Bilingualer Unterricht: Natürliches Doping fürs Gehirn

Bilinguales Lernen fördert die kognitive Leistungsfähigkeit von Kindern. Bayern steht hier aber noch ganz am Anfang. Der BLLV brachte nun Experten auf diesem Gebiet und bayerische Bildungspolitiker zu einem Erfahrungsaustausch zusammen.

 

BLLV-Vizepräsidentin Waltraud Lucic hatte die Diskussionsrunde arrangiert. Eingeladen waren führende Wissenschaftler auf dem Gebiet, eine Delegation des Ministeriums für Bildung, Wissenschaft und Kultur von Rheinland-Pfalz, Lehrkräfte aus ganz Bayern sowie die bildungspolitischen Sprecher aller fünf Landtagsfraktionen.

In Bayern steckt der bilinguale Unterricht buchstäblich noch in den Kinderschuhen. Der Freistaat kann lediglich mit einer Modellgrundschule in Augsburg aufwarten, die seit dem Schuljahr 2007/08 einen bilingualen englisch-deutschen Klassenzweig ab der ersten Klasse anbietet, in dem die musischen Fächer in Englisch erteilt werden. Dr. Josef Meier von der Universität Augsburg, der den Modellversuch wissenschaftlich begleitet, berichtete den bildungspolitischen Sprechern der Landtagsfraktionen von hochmotivierten Kindern, die nicht nur besser entwickelte soziale Kompetenzen, sondern im Vergleich zu Klassen ohne bilingualen Unterricht auch beim Lesen, Schreiben, Sprechen und Hören einen deutlichen Leistungsvorsprung aufweisen.

 

Bilingualität steigert Konzentration, Wahrnehmung und Leistungsfähigkeit

Prof. Dr. Heiner Böttger von der Katholischen Universität Eichstätt bestätigte die Erfahrungen Meiers. Kinder, die eine zweisprachige Erziehung genössen, profitierten davon nicht nur durch einen effizienteren Spracherwerb. Sie könnten auch Konzentration, Wahrnehmung und geistige Leistungsfähigkeit steigern.

Mehr als zehn Jahre Erfahrung mit bilingualem Unterricht kann das Bundesland Rheinland-Pfalz vorweisen. Seit dem Schuljahr 2005/06 gibt es dort bilingualen Unterricht. Heute läuft der Unterricht an zwanzig Grundschulen, die als Modellschulen agieren, zweisprachig ab. Hans Josef Dormann und Carmen Schulz vom zuständigen Ministerium betonten, dass diese Schulen keine Eliteschulen seien, sodass dort jedes Kind unabhängig von seiner Herkunft chancengleich sprachliches Handlungswissen erlernen könne. Möglich ist bilingualer Unterricht in Rheinland-Pfalz vor allem deshalb, weil dort kein Grundschullehrer ohne ein Examen in Englisch oder Französisch die Hochschule verlässt.

 

Österreich: Zweisprachigkeit ist Pflicht

Großer Vorreiter bei der Bilingualität ist Österreich. Das „Vienna Bilingual Schooling“ in Wien gibt es seit 1992. Hier wird nach einem ganzheitlichen Schulkonzept in allen drei Schularten zweisprachig unterrichtet. Die Lehrer, die in ihrer jeweiligen Sprache unterrichten, müssen „native speaker“ sein, was bedeutet, dass sie entweder mit einer der Sprachen aufgewachsen sind oder ausgewiesene Erfahrungen mit ihr gesammelt haben. Seit 1998 schlägt der Lehrplan vor, ab der 1. Klasse die erste Fremdsprache zu erlernen, seit 2003 ist das verbindlich vorgeschrieben, wie Prof. em. Mag. Anton Prochaska erläuterte.

Die anschließende Diskussionsrunde mit den bildungspolitischen Sprechern der Landtagsfraktionen von CSU, FDP und den Grünen machte deutlich, dass die Vorteile der Bilingualität bei der Politik angekommen waren. Georg Eisenreich (CSU) hielt bilingualen Unterricht für „sinnvoll“. Man sei auf dem Weg, jedoch noch nicht da angekommen, wo man hinwolle. Thomas Gering (Grüne) sprach sich für eine Offensive in der Lehreraus- und fortbildung aus und forderte Mut zu weiteren Modellen. Julika Sandt (FDP) wies auf die Vorteile des bilingualen Unterrichts vor allem bei Kindern mit Migrationshintergund hin.

Die anwesenden Lehrkräfte und Jochen Vatter, Leiter der Fachgruppe für Fremdsprachen im BLLV, forderten von der Politik mehr Engagement, denn man könne nur gewinnen. Dies sei nur im Sinne eines „Gesamtfahrplans“ zu erreichen, den der Bildungsstandort Bayern für die nächsten 10 Jahre initiieren müsse, um im nationalen und internationalen Vergleich mithalten zu können.

 

Markus Meyer