Weniger ist mehr: Der Bremer Hirnforscher Prof. Dr. Gerhard Roth plädiert für ein neues hirngerechtes Lernen an den Schulen. Weniger Stoff, dafür mehr Zeit zum Vertiefen wäre nötig.
Weniger ist mehr: Der Bremer Hirnforscher Prof. Dr. Gerhard Roth plädiert für ein neues hirngerechtes Lernen an den Schulen. Weniger Stoff, dafür mehr Zeit zum Vertiefen wäre nötig.

Hirngerechtes Lernen geht anders

Der Hirnforscher Prof. Dr. Gerhard Roth skizziert, wie moderner Unterricht aussehen sollte

Das Lernen an unseren Schulen ist oft alles andere als hirngerecht. Zu viel Stoff, dazu ein 45-Minuten-Takt, der vertiefendes Üben ausbremst. Wie guter Unterricht gestaltet sein muss, erklärte der Bremer Hirnforscher Prof. Dr. Gerhard Roth beim BLLV.

 

Die Effizienz unseres Bildungssystems ist für Roth niederschmetternd. „Sechs Jahre nach dem Abitur können die meisten nicht einmal mehr den Dreisatz“, sagt der Hirnforscher und resümiert: „Vieles läuft hier unglaublich falsch“. Der BLLV hatte den renommierten Wissenschaftler zur Expertenanhörung „G8 geht anders“ eingeladen, um aus erster Hand zu erfahren, wie Unterricht nach neuesten wissenschaftlichen Gesichtspunkten gestaltet sein muss, damit Lernen nachhaltig ist. Der BLLV fordert eine umfassende Reform und ein neues Lern- und Leistungsverständnis an den Gymnasien, das der modernen Lern- und Hirnforschung entspricht.

 

Der Lernerfolg basiert Roth zufolge im Wesentlichen auf diesen Faktoren:  Der Persönlichkeit, Kompetenz und Vertrauenswürdigkeit des Lehrenden, von der Intelligenz, Motivation und dem Fleiß des Schülers, der Aufbereitung des Stoffes durch die Lehrkraft, dem Vorwissen der Schüler und der Anschlussfähigkeit des Stoffes und der systematischen und aktiven Wiederholung des Stoffes. Der Chef des Instituts für Hirnforschung der Universität Bremen beruft sich in seinen Thesen auf die größte Meta-Studie überhaupt, für die ein Team um den neuseeländischen Forscher Hattie die Ergebnisse von mehr als 50.000 Untersuchungen herangezogen hat. Sitzenbleiben wirkt sich der Studie zufolge extrem negativ aus.

 

Soziales Umfeld bestimmt Lernmotivation

Ob der Unterricht erfolgreich ist, hängt also wesentlich von den Eigenschaften und Fähigkeiten der Lehrkraft ab. Ein gute Lehrerin oder ein guter Lehrer besitzen nach Roth psychologische Kompetenz. „Der Umgang mit Verhaltensauffälligkeiten und Lernschwierigkeiten  muss in der Lehrerbildung professionell trainiert werden. Die persönlichen Eigenschaften des Schülers beeinflussen ebenfalls maßgeblich den Lernerfolg. Ein weiterer Faktor ist die Intelligenz. Sie ist in hohem Maß angeboren. Weil aber rund 70 Prozent der Menschen ähnlich intelligent sind, wirken sich äußere Einflusse wie zum Beispiel die Qualität des Unterrichts besonders stark aus.

 

Die Umwelt, aber die Persönlichkeit des Schülers bestimmen seine Lernmotivation. Ein offenes Familienklima, das Lernen positiv würdigt, das Vorbild der Eltern und frühe Lernerfolge erklären Roth zufolge, warum Motivation und Fleiß signifikant mit dem Bildungsgrad der Eltern zusammenhängen. Darum findet man Hochbegabte vor allem in bildungsnahen und sozial gut gestellten Elternhäusern. „Bildungsferne ist auch Motivationsferne“, sagt der Hirnforscher.

 

Das richtige Maß an Stress ist gut fürs Lernen

Auch bei Roth gibt es ohne Fleiß keinen Preis. „Was keine Anstrengung erfordert, speichert das Gehirn nicht.“ Eine herausforderungsfreie Schule kann aus seiner Sicht nicht funktionieren. Je mehr geistige Energie man für die Aneignung eines Wissens aufwendet, desto besser bleibt es im Gedächtnis haften. Ein gewisses Maß an Stress erachtet er als notwendig, allerdings nicht zu viel davon. Das Optimum an Stress nennt er Herausforderungen. Diese sei Voraussetzung dafür, dass Neues im Gedächtnis haften bleibt. Eine weitere: Der Stoff muss auch wirklich verstanden werden. Die dritte: Üben, üben, üben. Notwendig ist die systematische und aktive Wiederholung des Gelernten durch den Schüler.

 

Die Stofffülle im Lehrplan ist ebenfalls kontraproduktiv. Weniger wäre hier mehr. „Weniger Stoff verständnisvoll herübergebracht hat einen viel höheren Wirkungsgrad.“ Zudem müsse dieses Wissen anschlussfähig sein. Nur Wissen, das mit dem vorhandenen sinnvoll verknüpft werden kann, wird vom Gehirn gespeichert. Es kommt also darauf an, die Schüler dort abzuholen, wo sie stehen.


Hirngerechter Unterricht nach Roth

  • Drastische Verringerung der Fülle des Unterrichtsstoffes und Konzentration auf die wesentlichen Inhalte („Weniger ist mehr“!).
  • Abschied vom 45-Minutentakt: Eine Thematik für einen Tag; wenn immer möglich in fächerübergreifender Darbietung durch Lehrertandems.
  • Sorgfältiges Überprüfen des aktuellen Vorwissens und der Anschlussfähigkeit vor Beginn der Vermittlung eines neuen Stoffes.
  • Geeignete Mischung von Unterrichtsformen: Frontalunterricht, Gruppenarbeit, Einzelarbeit unter Anleitung der Lehrperson.
  • Beim Frontalunterricht (max. 45 Minuten) Berücksichtigung der Eigenheiten des Arbeitsgedächtnisses: Präsentation des Stoffes in vielen kurzen „Spannungsbögen“, unterbrochen von kurzen „Aufmerksamkeitspausen“.
  • „Aktives“ Abfragen des Stoffes nach 3-4 Wochen und 3-4 Monaten.

Merkmale erfolgreichen Unterrichts nach Hattie (Meta-Meta-Analyse 2009/2012)

Glaubwürdigkeit des Lehrers

Qualifizierte Rückmeldungen an den Schüler

Qualität des Unterrichts durch Lehrer

Reziprokes Unterrichten

Positives Lehrer-Schüler-Verhältnis

Direkte Instruktion durch den Lehrer

Herausfordernde Ziele setzen

Entdeckendes Lernen

Interne Differenzierung

Reduzierung der Klassengröße

Jahrgangsübergreifender Unterricht

Offener Unterricht

Sitzenbleiben

0.90

0.73

0.75

0.74

0.72

0.59

0.59

0.30

0.28

0.21

0.04

0.01

-1.6


Zu vernachlässigender Effekt: 0-0.2; kleiner Effekt: 0.21-0.4;moderater Effekt: 0.41- 0.6; starker Effekt: 0.61 und größer

 

 


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