Oase der Menschlichkeit

 

In einem bewegenden Denkesbrief schildert CASADENI-Leiterin Molinari Palomino, wie die Solidarität der bayerischen Lehrerinnen und Lehrer den bitterarmen Kindern und Jugendlichen des Kinderhauses hilft. Nicht nur Schulstoff lernen sie, sondern auch respektvollen, wertschätzenden Umgang miteinander und mit den reichen Traditionen.

                                                                                                                  Ayacucho, 29. Juli 2019

Liebe Freunde und Unterstützer des Kinderhauses in Ayacucho,
liebe Lehrerinnen und Lehrer in Bayern,

ich grüße Euch aus ganzem Herzen. Wir sind sehr glücklich und dankbar, dass wir dank Eurer Unterstützung diese wunderbare Einrichtung schaffen und betreiben können. Uns ist sehr bewusst, dass dies alles nur durch Eure solidarische Unterstützung möglich ist. Unsere Nationen mögen große kulturelle Unterschiede haben, aber unser gemeinsames Gefühl für Menschlichkeit, für gegenseitigen Respekt, für den Einsatz für ein menschenwürdiges Leben vereint uns über die Kontinente hinweg.

Workshops für respektvollen Umgang

Es gibt Menschen, die sagen, CASADENI ist wie eine Oase in der Wüste. Das wunderschöne Gebäude, das wir dank Eurer Unterstützung bauen konnten, und die Wertschätzung, mit der wir den Kindern, ihren Eltern und allen Besuchern begegnen, schaffen eine ganz besondere Atmosphäre für alle Menschen, die bei uns ein- und ausgehen. Es ist eine Atmosphäre, die für die Kinder, die in ihrem Alltag vor allem Hektik, Aggression, Rücksichtlosigkeit und oft auch Gewalt kennen, therapeutische Wirkung entwickelt. Hier kommen sie zur Ruhe, hier kommen sie in eine Welt, in der sie das erleben, was sie auf der Straße, in der Familie und in der Schule nicht finden: Zuneigung, Respekt und gegenseitige Achtung.

Wir gehen im Kinderhaus sehr bewusst wertschätzend und mit Respekt miteinander um. Auf diese Weise ermöglichen wir auch die Reflexion darüber, in welcher Form sich die Kinder und Jugendlichen innerhalb der Familie, im Freundeskreis oder in einer Beziehung begegnen und behandeln. In Workshops machen wir dies immer wieder bewusst.

CASADENI ist ein Ort, an dem die Kinder und Jugendlichen, die fast alle in extremer Armut aufwachsen, unterstützt werden und sich beschützt fühlen. Unser 20-köpfiges Team hilft ihnen einerseits bei Lerndefiziten in der Schule durch Förderunterricht und Hausaufgabenbetreuung. Andererseits ist der Kern unserer pädagogischen Arbeit die Förderung ihrer ganzen Persönlichkeit, ihrer kognitiven, emotionalen und sozialen Entwicklung. Die unwürdigen Verhältnisse, in denen sie leben, machen eine gesunde Persönlichkeitsentwicklung fast unmöglich. Deshalb ist es unser Kernanliegen, gerade die Entwicklung der gesamten Persönlichkeit der Kinder und Jugendlichen zu fördern. Hierbei spielen soziale Kompetenzen eine große Rolle, aber auch Musik, Theater, Tanz, Spiel, Handarbeit und Werken. Ihr sprecht auch von Herz, Kopf, Hand, wie mir Simone Fleischmann berichtet hat.

CASADENI bewahrt die Kultur der Anden

In CASADENI nehmen wir mit den Kindern im Lauf des Jahreskreises auch an öffentlichen Feierlichkeiten teil, zum Beispiel am Karneval von Ayacucho oder an den Feiern rund um die Karwoche. Uns ist es sehr wichtig, den Kindern und Jugendlichen ihre kulturellen Wurzeln bewusst zu machen und sie mit ihnen zu feiern. Das wird aus unserer Sicht immer bedeutsamer, da Fernsehen und die neuen Medien mit ihren Scheinwelten das Denken und die Gefühle unserer Kinder immer stärker besetzen. Dem wollen wir ganz bewusst den Reichtum unserer Kultur entgegensetzen. Wir sprechen mit ihnen über die Ursprünge und die Bedeutung der Feste und wir treten mit ihnen öffentlich als CASADENI auf.

Unsere Kinder und Jugendlichen übernehmen auf diese Weise eine tragende Rolle in der örtlichen Öffentlichkeit. Sie werden gesehen und gehört. Sie tragen ihre originalen Trachten, sie schreiben eigene Texte und Lieder, die sie zu unserer wunderbaren Volksmusik vortragen, und sie tanzen unsere traditionellen Tänze. In den Liedern und Texten stellen sie oft ihre eigene persönliche Situation eindrucksvoll dar und lassen damit die Zuschauer an ihren Sorgen und Freuden teilhaben. Dabei erzählen sie oft von der Geringschätzung, die sie erleben, von der Gewalt, mit der sie konfrontiert sind, aber auch von der tiefen Sehnsucht nach einem besseren, nach einem würdigen Leben.

Medien vermitteln Modellcharakter von CASADENI

m Lauf der Jahre hat CASADENI in der Region Modellcharakter bekommen. Viele unserer Initiativen werden von anderen Einrichtungen aufgegriffen und umgesetzt. Im vergangenen Juli zum Beispiel initiierten wir in unserer Stadt eine Woche des Spiels. Im Zentrum der Stadt boten wir zusammen mit den Kindern und Jugendlichen unserer Einrichtung Workshops für Kinder und Familien an. Besonders legten wir dabei Wert auf die traditionellen Spiele unserer Region. Diese Initiative stieß auf tolle Resonanz. Es gab eine breite Berichterstattung über unsere Aktivitäten in den örtlichen Medien. Und plötzlich wurde die Frage, wie wichtig gemeinsames Spielen für unsere emotionale Gesundheit ist, öffentlich diskutiert. Die örtliche Gesundheitsbehörde griff unsere Initiative auf und bat uns um Unterstützung, die Idee in der Stadt und in der Region weiter zu tragen.

Ich erlebe bei unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern immer wieder die große Dankbar-keit, die sie darüber empfinden, dass wir gemeinsam Kindern zu einem besseren Leben verhelfen und gleichzeitig dazu beitragen, unsere Gesellschaft etwas menschlicher zu machen. Ich spüre ihre Freude, wenn es ihnen gelingt, in den Kindern ein größeres Selbstvertrauen anzulegen, ein Miteinander ohne Angst und Minderwertigkeitsgefühle mit ihnen zu leben und ihnen sehr konkret zu helfen, auch in der Schule und im Beruf Erfolg zu haben. Es ist ein großes Glück zu sehen, wie die Kinder in unserer Einrichtung lernen miteinander zu teilen, ihre Freunde zu schützen, wie sie wieder Lust auf Lernen bekommen, sich organisieren und ihre kulturellen Wurzeln bewahren. Wir danken Euch aus ganzem Herzen, dass ihr nun schon seit bald 25 Jahren diesen großen Traum möglich gemacht habt.

Mariela Katherina Molinaro Palomino