Der Weg des Gymnasiums zu nachhaltigem Lernen

Vom Lehrplan zum Lernplan

Die Probleme des G8 sind nicht neu, sondern schlicht die alten des G9 in verdichteter Form. Höchste Zeit für ein neues Verständnis von Lernen jenseits der Debatte um das gekürzte Jahr. Der kommende „Lehrplan plus“ bietet eine Chance genau dafür. Eine Analyse.

 

Das G8- eine Zwischenbilanz 

Mit drei grundlegenden Problemen muss das G8 fertig werden:

 

Das Ressourcenproblem

Die Klassen und Lerngruppen sind häufig zu groß, Unterrichtsausfall ist an der Tagesordnung, da Ressourcen für ordnungsgemäße Vertretungen fehlen. Anrechnungsstunden für Tätigkeiten in der Schulentwicklung werden kaum gewährt. Ein Beispiel für das Ressourcenproblem des Gymnasiums ist die Ganztagsschule. Den ganzen Tag Unterricht – das bedeutet noch nicht Ganztagsschule. Es müssen Räume und Personal in ausreichender Zahl und Qualität zur Verfügung stehen, wenn das hohe pädagogische Potenzial einer rhythmisierten Ganztagsschule genutzt werden soll. Die Ausdehnung des Vormittagsunterrichts auf den Nachmittag bringt dagegen für Lehrer und Schüler nur weitere Belastungen, der kaum Nutzen gegenübersteht. 

 

Das Effizienzproblem

Mit Ausnahme des Sprachenunterrichts ist der Unterricht an Gymnasien nicht nachhaltig genug. Es wird viel zu viel auf klassische Weise gelehrt, statt dass Schüler selbstständig lernen. Sie pauken auf Prüfungen hin, der Stoff wird abgeprüft und schnell vergessen. Stofffülle und Prüfungsdichte erschweren einen kompetenzorientierten und nachhaltigen Unterricht. 

 

Das konzeptionelle Problem

Die Einführung des G8 wäre die Chance gewesen, ein zeitgemäßes Konzept, das auf modernen lern- und entwicklungspsychologischen Erkenntnissen beruht, umzusetzen.  Das Gymnasium der Gegenwart leidet unter dem Spagat zwischen dem Festhalten an überkommenen und veralteten Strukturen und Traditionen einerseits und einer halbherzigen und meist nur oberflächlich postulierten Öffnung für das unvermeidlich Neue andererseits. Dadurch entsteht ein Widerspruch, den Lehrer und Schüler aushalten müssen. 

 

So soll einerseits fächerübergreifendes Lernen praktiziert werden, andererseits existieren bis zu 16 verschiedene Fächer für eine Klasse. Ein anderes Beispiel: Um die Lesekompetenz zu fördern, soll im G8 auch in den sogenannten Sachfächern jährlich eine Lektüre behandelt werden. Den Schulen wurde kein Weg aufgezeigt, wann und wie diese sinnvolle aber zeitintensive Lektüre stattfinden soll. Die sowieso schon vollen Lehrpläne wurden dafür in keiner Weise reduziert.  


Lösungen:  Vom Lehrplan zum Lernplan

Der Lehrplan ignoriert weitgehend die Erkenntnisse der Lern- und der Entwicklungspsychologie und der Hirnforschung. Er orientiert sich fast ausschließlich am Unterrichtsstoff, er berücksichtigt nicht, was von den Schülern tatsächlich gelernt werden kann. Dieser Lehrplan führt dazu, dass moderne Formen des nachhaltigen Unterrichtens und Lernens nur selten angewandt werden können. So bleibt es weitgehend beim traditionellen Unterricht.

 

Das Gymnasium in Bayern steht vor einer großen Herausforderung: Einerseits braucht  es dringend eine neue Vision von Schule und Gymnasium und darauf aufbauend konkrete Reformen, andererseits sind Lehrkräfte, Eltern und Schüler noch immer enttäuscht von der überhasteten Einführung des achtstufigen Gymnasiums und sagen sich: „Nicht schon wieder eine Reform!“ Die Neukonzeption des gymnasialen Lehrplan („Lehrplan plus“) bis 2015 bietet aber die große Chance, im Rahmen dieser ohnehin anstehenden Reform modernes und nachhaltiges Lernen zu befördern. Der Lehrplan muss sich zu einem Lernplan entwickeln, der drei Prinzipien berücksichtigt:

 

Die Lehr- und Lerninhalte müssen radikal gekürzt werden

Die Schüler behalten oftmals erschreckend wenig vom behandelten Stoff. Das Lehrplanpensum erfordert ein zu hohes Lerntempo, der strikte 45-Minuten Rhythmus verhindert intensive Verstehens- und Übungsphasen und verleitet zur Reduktion des Unterrichts auf abprüfbares Wissen. Der schnelle Wechsel der Unterrichtsfächer führt zu oberflächlichem Lernen. Im Mittelpunkt stehen zu stark das bloße Faktenwissen und die Erarbeitung der Fachbegriffe. Handlungs- und verstehensbezogene Kompetenzen kommen meistens zu kurz. Insbesondere in den Sachfächern müssen die Lerninhalte - nicht der Umfang des Lehrplans - radikal auf die Hälfte reduziert werden. Es geht nicht darum, bestimmte Inhalte als unwichtig abzuwerten. Nachhaltiges Lernen verlangt aber Vertiefung, Wiederholung, Vernetzung und Anwendung. Die Lerninhalte müssen sich daher auf exemplarische Inhalte begrenzen, die kategoriales Wissen und den Aufbau von Kompetenzen ermöglichen.

 

Die Fächer müssen miteinander vernetzt werden

Eine Reihe von Lerninhalten wird in verschiedenen Fächern zu unterschiedlichen Zeitpunkten behandelt. Synergieeffekte kommen in der Lehrplangestaltung und im Unterrichtsalltag zu selten zur Anwendung. Das ist bei dem jetzigen Lerntempo und der Fülle der Lerninhalte auch nicht möglich. Die Querverweise in den Fachlehrplänen sind zwar hilfreich, sorgen aber nicht für eine ausreichende Vernetzung. Fächerverknüpfungen werden im Nachhinein beobachtet und im Lehrplan vermerkt, aber nicht in einem fächerübergreifenden Team erarbeitet.

 

Schüler lernen häufig verschiedene Facetten eines Themas in unterschiedlichen Fächern, ohne die Zusammenhänge zu erkennen. Die Lehrer der unterschiedlichen Fächer können sich aufgrund der organisatorischen Zwänge nur in Einzelfällen thematisch absprechen und koordinieren. Dies verstärkt die Tendenz, bloßes Faktenwissen statt kategoriales Wissen zu vermitteln. Kategoriales Wissen kann sich der Schüler am besten aneignen in fächerübergreifenden Projekten mit konkretem Bezug zur Lebenswelt. Dazu brauchen wir im Gymnasium feste, angemessene Zeitfenster für curricular verankerte fächerübergreifende Projekte. Das Curriculum muss fächerübergreifend entwickelt und die hohe Anzahl verschiedener Fächer in der Unter- vor allem aber  in der Mittelstufe reduziert werden. Entscheidend ist nicht eine Fächervielfalt, sondern eine Vielfalt an Themen. Der BLLV schlägt daher vor, den Unterricht nicht nur in Einzelfächern (z.B. Fremdsprachen, Mathematik), sondern verstärkt auch in Domänen (z.B. Natur- oder Gesellschaftswissenschaften) zu organisieren.

 

Der Lehrplan muss sich an entwicklungspsychologischen Erkenntnissen ausrichten

Die Lehrpangestaltung orientiert sich zu wenig an der Entwicklungspsychologie. So werden abstrakte Inhalte immer noch in Jahrgangsstufen behandelt, in denen die Schüler sie entwicklungspsychologisch bedingt noch nicht aufnehmen können, und für die sie sich auch aus ihrer Lebenswirklichkeit heraus nicht interessieren. Daher lernen Schüler oftmals nur leere Begriffe oder Namen, ohne sie zu verstehen und zu behalten. Dies beschleunigt das Vergessen und die Gleichgültigkeit gegenüber den Lerninhalten und fördert Desinteresse am schulischen Lernen überhaupt.

 

Der Lehrplan muss zusammen mit Entwicklungspsychologen an Altersgemäßheit orientiert werden. Es müssen Freiräume für nachhaltige Unterrichtsmethoden geschaffen werden. Im Mittelpunkt müssen die Erkenntnisse des verständnisintensiven Lernens stehen. Es wird Zeit, dass sich nicht nur einzelne Lehrkräfte oder wenige Vorzeigeschulen, sondern das ganze System Gymnasium hin zu einer modernen, am Lernen statt am Lehren und Abprüfen orientierten Schule entwickelt. Nach dem Reformkrepierer G8 bietet der neue Lehrplan erneut die Chance für eine solche dringend notwendige Modernisierung.

 

Die Personalausstattung muss deutlich verbessert werden

Das Bildungsbewusstsein vieler Eltern und der Wunsch nach einer gymnasialen Ausbildung sind in den letzten Jahren stark gestiegen. Diese Entwicklung hat sich trotz der Einführung der sechsjährigen Realschule und verschiedener Hauptschulreformen ungebremst fortgesetzt. Die anhaltende Steigerung der Übertrittsquote führt am Gymnasium trotz des demografisch bedingten Rückgangs der Gesamtschülerzahl zu keiner Verringerung der Schülerzahlen. Dies führt zu zahlreichen Herausforderungen am Gymnasium:

 

Die soziale Herkunft, der Bildungshintergrund, die Umgangsformen und die Lernerfahrungen der Schüler am Gymnasium sind heute um ein Vielfaches heterogener als noch vor zwanzig Jahren. Dies erfordert ein deutliches Mehr an Zuwendung, Aufmerksamkeit und methodischen Kompetenzen. Die nach wie vor viel zu hohen Klassenstärken und die zu geringe Zahl an Lehrkräften ermöglichen keine ausreichende differenzierte, individuelle Förderung. Viele Eltern müssen dies durch privaten Nachhilfeunterricht kompensieren. Für die neuen Aufgaben Ganztagsschule und Inklusion stehen mit Abstand zu wenig Lehrer zur Verfügung.

 

Trotz des hohen Personalbedarfs wurden die durch den doppelten Abiturjahrgang freigewordenen 1499 Lehrerstellen an die Universität verlagert anstatt sie zur Verbesserung der Unterrichtsversorgung und den Ausbau der individuellen Förderung zu nutzen. Die im Gegenzug geschaffenen zusätzlichen 1177 Stellen für die Zunahme der Schülerzahlen und für Ganztagsschulen reichen nicht aus. Der BLLV anerkennt ausdrücklich, dass im Nachtragshaushalt 2012 auch für das Gymnasium neue Stellen geschaffen werden sollen. Dennoch liegt die Zahl der neuen Stellen erheblich unter dem tatsächlichen Bedarf. Der BLLV fordert deshalb die deutliche Aufstockung der Personalausstattung an den bayerischen Gymnasien.

 

Der BLLV als einziger Lehrerverband in Bayern, der Lehrer aller Schularten organisiert, fordert im Gymnasium den sukzessiven Wechsel vom Lehrplan zum Lernplan und die deutliche Verbesserung der Lehrerversorgung.

 

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