wissen hilft Schülern später, Gefahrensituationen frühzeitig zu erkennen und richtig zu reagieren. Provokationen und eine Eskalation der Gewalt werden eher vermieden und die Bereitschaft, sich für andere einzusetzen und Zivilcourage zu zeigen, steigt.

 

 

Bisher sind die Münchner Gesetzeshüter mit ihrem Präventionskonzept sehr erfolgreich, wie ein Blick auf die Referenzen ihrer Homepage (http://www.pack-mas.info/index.html) im Internet zeigt. Dort finden Interessierte auch Informationen zu verschiedenen weiteren Präventionsprogrammen. Nun liegt es an den Teilnehmern des Kurses, sich an ihren Schulen für die Prävention von Gewalt einzusetzen und mit diesem Konzept für eine Verbesserung des Klimas zu sorgen. Um das Klima in seinem BLLV-Perspektivteam muss sich Rainer Kirschner, der das Fortbildungswochenende wieder einmal bestens organisierte, keine Sorgen machen. Trotz der dicht gedrängten Inhalte und der langen Abendveranstaltung kamen nie Langeweile oder gar Überforderung auf. Die stimmige Abfolge und die Wirksamkeit des Präventionsprogramms, die einfache Realisierbarkeit in der Praxis, die langfristige Wirkung des Programms und nicht zuletzt die humorvolle Anleitung durch die beiden Referenten kamen bei allen Teilnehmern sehr gut an.

 

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