Auch Konservative schätzen die Gemeinschaftsschule

Neuer Schultyp soll Hauptschule retten / Reger Zuspruch für Modellversuch in Nordrhein-Westfalen

 

Autor: Robert Haberer

 

Schleswig-Holstein hat sie bereits, Nordrhein-Westfalen schickt sich an, sie einzuführen, und in Bayern kämpfen die Gemeinden Denkendorf und Kipfenberg für die Gründung einer Gemeinschaftsschule. Diese wäre die erste ihrer Art im Freistaat. Ein revolutionärer Plan, mit dem sie sich prompt den Unmut von Bayerns Kultusminister Ludwig Spaenle zugezogen haben. Während dieser unverdrossen am Mittelschulkonzept festhält, ist die Einführung der Gemeinschaftssschule in Nordrhein-Westfalen schon vor dem Start des Modellversuchs zu einer Erfolgsgeschichte geraten.

 

„Die Nachfrage nach der Gemeinschaftsschule ist in Nordrhein-Westfalen enorm hoch“, sagte Dr. Ernst Rösner vom Institut für Schulentwicklungsforschung in Dortmund bei seinem Vortrag vor dem BLLV-Landesvorstand. 15 Schulen werden dem Bildungsforscher zufolge im September zum Schuljahr 2011/2012 im Rahmen eines Modellversuchs an den Start gehen,  für 50 weitere Schulen gebe es Interessensbekundungen seitens der Kommunen. Sollte der Modellversuch erfolgreich verlaufen, will die Landesregierung die Gemeinschaftsschule als Regelschule einführen.

 

Bildung ist ein Standortfaktor
Die Bürgermeister der Kommunen, die sich an dem Versuch beteiligen, setzen Rösner zufolge große Hoffnungen in den neuen Schultyp. Auch in Nordrhein-Westfalen kämpfen Gemeinden und Städte mit zum Teil drastisch sinkenden Schülerzahlen an ihren Hauptschulen, bedingt durch den Geburtenrückgang bei einem gleichzeitig ungebrochenen Trend zum Gymnasium. In der Folge stehen vor allem in ländlichen Regionen viele Hauptschulen vor dem Aus. Zugleich sind die Rathauschefs daran interessiert, möglichst alle Ausbildungsrichtungen bis hin zum Gymnasium vor Ort anzubieten. „Bildung ist ein Standortfaktor“, betonte Rösner. „Wenn Unternehmen und Familien sich an einem Ort ansiedeln wollen, lautet eine ihrer zentralen Fragen ‚Wo können unsere Kinder Abitur machen?’“ Rösner folgert, dass Gewerbegebiete mit günstigen Flächen allein heutzutage nicht mehr ausreichten, um Investoren zu begeistern. Von großer Bedeutung sei auch eine wohnortnahe gymnasiale Beschulung. Nicht zuletzt auch, um qualifizierte Arbeitskräfte anzulocken.
Mit der Gründung einer Gemeinschaftsschule erhält nun so mache Gemeinde, die bislang über eine Volksschule hinaus allenfalls eine Realschule anbieten konnte, nun auch einen gymnasialen Zweig. Eine Perspektive die vielen Bürgermeistern gefällt, egal welcher Partei sie auch angehören.

 

Erst ab der elften Klasse geht's ans Gymnasium
Je nach dem wie die Schule organisiert ist, müssen Oberstufenschüler erst ab der elften Jahrgangsstufe den Bus zum nächsten Gymnasium besteigen, wo sie ihr Abitur ablegen können. Bis zur siebten Klasse werden alle Kinder gemeinsam unterrichtet. „Das ist eine Referenz an international übliche Strukturen“, betonte Rösner. Ab der 8. Klasse ist es der Schule überlassen, wie sie sich organisiert. Sie kann dann  alle Kinder weiter in einem Klassenverband unterrichten lassen, die einem nach dem Curriculum für die Hauptschule, die anderen nach dem Lehrplan für Realschule oder Gymnasium. Oder die Schüler werden nach Bildungsgängen in Haupt- und Realschüler sowie Gymnasiasten getrennt.

 

Alle Schüler starten auf gymnasialem Niveau
Die Gewinner dieses Reformversuch stehen aus Rösner Sicht schon jetzt fest: Es sind die Kinder und Jugendlichen. In den weiterführenden Klassen lernen alle Schüler zunächst nach dem Curriculum für das Gymnasium. Stellt sich dieser Anspruch für den ein oder anderen Schüler als zu hoch heraus, kann das Kind in bestimmten Fächern auf den Lehrplan der Haupt- oder Realschule umschwenken. „Wenn man in einem Fach nicht die Leistung bringt, muss das doch nicht heißen, gleich in einen anderen Chor versetzt zu werden“, sagte Rösner.

 

Damit wies er zugleich die Behauptung des bayerischen Kultusministers Ludwig Spaenle zurück, die Gemeinschaftsschule sei eine Einheitsschule zurück. Es gebe keinen Schultyp, der so an die individuellen Bedürfnisse der Schüler angepasst sei, wie die Gemeinschaftsschule. Ganz im Gegensatz zum dreigliedrigen Schulsystem, das schulischen Misserfolg mit weitreichenden Konsequenzen bestraft. „Das bayerische System funktioniert nach dem Prinzip ‚Vogel friss oder stirb’.“

 

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