Pädagogischer Leuchtturm in Peru

Das neue BLLV-Kinderhaus wurde am 23. März 2016 eröffnet

Bericht von Albin Dannhäuser*

„Heute vollenden wir ein Werk, für das wir viele Jahre gearbeitet haben. Unser Kinderhaus und Berufsbildungszentrum haben jetzt ein gemeinsames Dach. Der Um- und Neubau ist abgeschlossen. Dafür danke ich im Namen der Kinder, Jugendlichen und Mitarbeiter dem BLLV und der Organisation STERNSTUNDEN von Herzen.“ Die Freude und Erleichterung stand allen ins Gesicht geschrieben als die Direktorin der Einrichtung, Mariela Molinari mit diesen Worten die Einweihungsfeier des neuen Hauses in Ayacucho/ Peru eröffnete. Es sei ein großes Glück, dass Pädagogen aus zwei sehr unterschiedlichen Ländern für junge Menschen, die in bedrückender Armut aufwachsen, Verantwortung übernehmen. „Diese großzügige Unterstützung und nachhaltige  Zusammenarbeit über Jahrzehnte gibt es in der Welt nur sehr selten“.

Am Festakt, der mit den Nationalhymnen Perus und Deutschlands begann und in fröhlichen gemeinsamen Tänzen ausklang, nahmen Repräsentanten der Kommune und regionalen Institutionen teil – und eine kleine Delegation von BLLV- Mandatsträger/innen mit Präsidentin Simone Fleischmann und dem Vorsitzenden der BLLV- Kinderhilfe Ernst Lumper an der Spitze. In ihrem Grußwort hob Simone Fleischmann mit sichtlicher Freude hervor, „ dass der BLLV das Projekt hier in Ayacucho  seit vielen Jahren mit mit großem Engagement fördert und begleitet. Ich bin stolz, an der Spitze der größten Lehrerorganisation in Bayern zu wirken, die auf einem anderen Kontinent soziale und humane Verantwortung für die Ärmsten und Schwächsten übernimmt. Ich danke Ihnen, den Lehrern, Erziehern und Ausbildern, dass Sie Kinder und Jugendliche, die am Rande der Gesellschaft leben, so professionell fördern und liebevoll betreuen“.

Geschlossenes Bildungskonzept

Mit dem Um- und Neubau des Kinderhauses und Berufsbildungszentrums wurde ein geschlossenes funktionales Bildungs- und Bau-Konzept realisiert. Es umfasst eine Kinderkrippe, die junge Mütter während ihrer Ausbildung entlastet. Für Kinder im Vorschulalter werden Förder- und Spielgruppen angeboten. Schulkinder bis zum Alter von 12 Jahren erhalten erweiterten Förderunterricht, Hausaufgabenbetreuung, Musik-, Gesangs- und Werkunterricht. Dem Kinderhaus angeschlossen sind vier Zweige der Berufsausbildung:  Bäcker- und Schneiderhandwerk, Computertechnik und Verwaltung. Die Fachräume sind Licht durchflutet. Die Lehr- und Lernmaterialien – Nähmaschinen, Computer und die Bäckerei-Einrichtung entsprechen modernen Standards.   Da es in Peru keine kostenfreie Berufsausbildung gibt, müssen die Mittel dafür teils von den Jugendlichen selbst, teils durch staatliche Stipendien, teils von Hilfsorganisationen wie durch den BLLV aufgebracht werden. Mit großer Genugtuung stellte Mariela Molinari fest, dass das Berufsbildungszentrum bereits hohe Akzeptanz und Reputation erfahre. Die Abschluss- Zertifikate seien in ganz Peru anerkannt. Die Struktur des Hauses wurde von den Architekten, vom Lehr- und Betreuungspersonal sowie von den Kindern und Jugendlichen gemeinsam entwickelt. Für jede Altersgruppe gibt es zwar eigene Sektoren; diese sind aber nicht voneinander abgeschottet, sondern organisch miteinander verbunden. „Damit wird“, so Mariela Molinari, „die Einrichtung zu einer Lern-, Begegnungs- und Spielstätte,  die das Zusammengehörigkeitsgefühl stärkt. Wir sind hier eine große Familie“.

Wege aus der Armutsspirale

Wie beglückend das Kinderhaus und wie wertvoll das Berufsbildungszentrum sein muss, wird besonders augenfällig durch einen Blick in den desolaten Lebensalltag und in die bedrückende Wohnsituation der Kinder und Jugendlichen in den Slums: Familien in unwürdigen Behausungen, täglicher Kampf ums Überleben, Ratlosigkeit, Resignation und Tristesse. Die jammervollen Bilder wühlen das Herz auf! Die stellvertretende Direktorin Nancy – eine Frau der ersten Stunde -  erinnerte beim Festakt die katastrophalen Zustände nach dem Terrorsystem Anfang der 90er Jahre: „Viele Kinder aus der Andenregion liefen damals allein, verwahrlost und völlig verstört auf den Straßen herum. Hungrig und ohne Familie. Hier in Ayacucho war ein Brennpunkt. Damals haben wir klein angefangen. Wir haben mit den traumatisierten Kindern  therapeutisch gearbeitet, wir haben bei ihnen Misstrauen abgebaut, ihre Anlagen gefördert und sie in ihrer Persönlichkeit gestärkt.“

Das Konzept des Kinderhauses beschränkte sich aber von Anfang an nicht nur Versorgung und Betreuung, sondern verfolgte einen „emanzipatorischen Ansatz“: Die Kinder aus den Elendsvierteln sollten lernen, ihre „Opferrolle“ nicht länger schicksalsgegeben zu ertragen. Sie sollten vielmehr lernen, sich selbst zu helfen. Dazu gehörte eine Selbstorganisation zur Durchsetzung von Kinderrechten und eine Berufsausbildung. Vor allem die Berufsausbildung, wie sie seit zwei Jahren in bisher angemieteten Räumen stattgefunden hat,  bietet die sicherste Chance, die Spirale der Armut und Ausgrenzung zu durchbrechen.

Spürbare Wirkung und sichtbarer Erfolg  

Von dieser Wirkung konnte sich die Delegation des BLLV beim Besuch von Schneiderinnen und Bäckerinnen, die ihre Ausbildung im Berufsbildungszentrum inzwischen abgeschlossen haben, überzeugen. Die Schneiderinnen liefern z.B.  Strumpfhosen und Trikots an kleinere oder größere Unternehmen. Damit können sie ihren Lebensunterhalt selbst bestreiten, wenngleich der Lohn mit  25 Soles pro Tag – das entspricht 6,50 Euro - niedrig ist.

Ein anderes Erfolgs-Beispiel zeigt sich an Anita. Sie hat nach ihrer Ausbildung eine eigene Bäckerei eingerichtet. Sie backt auf Bestellung für Hochzeiten, Geburtstage und andere Familienfeiern: Kuchen, Torten, Cupkakes und Empanadas – das sind gefüllte Blätterteigtaschen. Auch einem Literatur-Cafe liefert sie zu. Ihr Geschäft läuft gut, sagt sie, weil viele Familien nicht backen können. Anita hat für ihren Betrieb einen gebrauchten Elektroofen und die not- wendigen Geräte auf Kredit gekauft. Diesen „stottert“ sie in monatlichen Raten ab. Selbstverständlich arbeite sie mit dem Kinderhaus zusammen und fügt hinzu, dass sie weitere Pläne hat: Sie möchte eine Zusatzausbildung im Brotbacken absolvieren. Dann kaufe sie sich weitere Maschinen. Dabei leuchten ihre Augen: „ Das Berufsbildungszentrum war meine große Chance. Dafür bin ich sehr dankbar!“

Mariela Molinari berichtet, dass viele Ehemalige nicht nur in handwerklichen Berufen ihren Lebensunterhalt verdienen, sondern auch in Internet-Cafés, bei der Polizei und in Schulen.  Mit besonderem Stolz nennt sie den Namen eines Jungen, der mit neun Jahren Casadeni besuchte: Alan Joel. In seiner Familie mit fünf Kindern herrschte Geldmangel, es gab viel Streit und Gewalt. Er musste Geld verdienen als Schaffner, später als Taxifahrer mit einem Miniauto. In der Schule und in Casadeni war er sehr fleißig und wissbegierig. Er engagierte sich als Schülersprecher und als Vizepräsident einer nationalen Jugendorganisation. Dort kämpfte er für die Rechte von Kindern. Alan hat inzwischen ein Jurastudium abgeschlossen. Jetzt kandiert er als Abgeordneter für den Nationalkongress in Lima. „Sein Beispiel macht uns allen viel Mut!“

Dank und Auftrag

Die Inaugurationsfeier schloss mit einem bewegenden Augenblick. Jugendliche, die seit ihrer Kindheit Casadeni besuchen, sagten den Lehrern, Erziehern, Betreuern und dem BLLV Dank. Sie hätten hier viel gelernt, menschliche Wertschätzung erfahren, Selbstvertrauen gewonnen und eine wunderbare Gemeinschaft gefunden. Dann fassten sie Mariela Molinari an den Händen: „Du warst und bist für uns die Mitte unserer Casadeni-Familie. Wir möchten möglichst viel, von dem was wir hier gelernt haben, zurückgeben!“

Was bleibt, ist nicht nur ein unvergesslicher Eindruck, ein modernes Gebäude und pädagogischer Leuchtturm,  sondern auch der Auftrag, das Projekt weiter nach Kräften zu fördern bis es sich selbst tragen kann.   Der BLLV hat mit Unterstützung von STERNSTUNDEN ein unübersehbares Symbol der Solidarität und Humanität gesetzt. Die Einrichtung in Ayacucho ist ein dauerhaftes Zeichen der Hoffnung - in einer Welt, die derzeit aus den Fugen gerät.

 

* zur Person

Albin Dannhäuser war von 1984 bis 2007 Präsident des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV) und ist heute dessen Ehrenpräsident. Die Gründung der BLLV –Kinderhilfe e.V. 1993 geht auf seine Initiative zurück.