Prof. Dr. Arnd Gottschalk (l.) und Prof. Dr. Rudolf Kammerl

10.10.2016

Wie verändert die Digitalisierung Schule und Lernen?

17 Thesen von Bildungsforschern

 

Die Digitalisierung  wird auch Schule und Lernen verändern. Welche Herausforderungen und Konsequenzen damit verbunden sind, skizzieren die Bildungsforscher Prof. Dr. Arnd Gottschalk und Prof. Dr. Rudolf Kammerl. Sie referierten als Keynotespeaker beim BLLV-Kongress "Digitalisierung und Schule". Eine Zusammenfassung ihrer Vorträge.

 

 

Prof. Dr. Arnd Gottschalk, Hochschule für angewandte Wissenschaften Würzburg Schweinfurt

 

Die Digitale Revolution hat bereits stattgefunden

Die eigentliche digitale Revolution hat bereits in den 1960/70er Jahren stattgefunden. Seitdem erleben wir einen evolutionären Prozess der technologischen Weiterentwicklung und Anwendungsübertragung in sämtliche Bereiche des täglichen Lebens. Der staatliche organisierte bzw. regulierte Bildungsmarkt kann die Trends der Digitalisierung zwar noch blockieren, richtet damit aber dauerhaften Schaden für die deutsche Wirtschaft an.

 

Die Digitalisierung wirkt mehrdimensional

Die Digitalisierung betrifft nicht nur die Qualität der Lehr-Lern-Prozesse, die IT-Ausstattung von Schulen, sondern auch Fragen der Organisation und Führung. So wird das zeit- und ortsunabhängige Lernen durch starre Rahmenbedingungen blockiert. Die Digitalisierung eröffnet neue Berufsfelder wie das des Learning-Analysts, zugleich verändert sich die Rolle der Lehrkraft in Richtung Lernbegleiter.

 

Die Digitalisierung bewirkt eine Arbeitsverdichtung

Sowohl für Lehrkräfte wie auch Schüler ist eine Verdichtung der Arbeit zu erwarten: das Kommunikationsverhalten intensiviert sich, Informationsbeschaffung und -verarbeitung beschleunigen sich.  Die Arbeit mit digitalen Unterrichtsmedien erfordert einen erheblichen Zeitaufwand, nach wie vor erwerben Lehrkräfte digitale Kompetenzen in Eigeninitiative.

 

Das 21. Jahrhundert erfordert eine Anpassung des Bildungsauftrags

Nötig ist Entwicklung mündiger, kritischer und verantwortungsbewusster Menschen, die über Kompetenzen für den Umgang mit den Bedingungen des globalen und digitalen Zeitalters verfügen. Derzeitige und künftige Schüler werden im Berufsleben noch stärker als bisher in global vernetzen und digitalisierten Wertschöpfungsprozessen arbeiten. Dazu brauchen sie eine fundierte Medien- und Digitalkompetenz.

 

Der Zugang zu Technologie ist der wesentliche Treiber für den Erwerb von Computer- und Informationskompetenzen

Ohne Zugang zu Hard- & Software und Breitbandinternet kann kein Kompetenzerwerb stattfinden. Dass Schüler der Jahrgangstufe 8 in Deutschland im internationalen Vergleich im Mittelfeld liegen, liegt auch daran, dass diese Gruppe kaum Zugang zu Informationstechnologien hat. Das Smartphone ist dabei kein Ersatz.

 

Potenziale der Digitalisierung werden im Bildungsbereich nicht ausgeschöpft

Digitale Medien werden an Schulen derzeit hauptsächlich zum Recherchieren, Präsentieren und Verteilen von Informationen genutzt. Vernetztes, kollaboratives, zeit- und ortsunabhängiges Arbeiten findet nur selten statt.

 

Lehrpersonen wollen die Digitalisierung, haben aber Bedenken

Lehrpersonen stehen den Entwicklungen der Digitalisierung positiv gegenüber. Das zeigen sämtliche Studien. Allerdings steht Deutschland bei der Computernutzung im Unterricht auf dem letzten Rang (ICLS 2013). Gründe können die mangelnde technische Ausstattung, aber auch Bedenken des Lehrpersonals sein. So sehen deutsche Lehrkräfte überproportional häufig Probleme bei den Aspekten Kopieren, die Gefahr der Ablenkung und organisatorische Probleme.

 

Lehrpersonen können Digitalisierung, haben aber Potenzial bei der Umsetzung

Deutsche Lehrpersonen schätzen sich selbst auf einem mittleren Niveau bei den digitalen Kompetenzen ein, nutzen digitalen Medien im Unterricht aber nur unterdurchschnittlich (OECD 2016). Gründe können eine mangelhafte IT-Infrastruktur sein und fehlende Fortbildungen.

 

Die Gestaltung der digitalen Transformation erfordert autonome Schulentwicklung

So viel Regulierung wie nötig und so viel Freiraum wie möglich: Durch autonome Schulentwicklung entsteht kreativ-konstruktiver Wettbewerb, können sich gute Beispiele entwickeln, werden spezifische und passgenaue Konzepte für die einzelnen Schulen entstehen.

 

 

Prof. Dr. Rudolf Kammerl, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg

 

Nachholbedarf an Schulen verstärkt soziale Ungleichheit

Digitale Medien werden in Deutschland deutlich weniger genutzt als in anderen OECD-Ländern, zeigen Vergleichsstudien (OECD, ICILS). Eine gezielte Förderung digitaler Kompetenzen findet in Deutschland seltener statt. Die Nutzung digitaler Medien hängt vom sozialen Status ab, was wiederum die soziale Ungleichheit verstärkt. Sozial Schwache werden abhängt.

 

Fehlender reflektierter Umgang mit digitalen Medien

Kinder und Jugendliche erwerben in erster Linie instrumentelle Fertigkeiten im Umgang mit digitalen Medien. Sie werden schon früh an ihre Rolle als Kunden und Datenzulieferer für die großen Internetkonzerne gewöhnt. Ein Verstehen der Funktionen der genutzten Anwendungen findet kaum statt. Die Schulen müssen hier gegensteuern und entsprechende Kompetenzen vermitteln. Dabei hat sie die unterschiedlichen sozialen Ausgangsbedingungen zu berücksichtigen.

 

Rechtliche Grenzen

Der Individualisierung eines mit „Big Data“ programmierten Unterrichts sind in Deutschland aus rechtlicher Perspektive Grenzen gesetzt. Die Daten zum persönlicher Lernverhalten bedürfen eines besonderen Schutzes, da Rückschlüsse zu Motivation, Intelligenz u.a. möglich werden. (Kommerzielle) Anbieter von „Online-Universitäten“ wie Coursera oder Udacity behalten sich aber alle Rechte an einer Verwertung der Daten der Lernenden vor -  z. B. auch den Verkauf persönlicher Daten an mögliche Arbeitgeber.

 

Didaktische Bedenken

Ein auf Algorithmen basierter, programmierter und individualisierter Unterricht ist abzulehnen, da weder die damit gestalteten Lernprozesse noch die damit erreichbaren Ziele mit den Qualitätskriterien guten Unterrichts übereinstimmen. Statt zum Subjekt von Lernprozessen werden Schüler zum Objekt des programmierten Unterrichts.

 

Gefährdung der Selbstbestimmung

Machtinteressen (Snowden-Affäre) oder ökonomische Interessen (Big Data bei Facebook, Google & Co.) gefährden die digitale Souveränität des Einzelnen. Eine gezielte Förderung der Kritikfähigkeit und der kreativen Gestaltung digitaler Möglichkeiten jenseits der vorgedachten Konsumentenrolle wird verstärkt nötig.

 

Erwartungen an den Effekt digitaler Medien für das Lernen sind überzogen

Die ICILS-Studie berichtet für Deutschland sogar einen negativen Zusammenhang zwischen Einsatz digitale Medien und computer- und informationsbezogener Fähigkeiten. Es sind medienpädagogisch qualifizierte Lehrkräfte nötig, um Bildungsprozesse der Schülerinnen und Schüler zu unterstützen. Hier besteht in allen drei Phasen der Lehrerbildung Handlungsbedarf.

 

Schulische Medienbildung ist vorausetzungsvoll

Zur Sicherung gleicher Bedingungen muss an allen Schulen Ausstattung und Support sichergestellt werden. Es sind Standards für die Medienbildung über die Bildungskette hinweg zu konkretisieren. Materialien für schulische Medienbildung sind zu entwickeln.

 

Qualitätssicherung von digitalem Lernen nötig

Nicht jeder Unterricht mit und über digitalen Medien ist guter Unterricht. Die Schulentwicklungsprozesse zu schulspezifisch ausgeprägten Medienbildungscurricula müssen begleitet werden von Evaluations- und Qualitätsmaßnahmen. Um geeignete Instrumente der Qualitätssicherung zu entwickeln, ist die Förderung einer anwendungsorientierten Medienbildungsforschung nötig.

 

 

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