Menschen sind so verschieden wie ihre Fingerabdrücke. Schule sollte dieser Vielfalt gerecht werden. Doch für die Inklusion von Schülern mit sonderpädagogischem Förderbedarf müssten die Rahmenbedingungen deutlich verbessert werden.

Inklusion: Gut gemeint, aber schlecht umgesetzt

BLLV-Befragung unter Lehrkräften offenbart gravierende Mängel

Eine 2012 durchgeführte BLLV-Umfrage unter 1500 Lehrkräften hat bestätigt, was viele geahnt hatten: Inklusion in Bayern wird mangelhaft umgesetzt. Ohne erhebliche zusätzliche Ressourcen frustriert das hoffnungsvolle Projekt auch seine herzlichsten Befürworter.

 

Die bayerischen Lehrkräfte sehen in ihrer Mehrheit das Recht Behinderter auf diskriminierungsfreie Bildung unzulänglich umgesetzt. Als die beiden wichtigsten Hemmnisse sehen in einer Befragung des BLLV unter rund 1500 Pädagogen** die Struktur des Bildungswesens und unzureichende Ressourcen. 84% der Befragten meinen, das vielgliederige Schulsystem bedeute das Gegenteil von Inklusion. Es setze auf Segregation und schaffe eine Kultur der Exklusion. 92% sind überzeugt, dass das Kultusministerium nicht die notwendigen Bedingungen für die Verwirklichung von Inklusion zur Verfügung stellt. Dies betrifft die organisatorischen, personellen und qualifikatorischen Rahmenbedingungen des Unterrichts.


Grafik: Wie Lehrkräfte den Stellenwert von Inklusion und ihre Umsetzung einschätzen


Die Mehrheit der Lehrerinnen und Lehrer steht der Inklusion grundsätzlich positiv gegenüber. Etwas mehr als die Hälfte aller Befragten verbindet mit Inklusion ein Recht von Behinderten, das „mit allen Mitteln“ realisiert werden sollte. Knapp drei Viertel erkennen Inklusion als „hohes Ziel“ an, sehen aber kaum Möglichkeiten, es in vollem Umfang zu verwirklichen. Aber nur die Hälfte der Befragten sieht im gemeinsamen Unterricht Vorteile für die lernschwächeren Kinder, eine Hälfte befürchtet, dass die besseren Schüler in ihrer Lernentwicklung gebremst werden.

 

Folgerichtig spricht sich nur ein Drittel der Befragten für einen gemeinsamen Unterricht aller Schüler mit und ohne Förderbedarf aus.


Grafik: Lehrkräfte werden mangelhaft unterstützt

Alleingelassen: Lehrkäfte müssen bei der Umsetzung von Inklusion oft auf Hilfe verzichten. (Zum Vergrößern anklicken)

Je mehr Praxiserfahrung, desto größer die Skepsis

Sonderpädagogen, Schulleitungen, aber auch Referendare und generell Lehrkräfte, die keine eigenen Erfahrungen mit dem Unterricht dieser Kindern haben, urteilen in der Tendenz günstiger für Inklusion als Lehrkräfte, die solche Kinder selbst an Grund- oder Mittelschulen unterrichten. Die konkrete Umsetzung von Inklusion führt bei diesen Lehrkräften häufig zu Ernüchterung.

 

Die 53 Lehrkräfte aus den Profilschulen beurteilen die Wirkungen gemeinsamen Unterrichts am skeptischsten, obwohl ihnen mehr Unterstützung zugedacht ist, als der Mobile Sonderpädagogische Dienst (MSD) aufgrund der geringen Stundenzuweisung sonst an den allgemeinen Schulen leisten kann. Ursache dafür dürfte sein, dass im Regelfall an allgemeinen Schulen einzelne Schüler in einzelnen Klassen unterrichtet werden, während in Profilschulen häufiger Kooperationsklassen gebildet werden, mit mehreren Schülern mit sonderpädagogischem Förderbedarf, die gemeinsam mit anderen schwieriger zu unterrichten sind.


Grafiken: Was bewirkt Inklusion und wie wird sie im Unterricht umgesetzt?

Pädagogische Wirkung von Inklusion (Zum Vergrößern anklicken).
Umsetzung von Inklusion in der Unterrichtspraxis.

Allein gelassen mit der Herausforderung

Dass die konkreten Bedingungen der Umsetzung die Ursache für diese zurückhaltende Einschätzung der Inklusion sind, bestätigen die Antworten auf die Frage, welche Unterstützung und Hilfe die 500 Lehrkräfte bei der Förderung von Schülern mit Handicap erhalten haben. Für 50 bis 70% gab es keinerlei Fortbildung oder Beratung durch Förderzentren, Hilfe von außerschulischen Fachkräften (Psychologen, Heilpädagogen) oder Schulbegleitern, von öffentlichen Einrichtung (ASD, Jugendhilfe) oder Unterstützung durch Schulträger und Schulämter.

 

Die Unterstützung durch den MSD wurde häufig (von 62%) als nicht ausreichend eingestuft. Die beste Unterstützung erhielten die Lehrkräfte aus der eigenen Schule von Kollegen und Schulleitung (39%) und den Beratungslehrern (20%). Die Lehrkräfte waren demnach weitgehend auf sich gestellt und fühlten sich allein gelassen.


Grafiken: Notwendige Verbesserungen

(Zum Vergrößern anklicken)

Immenser Bedarf an Verbesserungen

Die unbefriedigende Unterrichtssituation und die geringen Fördermöglichkeiten führen bei allen Befragten zu umfangreichen Forderungen und Verbesserungsvorschlägen. Für „sehr wichtig“ und „wichtig“ halten 98% eine Verbesserung der Rahmenbedingungen wie mehr Lehrerstellen an allgemeinen Schulen und für Sonderpädagogen sowie für kleinere Inklusionsklassen, mehr Lehrerstunden für zeitweises Teamteaching, für Kooperation mit Sonderpädagogen und Entwicklung von Förderplänen, 90% fordern geeignete fachliche und sachliche Lehr- und Lernmittel sowie Fortbildungen etwa für erfolgreichen Unterricht in heterogenen Gruppen und den Einsatz individueller Fördermaßnahmen.

 

*Der Autor ist Wissenschafts-Referent beim BLLV

 

** Davon unterrichtete ein Drittel selbst Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf, ein Sechstel erlebte solche Kinder an der eigenen Schule, und knapp die Hälfte äußerte sich, ohne unmittelbare Erfahrung gemacht zu haben.

 

Mehr zum Thema:
»Die vollständige Studie zum Download

 


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