Corona in Peru: Wie die BLLV-Kinderhilfe unterstützt

 

Lateinamerika hat sich weltweit zum Hotspot der Coronainfektionen entwickelt. In Peru ist die Situation dramatisch. Peru mit 32,5 Millionen Einwohnern wird mit der weltweit höchsten Sterberate geführt. Nach offiziellen Zahlen sind 105 Personen pro 100 000 an Covid-19 gestorben (Stand 1.11.2020, im Vergleich Deutschland 13).  Das ist bereits mehr als jeder Tausendste Einwohner. Die Dunkelziffer liegt alledings sehr hoch, so dass de facto die Zahl der Covid-19-Toten deutlich höher liegt.

Das Kinderhaus ist zu einem Zentrum der humanitären Hilfe in Ayacucho geworden. Die Mitarbeiterinnen des Kinderhauses kämpfen gegen Hunger und Verzweiflung. Aber auch in Lima können wir dank der Unterstützung vieler Spender aktiv und direkt helfen. Unser Spendenaufruf erbrachte über 300.000 €. Mit diesen Spenden wurden in den letzten beiden Wochen Hunderte von Essenspaketen in Ayacucho und Lima an bedürftige Familien verteilt, Suppenküchen eröffnet, Bildungsprogramme via Radio verbreitet und traumatisierte Kinder und Familien betreut.

Gespenstisch mutet es an, wenn die Lieferwagen die Einfahrt des Kinderhauses verlassen: vollbepackt mit festen Einkaufstüten, begleitet von zwei in weißen Schutzanzügen vermummten Mitarbeiterinnen, gefolgt von örtlichen Sicherheitskräften. Mehrmals am Tag machen sie sich auf den Weg zu den verzweifelten Familien in den Randgebieten Ayacuchos. Die Not ist groß, die Ohnmacht raubt jegliche Zuversicht. Oft sieht man weiße Tücher vor den Hütten, Zeichen dafür, dass die Familie nichts mehr zu essen hat.

"Seid Ihr gesund?“

Wenn die Sozialpädagogen von CASADENI an die Türen der Familien, deren Kinder das Kinderhaus besuchen, klopfen oder läuten, dauert es oft lange bis die verschüchterten Menschen zur Tür kommen und zaghaft öffnen. Erst wenn sie die Stimmen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von CASADENI wiedererkennen, schöpfen sie Vertrauen zu den weißen Gestalten, deren Gesichter nicht zu erkennen sind. Dem Erschrecken weicht Freude und Dankbarkeit. „Wie geht es? Seid ihr gesund? Was machen die Kinder?“

Viele der Familien haben außer Bohnen nichts mehr zu essen. Sie fristen ihr Leben, verzweifelt, eingeschüchtert, ohnmächtig, in der Hoffnung, dass irgendwann wieder Normalität einkehrt und sie wieder losziehen können, um ein paar wenige Soles zu verdienen, um wenigstens überleben zu können.

 

Große Dankbarkeit schlägt den Helfern aus dem BLLV-Kinderhaus entgegen. Voller Glück nehmen die Familien die Essenspakte. Wenigstens für einige Tage ist das Überleben gesichert und der quälende Hunger vorbei. Immer wieder erzählen die Mitarbeiter des Kinderhauses den Familien von den bayerischen Lehrern, die Geld für sie spenden. Ungläubig hören sie zu und können es kaum glauben, dass Menschen in einem ganz anderen Teil der Welt ihnen, in ihren ärmlichen Hütten an den Berghängen weit entfernt in den Anden, helfen. Die Vorstellung, dass Menschen in einem ganz anderen Teil der Welt für sie Geld spenden, können die wenigsten wirklich fassen. In einer Welt, in der die Menschen ums blanke Überleben kämpfen, ist so etwas wie Solidarität ein Fremdwort.

Kinderhaus ist Zentrum der Notversorgung

Unterdessen ist das BLLV-Kinderhaus zu einem Zentrum der Notversorgung geworden. Da wo jahrelang Kinder lernten und spielten, sind jetzt die Lager für Lebensmittel. In großen Säcken lagern Zucker, Reis, Bohnen, Linsen, Quinoa, Mehl, Erbsen, Öl, Salz und Thunfisch, die im Großhandel gekauft werden. Die Mitarbeiter packen sie ab in Essenspakete, die für eine vierköpfige Familie zwei Wochen reichen. Dann werden sie auf die offenen Lieferwägen verladen. Sicherheitskräfte in martialischem Outfit begleiten die Auslieferung, damit nichts gestohlen und die Wägen nicht überfallen werden.

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Flucht ins Landesinnere

Die Zeichen in Peru stehen nicht auf Entspannung. Die Pandemie hat dramatische Folgen für Millionen von Menschen ohne Einkommen. Die Migrationsbewegungen von den Städten in die ländlichen Regionen halten an. Im März und April machten sich Zehntausende aus Lima auf den Weg in ihre Heimatdörfer. Es wurde  von verzweifelten Menschen berichtet, die nachts am Straßenrand campieren und tagsüber stundenlang in der glühenden Hitze zu ihren Familien in den Bergen oder im Regenwald laufen. An ihren Händen und auf ihren Rücken weinende und verschüchterte Kinder. Nicht alle erreichten lebend ihr Ziel. Immer wieder starben Kinder auf dem mühsamen Weg in den kalten Nächten hoch in den unwirtlichen Bergen. Manche der Migranten waren an Covid-19 erkrankt ohne es zu wissen und trugen das Virus ins ganze Land.

Der Schulunterricht in Peru ist seit März 2020 ausgesetzt. Nur sehr wenige Kinder und Jugendliche aus wohlsituierten Familien erhalten digitalen Unterricht. Alle anderen verlieren ein ganzes Schuljahr. Die Gewalt in den Familien nimmt zu. Und die Verzweiflung wächst.

Suppenküchen in Ayacucho und Lima

Mit Unterstützung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Kinderhauses wurden in sechs Stadtvierteln von Ayacucho Suppenküchen eingerichtet. Die Lehrer und Sozialpädagogen gingen in die Armenviertel zu den Eltern der Kinder des Kinderhauses und suchten nach Frauen, die bereit sind, sich zu organisieren und für die Nachbarschaft zu kochen. Es galt, Räumlichkeiten zu finden, in denen man kochen und das Essen sicher ausgeben kann. Aber wo gibt es im Armenviertel leer stehende Räume? Oft sind es dann nur Wellblechhütten auf öffentlichem Grund.  Mit den Spenden aus Bayern werden große Töpfe und Herde gekauft. Manche kochen aber noch auf offenem Feuer. Dann gilt es, mit den Frauen und Männern, die helfen, Einsatzpläne zu entwickeln, die Lebensmittel einzukaufen, sicher zu lagern und die Zeiten für die Essensausgabe festzulegen. Täglich bilden sich lange Schlangen mit Frauen, Männern und Kindern, die geduldig mit ihren Behältern anstehen, um das Essen für ihre Familien abzuholen.

Auch in Lima werden 12 Suppenküchen in den Armenvierteln der 13-Millionen-Einwohner-Stadt mit Spendengeldern aus der BLLV-Kinderhilfe betrieben. Unsere Partnerorganisation in Peru organisierte diese Hilfe für die Ärmsten der Armen schnell und unbürokratisch. Ganz offensichtlich ist der Staat, der neben Korruption und einem defizitären Sozialsystem auch mit einer dramatischen Wirtschaftskrise kämpft,  dazu nicht in der Lage. Ihm fehlen Infrastruktur und Ressourcen.

"Erzähle Deine Geschichte" - Traumatisierte Kinder erzählen

Seit die Kinder und Jugendlichen keine Schule mehr besuchen, haben sie nur wenige soziale Kontakte außerhalb der Familie. Heimunterricht ist in Peru das Privileg weniger wohlsituierter Familien. Ohne regelmäßigen Tagesablauf und der Langeweile ausgesetzt, werden viele lethargisch, verlieren ihren Antrieb und ihre Freude am Miteinander. Die meisten Familien sind in dieser Situation hilflos. In ihren Hütten können sie im Kampf ums Überleben  kaum etwas machen - zur Untätigkeit verdammt, dem Hunger ausgesetzt. In vielen Familien herrscht inzwischen ein Klima der Überforderung und oft sogar der Gewalt. Mariela Molinari schreibt: „Uns treibt die große Sorge um, dass die Kinder und Jugendlichen verwahrlosen, dass sie in dieser Situation den jugendlichen Lebensmut verlieren, das Nach-Vorne-Schauen und auch den Ehrgeiz, ihre Lebenssituation zu verbessern.“

Das Kinderhaus hat deshalb eine Kampagne gestartet mit dem Slogan „Cuéntame tu hístoria“ („Erzähl mir deine Geschichte!“). Die Kinder sind aufgefordert, ihre Erlebnisse in der Corona-Zeit aufzuschreiben, um ihre oft traumatischen Situation in diesen Monaten zu reflektieren. Diese Erfahrungen werden dann, wenn die Kinder wieder ins Kinderhaus kommen können, mit ihnen besprochen werden. Teilweise geschieht das schon jetzt in Telefonkonferenzen mit drei, vier Kindern und Jugendlichen und den Sozialpädagogen des Kinderhauses. Die Kinder, die teilnehmen und Bilder und Geschichten einschicken, erhalten Stifte, Hefte und Bücher.

Hygienkampagnen

Die Hygienesituation in den Armenvierteln ist äußerst schlecht. Oft fehlt fließend Wasser und damit natürlich auch ein funktionierendes Abwassersystem. Duschen oder Badewannen gibt es in den wenigsten Hütten. Auch ist das Bewusstsein von Hygiene und Reinlichkeit nicht ausgeprägt. Mit den Spenden aus Bayern wurden groß angelegte Informationskampagnen in den Armenvierteln durchgeführt. Plakate zu den Hygieneregeln wurden großflächig geklebt.

 

Die neue Radiostation

Ein besonderer Stolz ist die neue Radiostation. Mitte Oktober wurde sie mit dem ersten Programm eingeweiht. Bis jetzt sendet Radio CASADENI wöchentlich eine Stunde mit Infos, Gesprächen, Musik und Bildungsangeboten. Der sozialpäragogische Ansatz ist es, das Schweigen zu brechen, neuen Mut zu vermitteln und Lösungen für Alltagsprobleme aufzuzeigen. Die Moderatorinnen sind mit größtem Enthusiasmus dabei und begeistern die wachsende Zahl an Zuhörern und Zuschauern. (Lust zum reinhören: Über facebook , Programm beginnt ab 16:30 min)

 

Achtung: Abstand wahren!

Die Notwendigkeit, Abstand zu halten, um sich nicht mit Covid-19 anzustecken, musste erst verbreitet werden. Häufig herrscht große Unwissenheit über die Krankheit. An eine ärztliche Behandlung ist angesichts des völlig überforderten Gesundheitssystems gar nicht zu denken. Und woher das Geld nehmen, wenn es schon zum Essen nicht mehr reicht?

Die Mitarbeiter*innen des Kinderhauses haben mit einem befreundeten Grafiker Plakate zum Abstand wahren in Spanisch und Quechua entworfen und in den Armutsvierteln aufgehängt.

 

Mariela Molinari: „Ihr setzt Zeichen der Menschlichkeit.“

Die Kolleginnen und Kollegen im Kinderhaus und die Leiterin des Kinder- und Jugendhauses, Mariela Molinari, sind tief bewegt von der Hilfe aus Bayern: „Welch großes Zeichen der Menschlichkeit gebt ihr, liebe Freunde in Bayern", schreibt Mariela. "Ihr könnt euch die Dankbarkeit der vielen verzweifelten Menschen hier für eure Hilfe nicht vorstellen. Ihr setzt ein großes Zeichen für eine solidarische Welt und für unseren Beruf als Pädagogen. Danke.“

Auch BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann ist überwältigt von der spontanen Hilfsbereitschaft vieler Kolleginnen und Kollegen: „Es ist einfach großartig, dass wir zusammen Zeichen globaler Solidarität setzen. So schwer die Situation im konkreten Schulalltag ist, so dürfen wir doch auch nicht vergessen, dass wir hier in Deutschland, im Vergleich zu vielen anderen Ländern, in einem stabilen Land leben und keine existentielle Not leiden müssen. Ich bin froh, dass wir als BLLV unsere Verantwortung auch global wahrnehmen.“     

Weitere Informationen

Alles über das Kinderhaus CASADENI

BLLV-Themenseite: Corona