Position des BLLV zur Zukunft des Gymnasiums

Dieses Positionspapier wurde von der Landesdelegiertenversammlung 2007 des BLLV verabschiedet.

 

Grundsätzliches

Der BLLV hält das Streben nach homogenen Lerngruppen und das daraus resultierende frühe Sortieren von Schülern grundsätzlich für einen pädagogischen Irrweg. Dessen ungeachtet behält das Gymnasium auf alle Fälle unabhängig von einer möglichst langen gemeinsamen Schulzeit seine Berechtigung als wissenschaftspropädeutische Schule. Zumindest mittelfristig muss weiterhin von einem gegliederten Schulwesen ausgegangen werden. In einem solchen sollte das Gymnasium offen sein für Formen der Kooperation und Integration mit anderen Schularten.

Solange das Gymnasium nicht von seinem Systemauftrag der Auslese befreit ist, müssen die darin unterrichtenden Lehrkräfte weiterhin Selektionsentscheidungen treffen und verantworten. Darin zeigt sich der prinzipielle und nicht auflösbare Widerspruch zwischen Förderung und Selektion. Der BLLV will ein Gymnasium, dessen Schwerpunkt, soweit es der Zwang zur Selektion zulässt, in Richtung Förderung verschoben wird.

 

1 Lehrerbild, Lehrerrolle

Immer mehr Gymnasiallehrkräfte hinterfragen die von Außen an sie herangetragene Rolle als Bewerter und Verteiler von Lebenschancen. Sie lehnen den Zwang zur ständigen Benotung und die damit verbundene Selektion von Schülerinnen und Schülern ab. Als Lehrer im eigentlichen Sinn wollen sie Schülerinnen und Schülern bei Aufbau und Selbsterwerb von fachlichem und methodischem Wissen helfen und sie darüber hinaus als Pädagogen bei ihrer Persönlichkeitsbildung unterstützen.

Doch dies ist momentan nur unter erschwerten Bedingungen möglich; nicht nur wegen der strukturellen Vorgaben, sondern weil Lehrkräfte oft nur wenige Stunden in den einzelnen Klassen sind. Der BLLV ist der Überzeugung, dass das Gymnasium der Zukunft durch einen stärkeren personalen Bezug zwischen Lehrern und Schülern charakterisiert werden muss. Der Wegfall des ständigen Benotungszwangs würde die Lehrkräfte psychisch entlasten und ihren Korrekturaufwand erheblich reduzieren.

 

2 Lehrerbildung

Derzeit werden Gymnasiallehrer noch zu sehr als Fachwissenschaftler ausgebildet. Dies kann sich negativ auf ihr Berufsverständnis und ihr Lehrerverhalten auswirken. Im Lehramtsstudium soll es daher ein erziehungswissenschaftliches Kerncurriculum für die Lehramtsstudiengänge aller Schularten geben. Dadurch wird ein Mindestanteil verpflichtend zu besuchender und praxisbezogener Lehrveranstaltungen, insbesondere in Psychologie, aber auch in der (Schul‑)Pädagogik und den Fachdidaktiken gesichert.

 

Während des Studiums müssen Theorie und Praxis besser ineinander greifen. Dies bedeutet:

  • Es werden mehrere Praxisphasen über die gesamte Dauer der Ausbildung hinweg verteilt.
  • Alle Praxisanteile werden wissenschaftlich begleitet, die Studenten werden betreut und reflektieren ihre Unterrichtsversuche.
  • Stärker als bisher wird auch in der theoretischen (erziehungswissenschaftlichen wie fachwissenschaftlichen) Lehre handlungsorientiert ausgebildet, also auf den Bezug zum späteren Unterrichtsgeschehen geachtet.

 

Eine eigene „Gymnasialpädagogik“ erscheint dem BLLV unangemessen. Sinnvoller ist eine Unterteilung in Pädagogiken der Altersstufen, also in „Pädagogik der Primarstufe“, „Pädagogik der Sekundarstufe I“ und „Pädagogik der Sekundarstufe II“, da die zu beachtenden Unterschiede zwischen diesen Stufen bedeutsamer sind als die Unterschiede etwa zwischen gleichaltrigen Realschülern und Gymnasiasten.

Um eine höhere Flexibilität und breitere Einsatzmöglichkeiten der Lehrkräfte zu gewährleisten, schlägt der BLLV folgendes Modell vor:

Künftige Gymnasiallehrer studieren weiterhin ein Fach „vertieft“, zusätzlich zwei Fächer „nicht vertieft“. Dabei müssen die fachwissenschaftlichen Veranstaltungen stärker berufsfeldbezogen sein. Die Fächerkombinationen sollten mit gewissen Einschränkungen (z.B. mindestens ein Kernfach) grundsätzlich frei wählbar sein. Dieses Modell käme langfristig einem wünschenswerten Schulmodell entgegen, in dem stärker als bisher fächerübergreifend und in Teams gearbeitet wird und es ermöglicht, dass Lehrkräfte mit mehr Stunden in ihren jeweiligen Klassen eingesetzt werden können.

Auch das Referendariat bedarf einer erheblichen Änderung. Es hat in erster Linie auf die Bedürfnisse der Ausbildung und nicht auf die Sicherstellung der Unterrichtsversorgung zu achten.

 

3 Innere Struktur

Die bisherige Struktur des Gymnasiums, wonach der Unterricht streng in viele verschiedene Fächer getrennt abläuft, die einzelnen Fächer möglichst viele Stunden für sich reklamieren und möglichst viele und versetzungsrelevante Prüfungen abhalten, wird einer Schule des 21. Jahrhunderts nicht mehr gerecht. Sie führt dazu, dass der Schultag in einen starren und kurzatmigen 45-Minuten-Takt zerfällt und in den einzelnen Klassen viele verschiedene Lehrkräfte jeweils nur wenige Stunden unterrichten. Die hohe Anzahl an Einzelfächern mit der damit verbundenen erheblichen Prüfungsdichte zwingt die Schülerinnen und Schüler zu bulimischem Lernen und verhindert Nachhaltigkeit.

 
Die drei unterschiedlichen Schulstufen definieren sich durch ein dem Entwicklungsstand der Schüler angepassten didaktischen Profil.

  • In den Jahrgangsstufen fünf mit sieben soll der Unterricht eher in Fächerverbünden durchgeführt werden. Der Unterricht in einem Fächerverbund wird in einer Klasse nur von einer Lehrkraft erteilt. Diese muss eines der entsprechenden Fächer studiert haben. Um pädagogisch wirksam arbeiten zu können, sollten Lehrer vor allem in der Unterstufe in möglichst vielen von ihnen studierten Fächern in möglichst wenig verschiedenen Klassen eingesetzt werden.
  • In den Jahrgangsstufen acht und neun liegt der Schwerpunkt auf Projektarbeit. Neben Präsenzphasen in der Schule besuchen die Schülerinnen und Schüler auch außerschulische Lernorte. Schulischer Unterricht findet in modularisierter Form statt.
  • In der zehnten Jahrgangsstufe setzt der wissenschaftspropädeutische Unterricht in Einzelfächern ein. In der Oberstufe werden Lehrkräfte nur in dem Fach eingesetzt, das sie vertieft studiert haben.

 

Individualisierung, Flexibilisierung und Modularisierung lassen sich allerdings in einem Halbtagsbetrieb nicht umsetzen. Die Gymnasien müssen daher zu echten Ganztagsschulen mit rhythmisierten Stundentafeln ausgebaut werden. Dies erfordert eine umfassende materielle und personelle Ausstattung der einzelnen Schulen. Dazu gehört unabdingbar ein eigener Arbeitsplatz für jede Lehrkraft.

 

4 Leistungsbeurteilung, Sitzenbleiben

Es finden lediglich noch an zwei Zeitpunkten zertifizierende Prüfungen statt: Am Ende der Sekundarstufe I wird der mittlere Bildungsabschluss abgelegt, am Ende der Sekundarstufe II das Abitur. Beide Prüfungen werden zentral durchgeführt und basieren auf den Bildungsstandards für diese Abschlüsse.

Gymnasiallehrkräfte werden damit von Selektionsdiagnostik weitgehend entbunden. Sie erstellen dagegen während des laufenden Schuljahres förderdiagnostische Lernstandsbeschreibungen. Diese dokumentieren die Lernentwicklung eines Schülers, benennen Schwächen sowie Stärken und unterbreiten Fördermöglichkeiten, die das Erreichen der Bildungsstandards ermöglichen sollen. Darüber hinaus werden die Schülerinnen und Schüler zur Selbstevaluation ihrer Leistungen – bspw. über Lerntagebücher – angehalten.

Wenn trotz Ausschöpfung aller zur Verfügung stehenden Fördermöglichkeiten ein Erreichen der jeweiligen Abschlüsse nicht zu erwarten ist, werden die Erziehungsberechtigten durch die Schule beraten, wie der weitere Bildungsgang gestaltet werden soll. Für besondere Fälle müssen der Schule juristische Möglichkeiten eingeräumt werden, zum Wohle des Kindes auch gegen den Willen der Erziehungsberechtigten einen Schulwechsel zu vollziehen. Grundlage einer solchen Entscheidung muss ein umfassendes und testiertes schulpsychologisches Gutachten sein.

 

5 Arbeitsbedingungen

Der BLLV sieht Schule als Lebensraum für Schüler und Lehrer. Für die Durchführung von Projekt- und Förderunterricht sowie für Binnendifferenzierung sind an den Gymnasien auch die entsprechenden baulichen Voraussetzungen für eine flexiblere Raumnutzung zu schaffen. Um Gymnasien als echte Ganztagsschulen führen zu können, müssen neben Aufenthalts- und Arbeitsräumen für Schüler und Lehrer auch ausreichend eigene Arbeitsplätze für Lehrkräfte in der Schule zur Verfügung gestellt werden.

Neben diesen architektonischen Veränderungen muss auch die personelle Ausstattung der einzelnen Gymnasien deutlich verbessert werden. Den Schulen müssen mehr Lehrerstunden zugewiesen werden, da Individualisierung und Projektunterricht mehr Zeit und Personal erfordern als traditioneller Frontalunterricht. Darüber hinaus müssen der schulpsychologische Dienst ausgebaut und den Schulen verstärkt weiteres pädagogisches Personal, wie bspw. Sozialpädagogen, zugewiesen werden.

 

 

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