Unbändige Freude am Rande des Elends

Ein Praktikumsbericht aus dem Kinderhaus

Rubí kommt mehrmals die Woche ins Kinderhaus – immer dann, wenn ihre Mutter ins Zentrum von Ayacucho fährt, um in reicheren Haushalten für ein paar Soles zu waschen und zu bügeln. Für sie allein wäre der Weg zu weit. Ich besuche Rubí und ihre Familie gemeinsam mit der Sozialarbeiterin Zinthia. Als wir durch die kleine Wellblechtür an der Straße hereingebeten werden und auf den steinigen Vorgarten zugehen, glimmt vor der Hütte ein Feuer, im Topf köchelt eine dünne Gemüsesuppe mit ein paar Hühnerknochen. Die Mutter begrüßt uns freundlich: „Willkommen in meiner Küche.“ Ich muss einmal kräftig schlucken.

Dann zeigt sie uns ihr Zimmer: Wände und Decke bestehen aus Lehmziegeln, Folien und Wellblech. Es ist dunkel und riecht modrig. Eine einzige Glühbirne spendet ein wenig Licht. Auf dem nackten Lehmboden stehen zwei klapprige Betten, Regale, ein wackeliger Holztisch, ein Stuhl und zwei Hocker. Hier wohnen die zehn Jahre alte Rubí, ihr zehn Jahre älterer Bruder und ihre Mutter. Der Vater hat die Familie verlassen. Auch Rubís Bruder hat das Kinderhaus besucht, er studiert inzwischen an der Universität von Ayacucho Mathematik. Manchmal kommt er ins noch ins Kinderhaus, um den Kindern das Rechnen beizubringen. Rubí hat gerade Mühe mit den Hausaufgaben in Biologie, also setzen wir uns an den Tisch und helfen. Wenn die drei sich waschen wollen, müssen sie hinaus in den Garten zum Wasserhahn hinter einem Plastikvorhang. Seit einem Jahr dürfen sie hier wohnen, nur den Strom müssen sie zahlen.

Wie Rubí gehen alle Kinder sehr gern ins Kinderhaus. Sie lieben die Bücher, die Spiele, das Tanzen und sie freuen sich, einfach ihre Freunde zu treffen. Bei meinen Hausbesuchen wird mir klar: Das Kinderhaus steht in einem zentralen Viertel, genau da, wo es so dringend gebraucht wird, wo es relativ gut zu erreichen ist auch für die Kinder, die in den Elendsvierteln an den Stadträndern leben. Wenn die Kinder hier im Kinderhaus spielen oder Hausaufgaben machen, vergessen sie für ein paar Stunden die Misere. Sie lachen und sind ganz normale Kinder.

Schon morgens, wenn ich zum Tor hereinkomme, werde ich laut begrüßt. Die Herzlichkeit der Kinder ist unbeschreiblich. In dieser freudvollen Atmosphäre sind die Lehrkräfte, Erzieherinnen und Sozialarbeiterinnen auch Zuhörer, Therapeuten oder einfach Spielkameraden. Am Samstag besuchen sie die Kinder in den Mercados, den Märkten am Stadtrand, und bieten für zwei, drei Stunden Aktivitäten an: Lernspiele, Bastelarbeiten, um die Feinmotorik zu fördern, Workshops zu Themen wie Kinderrechte. Schon früh in ihrem Leben müssen die Kinder Verantwortung übernehmen, ob im Markt bei den Eltern, als Grabputzer auf dem Friedhof, oder einfach nur, indem sie auf die jüngeren Geschwister aufpassen.

Im Kinderhaus helfe ich den Kindern hauptsächlich bei den Hausaufgaben, mache Lernspiele mit ihnen oder kleine Workshops. Wissbegierig und interessiert fordern sie ständig Hilfe bei ihren Aufgaben. Doch bei aller Freude und Motivation zeigt sich schnell, dass einige Grundlagen fehlen. Umso faszinierender zu sehen, wie viel die Kleinen von den Großen lernen. Sie schauen ihnen über die Schulter und zählen plötzlich selbst bis 20.

Die größte Leidenschaft der Kinder aber ist das Tanzen. Walter, ein fest angestellter, einheimischer Kunst- und Tanzlehrer, übt mit ihnen jeden Nachmittag verschiedene traditionelle und moderne Tänze. Sie können es kaum erwarten, bis es wieder halb fünf ist und es endlich losgeht. Und doch erlebe ich jeden Tag einen neuen schmerzlichen Moment. Da erfahre ich plötzlich etwas über Gewalt in der Familie, über Verzweiflung der Mutter, über das Verschwinden des Vaters, über die Entbehrungen, wenn nicht mal mehr Geld für Essen da ist, für Strom - und schon gar nicht für Schule. Noch In den ersten Tagen nach meiner Ankunft lebe ich hier im glückseligen Gefühl, dass es einen Ort gibt, wo all das möglich ist. Hausbesuche wie bei Rubí konfrontieren mich dann immer wieder mit dem harten Alltag der Familien.

So auch bei Norma. Auch sie lebt allein mit ihren vier Kindern. Zinthia und ich steigen aus dem Bus und gehen auf ein Haus zu. Doch statt zur Tür zu gehen und zu klingeln, steigt Zinthia eine Böschung hinab. Ich stutze und folge ihr. Jetzt wird mir klar, dass Norma und ihrer Kinder nicht in dem Haus wohnen. Sie leben in einer Lehmhütte. Ein paar Hühner gackern, niemand da. Nach ein paar Minuten taucht Norma mit drei ihrer vier Kinder auf. Das zweijährige Mädchen hat nur einen Schuh an, den zweiten hat es irgendwo verloren. Norma bittet herein. Die Hütte besteht aus einem einzigen Zimmer, in dem sie alle schlafen. Waschen müssen auch sie sich draußen an einem Wasserhahn mit Schlauch. Die Wäsche wäscht Norma in einer Schubkarre.

Weitere Exkursionen führen uns zu zerrütteten Familien. Diese Besuche sind für mich die schwersten Tage. Eine Frau hat ihren Neffen bei sich aufgenommen, weil die Mutter sich nicht kümmern kann. Anderswo hat ein Vater zwei fast gleichaltrige Töchter mit zwei Frauen. Eine der beiden Frauen ist gestorben, deswegen musste das Mädchen zur Tante ziehen - der Vater will nichts von ihr wissen. Die beiden Halbschwestern kommen fast täglich gemeinsam ins Kinderhaus. Nach solchen Tagen verstehe ich die Kinder ganz anders, wenn sie auf mich zukommen für eine Umarmung oder eine liebevolle Berührung. Sie wollen geliebt werden. Abends stehe ich dann unter der warmen Dusche und lege mich in mein sauberes, warmes Bett und werde nachdenklich. Ich denke an mein Leben in Deutschland. Fast schäme ich mich.

Aber dann erlebe ich wieder diese unbändige Freude der Kinder über Kleinigkeiten, diese tiefbraunen, leuchtenden Augen. An einem Samstag gibt es ein Drachenfest. Wir basteln Drachen aus Papier und Stroh und probieren sie gleich aus. Die Kinder rennen übers Feld und jubeln, als die Drachen über ihnen schweben. An einem anderen Samstag gibt es ein Sportfest. Die Kinder bilden Teams in Fußball und Volleyball und spielen ein Turnier. Es ist die Generalprobe für ein großes Turnier einiger Organisationen im Oktober in Ayacucho.

Casadeni verfolgt einen systemischen Ansatz in der sozialpädagogischen Arbeit. Besonders wichtig ist die Elternarbeit. Daher wird jeden ersten Freitag im Monat ein Gespräch angeboten. Es geht um Kinderrechte, Erziehungsprobleme, Pflichten von Eltern. Am Ende eines solchen Gespräche bin ich tief bewegt: Da stehen zwei Mütter auf und bedanken sich bei mir, offensichtlich aus tiefstem Herzen, für die Unterstützung, die der BLLV leistet. Sie sagen, sie würden gar nicht wissen, wo sie ihre Kinder unterbringen könnten und wer ihnen bei den Hausaufgaben helfen würde, wenn es Casadeni nicht gäbe.