Hoffnungsschimmer im Sand

Im April besuchte der Geschäftsführer der BLLV-Kinderhilfe, Dieter Reithmeier, ein Gemeindehaus mit einem Mittagstisch für die Kinder in Santa Rosa, einem Dorf 60 km südlich von Lima, das von der ver-heerenden Flutkatastrophe im Jahr 2017 als Folge des Klimaphänomens El Niño zerstört wurde. Das Haus wurde mit Spenden der BLLV-Kinderhilfe finanziert. Dieter Reithmeier berichtet von seinen Reisen in die Katastrophenregion (Fotos Jan Roeder und Albin Dannhäuser).

Wir verlassen die Zehn-Millionen-Stadt Lima auf der Panamericana in den frühen Morgenstunden. An den Hängen entlang der Küs-tenstraße Richtung Süden reihen sich die Häuser der Armenviertel. Ein wolkenverhangener Himmel taucht die Landschaft in ein unwirkliches Licht, vor den Scheiben unseres Mazdas verschwimmen die Konturen im braungrauen Dunst. Acht Monate lässt die Sonne hier auf sich warten, bis sie den Menschen einen blauen Himmel schenkt. Unser Ziel ist das Dorf Santa Rosa. Dort, 60 km südlich der Megacity Lima mit zehn Millionen Einwohnern, verloren die Menschen im vergangenen Jahr das Wenige, was sie hatten, als Schlammfluten die Region überschwemmten.

 

Sie baten uns über Augusto Alvizuri, einem Unterstützer der BLLV-Kinderhilfe in Peru, um Hilfe. Wir starteten einen Spenden-Notruf unter unseren Mitgliedern, und binnen kürzester Zeit waren 48.000 € Spenden auf dem Konto. Ehrenpräsident Albin Dannhäuser und ich reisten in die Gegend. Nun, ein Jahr später, bin ich im Auftrag der BLLV-Kinderhilfe wieder unterwegs. Zusammen mit einem peruanischen Begleiter will ich aus nächster Nähe sehen, was aus den Menschen geworden ist, was noch zu tun ist.

Die Küste südlich der Hauptstadt kennt keinen Regen und somit keine Vegetation. Nur in den weiten Flusstälern, in denen sich während der Regenzeit das Wasser aus den Anden seinen Weg zum Meer bahnt, sprießt es grün. Jeder Zentimeter wird landwirt-schaftlich genutzt. Dass die Region 2017 zum Notstandsgebiet wurde, war „El Niño“ zu verdanken, dem „Christkind“, wie die Südamerikaner das Klimaphänomen sarkastisch nennen, weil es meist um die Weihnachtszeit auftritt.

Alle paar Jahre stürzen entlang der nördlichen Pazifikküste nach schweren Regenfällen in den Bergen urplötzlich Schlammlawinen die Hänge herab und reißen ganze Ortschaften mit sich. 2017 war eines der schlimmsten Jahre. Etwa hundert Menschen verloren ihr Leben, tausende wurden verletzt, zehntausende binnen Stunden obdachlos. Auch Santa Rosa traf es mit voller Wucht. Mitten am Tag riss der Huaico, wie die gewaltigen Muren in der Indigenensprache Quechua genannt werden, eine Schneise durchs Dorf. Immerhin war es nicht Nacht, so wurden die Menschen nicht im Schlaf überrascht und konnten sich gerade noch in Sicherheit bringen.

In Santa Rosa starb niemand, doch die einfachen Unterkünfte großer Teile des Ortes hatte der Strom weggerissen. Nach und nach verschwand alles Wasser und im betonhart gewordenen Schlamm war das letzte Hab und Gut für immer verloren.

Eine halbe Stunde, nachdem wir die Stadtgrenze Limas hinter uns gelassen haben, ziehen die stummen Zeugen einer vermutlich besseren Zeit vor den Seitenfenstern unseres Kleinwagens vorbei: Mauern ragen aus dem Sand, es sind die Überreste von Tempeln der Stadt Pachamac, einer der bedeutendsten archäologischen Stätten Perus. Schon früh war diese Region dicht besiedelt, sie war Heimat einer der Hochkulturen der Menschheit. 40 000 Menschen sollen im 14. Jahrhundert hier gelebt haben.

40 Kilometer südlich von Lima verlassen wir schließlich die Panamericana. Auf einer unbefestigten Straße mit endlos vielen Schlaglöchern rumpeln wir Richtung Santa Rosa. Vorbei an einer apokalyptisch anmutenden Ansammlung von Ställen und Arealen mit tausenden von Rindern. Sie alle enden irgendwann in den Schlachthöfen der Hauptstadt. Schwarze Plastikfolien sollen die Tiere vor den Staubwolken schützen, die über diese Landschaft wehen. Unser Mazda kriecht voran, Schlagloch um Schlagloch umkurven wir.

Immer wieder kreuzen schwere Trucks, sie liefern Wasser in die entlegenen Ortschaften. Die meisten Dörfer haben kein fließendes Wasser, auch von der Stromversorgung sind sie abgeschnitten. Immer wieder auch sehen wir Gräben und Aufschüttungen. Diese merkwürdigen Gebilde ziehen sich scheinbar willkürlich durch die Landschaft. Es sind Dämme, erklärt ein Begleiter, nach den Sturmfluten sind sie in aller Eile entlang der neu entstandenen Flussbette notdürftig angelegt worden.

Vor meinem inneren Auge entstehen die Bilder vom Vorjahr. Erschütternd, was Albin Dannhäuser und ich zu sehen bekamen: Verstörte Menschen, die das Wenige entbehren muss-ten, was sie in ihren Hütten hatten, die in Zelten auf dem Boden oder auf einfachen Liegen schlafen mussten, die im steinharten Boden nach letzten Habseligkeiten stocherten, meist ohne Erfolg. Von einem Teil des Spendengeldes schafften wir 50 Betten und Matratzen an und besorgten Nahrungsmittel für die ersten Tage nach der Katastrophe.

Doch ebenso wichtig erschien es, in diesem apokalyptisch anmutenden Ort ohne Elektrizität und Wasser ein kleines Gemeindezentrum zu errichten. Mit einer Küche, die es erlauben würde, wenigstens für die Kinder täglich ein warmes Essen zu bereiten. Viele der Männer halfen mit. Die Leute wollten einen eigenen Beitrag leisten zum Entstehen einer Gemeindeküche für ihre Kinder.

Nach zwei Stunden Fahrt erreichen wir Santa Rosa. Bürgermeisterin Maria Ana Brondi hat eilig ihre Gemeinderäte zusammengerufen. Stolz präsentiert sie das frisch gestrichene Schmuckstück ihres Ortes: Das Gemeindehaus. Es ist der einzige Steinbau weit und breit. Ein Plakat prangt über der Fassade, darauf steht: „Comedor infantil apoyo BLLV Alemania“ – ein Mittagstisch für Kinder, unterstützt vom BLLV in Deutschland. Es ist eingerahmt von einer peruanischen und einer deutschen Flagge.

Das Haus dient für Versammlungen und Besprechungen, das Wichtigste aber ist das tägliche Essen, finanziert von der örtlichen katholischen Kirche. Alle Kinder können nach der Schule für eine kostenlose Mahlzeit kommen, zubereitet wird sie von den Müttern. Und an diesem Mittag kommen sie alle, aufgeregt und hungrig. Es duftet nach Reis und Hühnchen. Was für eine Freude zu sehen, wie fröhlich sie gemeinsam essen.

In der Küche sind die Mütter zu Gange. Jeden Mittag bereiten drei von ihnen das Mittagessen vor. Der Gemeinderat organisiert den Einsatzplan. Alle wollen mithelfen und den Kindern der Gemeinde helfem.

Überall bringt man uns große Dankbarkeit entgegen. Die Menschen in Santa Rosa können es nicht fassen, dass Lehrerinnen und Lehrer und auch Schülerinnen und Schüler aus einem fer-nen Land auf einem anderen Kontinent an sie denken und ihnen helfen. Sie führen uns im Dorf herum, wollen uns alles zeigen: Das Dorflädchen im Zentrum, die neue Kirche, den Fußballplatz. Der ist eine einzige Sandfläche. Keine befestigte Straße, kein Garten, keine Vegetation, kein Vogel – nur ein paar abgemagerte Hunde streunen um die Ecken.

 

Und dann besuche ich die neue Grundschule. Der Staat hat sie nach den Überschwemmungen notdürftig eingerichtet. Ein Hoffnungsschimmer. Zehn Container stehen rund um einen leeren Platz - staubig wie überall hier. In den Klassenzimmern wird fleißig gearbeitet. Zwischen 20 und 26 Kindern sitzen in den Klassenzimmern. Sie wirken auf mich trist, denn sie erlauben wenig Gestaltungsmöglichkeiten: Betonböde, Metallwände. Die Schulleiterin holt mich in ihr Büro und setzt sich stolz hinter den Schreibtisch. Mit einer blauen Plastikplane abgeternnt das Materiallager.

Natürlich hören wir bei der Besichtigung vorsichtige Bitten. Es braucht dringend eine Mauer um das Schulgelände, als Schutz vor den streunenden Hunden und vor diesem allgegenwärtigen feinen Sand. Und natürlich braucht es dringend didaktisches Material.

Bewegt kommen wir am Abend zurück nach Lima von dieser Reise in eine Welt voller Not und Armut. Wir sind dankbar dafür, dass so viele Menschen hier in Bayern über die BLLV-Kinderhilfe Solidarität zeigen und ihren Wohlstand mit anderen Menschen dieser Welt teilen.