Die Süddeutsche Lehrerbücherei

Ein ungehobener Schatz der Geschichte der Pädagogik, der Schule und des Lehrerberufs

 

 

Die Musterbücherei des Lehrers Joseph Heigenmooser

1896 stellte der Lehrer Joseph Heigenmooser auf der 13. Hauptversammlung des Bayerischen Lehrervereins vom 4. bis 6. August 1896 in München in einer Ausstellung eine "Musterbücherei" vor. Sie umfasste Bücher, die aus seiner Sicht für die Kenntnis der Unterrichtsfächer, für die Allgemeinbildung des Lehrers, für  Fachkenntnisse der Pädagogik und Psychologie zu empfehlens waren. Heigenmooser war Leiter der Lehrerinnenanstalt in München, war Fachmann der Aus- und Fortbildung. Die Bände wurden interessiert von den Teilnehmern der Hauptversammlung begutachtet. Lehrerbüchereien waren in ganz Deutschland in diesen Jahren am entstehen.

Der Münchner Lehrerverein griff diese Idee auf und begann mit dem Ankauf von Büchern, Zeitschriften und anderen Publikationen, um den Münchner Lehrern eine Möglichkeit des Studiums unterschiedlicher Werke zu geben. Die Zahl der Bücher wuchs rapide. Es gab viele Käufe, Schenkungen und Stiftungen. Bereits 1911 umfasste die Lehrerbücherei des MLV 16.000 Bände, darunter auch wertvolle antiquarische Werke und Erstausgaben aus dem 17., 18. und 19. Jahrhundert.

 

Aus der Musterbücherei wird die Süddeutsche Lehrerbücherei

Das enorme Wachstum der Bibliothek veranlasste die berufswissenschaftliche Hauptstelle im BLV über den Ausbau der Lehrerbücherei des MLV zu einer Zentral- bücherei des BLV für alle Lehrerinnen und Lehrer Bayerns nachzudenken. Doch der 1. Weltkrieg verschob diese Pläne. 1920 schließlich war es soweit: Aus dem Grundstock der Lehrerbücherei des Münchner Lehrervereins wurde die "Landesbücherei des Bayerischen Lehrervereins".

Die Bibliothek umfasste zu diesem Zeitpunkt 25.000 Exemplare. Als Nachrichtenblatt über Neueingänge und Schenkungen diente die monatlich erscheinende "Literarische Beilage der Bayerischen Lehrerzeitung". Allerdings lag sie weiterhin in der finanziellen und organisatorischen Verantwortung des MLV. Erst 1928 erwarb der BLV die auf fast 60.000 Bände angewachsene Bibliothek dann offiziell. Er musste zusagen, dass die Bibliothek in München bleibt.

Der Deutsche Lehrerverein drängte den BLV bereits 1920 seine Bibliothek "Süddeutsche Lehrerbücherei" zu nennen, was auch erfolgte. Sie war nun nach der "Deutschen Lehrerbücherei" in Berlin und der "Comeniusbücherei" in Leipzig die drittgrößte und bedeutendste Lehrerbücherei in Deutschland. Seit 1909 residierte sie im Schulhaus Rosental 7 in München.

 

 

Die Süddeutsche Lehrerbücherei braucht eine Heimat

Die ständigen Neuzugänge und die immer intensivere Nutzung  der Süddeutschen Lehrerbücherei machte den Verbleib im Schulhaus Rosental unmöglich. Der Hauptausschuss hatte 1929 den Kauf eines Hauses für die berufswissenschaftliche Arbeit des BLV, die Fortbildungsseminare und die Sitzungen des Vorstandes beschlossen. Die Wahl fiel auf das Anwesen Bavariaring 37 an der Theresienwiese. 1930 wurde das Haus erworben. Hier sollte auch die Süddeutsche Lehrerbücherei ihre neue Heimat finden.

Mit der Auflösung des Bayerischen Lehrervereins und der Überführung der Vermögenswerte an den Nationalsozialistischen Lehrerbund (NSLB) unterstand auch die Süddeutsche Lehrerbücherei dem NSLB. Glücklicherweise wurde der Bestand der Lehrerbücherei trotz der Indizierungsaktionen der Nazionalsozialisten nicht wesentlich geschmälert. Die neuen Machthaber ergänzten die Bestände durch umfangreiche nationalsozialistische Literatur.

Obgleich das Haus beim Bombenangriff am 26. April 1944 erheblich beschädigt wurde, blieb die Bibliothek, die im Erdgeschoss untergebracht war, abgesehen von einigen Wasserschäden weitgehend erhalten. Allerdings sollen ca. 16.000 Bände nach dem Ende der Gewaltherrschaft durch Säuberungsaktionen der amerikanischen Besatzungsmacht entfernt worden sein - Bücher mit nationalsozialistischen, militaristischen und vaterländischen Inhalten. Dennoch sind heute etwa 3.000 Bände NS-Literatur inklusive Zeitschriften aus dem Bereich Schule und Erziehung erhalten und separat erfasst.

 

 

Neuanfang nach der Gewaltherrschaft

1948 wurde der Ausleihbetrieb wieder aufgenommen. Die Bibliothek umfasste zu diesem Zeitpunkt 80.000 Bände. Durch die Teilung Deutschlands wurde die Süddeutsche Lehrerbücherei die einzige und größte pädagogische Zentralbibliothek in Westdeutschland.

Die Jahre nach 1948 waren für den Bayerischen Lehrerverein Jahre des Aufbruchs mit der Wiederaufnahme der alten Vision der Gründungsväter: Eine sSchule zu schaffen, die nach pädagogischen Gesichtspunnkten arbeitet und nicht nach religiösen oder weltanschaulichen. Hinzu tritt nun die Überzeugung am Aufbau einer demokratischen Gesellschaft durch demokratische Schulen beizutragen. Eine große Bibliothek hat für die Verwirklichung dieser Ideale eine überragende Bedeutung. Der BLV verdoppelte fast den Bestand der Süddeutschen Lehrerbücherei bis zum Jahr 1972.

Die Kehrseite dieser Entwicklung war die ständige Steigerung der Kosten für Neuanschaffungen und vor allem für die Ausleihe. Neben der Ortsausleihe bestand die Möglichkeit der Fernleihe, was viel Zusatzarbeit für die Mitarbeiter der Süddeutschen Lehrerbücherei bedeutete. Gleichzeitig gingen aber die Ausleihzahlen zurück, da in den 60er Jahren die Bibliotheken an den pädagogischen Hochschulen und später an den Universitäten massiv ausgebaut wurden.

 

 

Suche nach einer festen Bleibe

Anfang der 70er Jahre wurde deutlich, dass die Süddeutsche Lehrerbücherei mittelfristig vom BLLV nicht mehr zu halten war. Es begannen Verhandlungen mit der Stadt München, mit der Pädagogischen Hochschule in Pasing und mit dem Freistaat Bayern. Zentrales Anliegen war, die Süddeutsche Lehrerbücherei als Einheit zu erhalten und nicht in unterschiedliche Bibliotheken aufzuteilen.

1972 lehnte die Stadt München eine Übernahme ab, da etwa 70 % des Bestandes Dubletten sein sollten - eine Fehleinschätzung, die später zur Revision des Beschlusses führen sollte. Der Freistaat Bayern lehnte eine geschlossene Übernahme ab und empfahl eine Teilung. Der Bibliotheksausschuss des BLV lehnte eine solche allerdings ab.

Die Verhandlungen mit der Stadt München wurden aber trotz des ersten ablehnenden Bescheids nicht aufgegeben. Man einigte sich im Laufe des Jahres auf eine neue Lösung, die der Stadtrat auf seiner Sitzung am 30. Januar 1974 annahm.  Der Vertrag zwischen BLLV und der Stadt München legte fest, dass die Süddeutsche Lehrerbücherei  für 30 Jahre als Dauerleihgabe an die Stadt München gegeben wird. Die Stadt verpflichtete sich bis 1976 eine neue Unterbringung der Bibliothek zu suchen. Zurück in der Geschäftsstelle blieben die für die Verbandsgeschichte relevanten Bücher und Publikationen und die Sammlung aller Ausgaben der vom BLV seit 1876 herausgegebenen Kinder- und Jugendzeitschrift Jugendlust (heute Floh und Flohkiste), die in einer kleinen Präsenzbibliothek zugänglich sind. (Anmeldung bitte im Büro des wissenschaftlichen Mitarbeiters.)

 

 

Waldemar Mohr betreut die SLB inner- halb der Münchner Stadtbibliothek

Die Süddeutsche Lehrerbücherei wird für das elektronische Zeitalter fit gemacht

Am 19. Oktober 1975 beschloss der Schulausschuss der Stadt München die Süddeutsche Lehrerbücherei in der Dachauer Straße 112 zwischenzulagern. Ein Verleih war dort nicht möglich. 

Erst 1991 erwachte die Süddeutsche Lehrerbibliothek aus dem unfreiwilligen Dornröschenschlaf. Sie wurde in der Stadtbibliothek im neu errichteten Kulturzentrum am Gasteig untergebracht. Dort ist sie im Magazin als Einheit untergebracht: Sie wurde nicht in die Bestände der Stadtbibliothek integriert. Noch ermöglichen die alten Zettelkästen im Lesesaal der Stadtbibliothek eine Nutzung und eine Übersicht über die Systematik und die Bestände der Lehrerbibliothek, die allerdings durch Verluste bei Umzügen und Schäden nicht mehr komplett sind.

Derzeit werden die Bände in das EDV-Erfassungssystem der Stadtbibliothek aufgenommen. Jeder einzelne Band muss hierfür in die Hand genommen und in die EDV eingegeben werden - eine äußerst langwierige Arbeit. Dabei stellte sich heraus, dass ca. 2-3 % des Bestandes von Schimmel befallen sind und vernichtet werden müssen.  Außerdem wird die Bibliothek von Dubletten befreit. Die Dubletten können in wenigen Wochen über die BLLV-Homepage gesichtet und kostenlos bestellt werden. 

 

 

Die Süddeutsche Lehrerbücherei wartet auf ihre Wiederentdeckung

Die Systematik der Lehrerbücherei unterteilt sich in 25 Gruppen wie u. a. Philosophie, Psychologie, Pädagogik, Erziehung, Schule, Schulrecht, Lehrer, Jugendliteratur, Religion, Naturwissenschaften. In der Bibliothek finden sich auch bibliothekarische Kostbarkeiten wie der Druck des ersten bayerischen Geschichtswerkes von Aventinus (1580), Erst- und Frühausgaben von Petrus Canisius, Amos Comenius, Johann Adam von Ickstatt, Heinrich Pestalozzi und Michael Sailer. Alle wichtigen deutschsprachigen pädagogischen Zeitschriften zwischen 1850 und 1970 finden sich. Zahlreiche Schulbücher aus 130  Jahren Schulgeschichte sind zu bewundern, ein besonders wichtiger pädagogischer Schatz, da die wissenschaftlichen Bibliotheken Schulbücher in der Regel nicht erfassen. Hinzu kommen viele längst verschollene Traktate und  Publikationen der sog. "grauen Literatur" aus dem 19. und dem 20. Jahrhundert.

Prof. Dr. Max Liedtke beschreibt die Süddeutsche Lehrerbücherei in einer ausführlichen Darstellung in der Nummer 4 der Bayerischen Schule des Jahrgangs 1995 mit folgenden Worten: "Der Wert der Süddeutschen Lehrerbücherei steckt darin, dass wir es hier mit einer kontinuierlich gewachsenen Lehrerbücherei zu tun haben. Diese Bücherei gibt Zeugnis darüber ab, was während eines Jahrhunderts im Interessenshorizont  der bayerischen Lehrerschaft gelegen hat, welche Ausschnitte dieser Welt von dieser Lehrerschaft wahrgenommen worden sind und was insoweit überhaupt Gegenstand intensiveren Unterrichts hat werden können. Sie gibt durch die personellen wie durch die hohen finanziellen Investitionen, die zum Aufbau und Erhalt einer solchen Bibliothek erforderlich waren, zugleich ein beeindruckendes Zeugnis dafür ab, dass der BLLV seine Selbstverpflichtung zur Fortbildung der Lehrerschaft sehr ernst genommen hat."

 

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Interessenten wenden sich an

Dr. Dieter Reithmeier
Bavariaring 37
80336 München
Tel. 089 721001 - 23
Fax 089 721001 - 90
sekretariat (at) bllv.de

Nutzer und Ausleiher können sich direkt in die Lesehalle der Münchner Stadtbibliothek begeben:

Zentralbibliothek Am Gasteig
Rosenheimer Str. 5
81667 München
Tel.: 089 / 480 98 -3313

Öffnungszeiten
Mo-Fr 10.00 - 19.00 Uhr
Sa 11.00 - 16.00 Uhr

 


 

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Münchner Stadtbibliothek

Die Süddeutsche Lehrer- bücherei ist seit 1995 Teil der Stadtbibliothek von München. Untergebracht ist sie in den Magazinen der Stadtbibliothek im Münchner Kulturzentrum am Gasteig. Im dortigen Lesesaal stehen die alten Zettelkästen. Die Bücher der SLB können ausgeliehen werden.

»Link zu Stadtbibiliothek

 

NS-Bestand

Der NS-Bestand der SLB, soweit er erhalten ist, umfasst ca 3.000 Bände. Titel und Autoren.

 

Freundeskreis SLB

Falls Sie Interesse haben, mit Hilfe der SLB zu recherchieren oder über sie zu forschen, falls  Sie sich für den Erhalt und die weitere Nutzung einsetzen wollen, wenden Sie sich an  den Geschäftsführer des BLLV sekretariat (at) bllv.de