Krise der Jungen

Schlimme Jungs - brave Mädchen?

Die schulische Krise der Jungen ist auch eine Krise der Schule. Sie wird den Bedürfnissen von Jungen nicht gerecht. Ihnen fehlen dort nicht nur Rollenvorbilder. Wie sie sich verhalten, ist auch durch die Biologie begründet. Doch wie müsste die ideale Schule für Jungen aussehen?

Von Clemens M. Schlegel

"Kleine Helden in Not" - "Die Jungenkatastrophe" - "boys crisis" - hinter diesen Schlagzeilen verbirgt sich eine gesellschaftliche Realität, die erst in der letzten Zeit allmählich Beachtung findet. Die Jungen sind im weiblich dominierten System Schule zunehmend ins Hintertreffen geraten, und zwar nicht nur im Hinblick auf die Schulleistungen, wie die Studien PISA, TIMMS und IGLU eindrucksvoll zeigen, sondern auch, was ihr Verhalten betrifft.

So belegt eine an die an der Universität Bamberg durchgeführte Studie aus dem Jahr 2003, bei der 1308 Grundschullehrkräfte zu Verhaltensauffälligkeiten von insgesamt 27.000 Grundschulkindern befragt wurden, dass Jungen im Vergleich zu Mädchen in fast allen der 21 Punkte aus "Bamberger Liste von Verhaltensauffälligkeiten" deutlich häufiger als "stark auffällig" eingestuft werden. Teilweise übertreffen sie die Mädchen um ein Vielfaches.

Andere Studien kommen zu ganz ähnlichen Ergebnissen wie zum Beispiel eine an die Bamberger Untersuchung angelehnte Vergleichsstudie aus Südtirol aus dem Jahr 2010. Dazu wurden 31 Lehrkräfte an deutschsprachigen Grundschulen zu Verhaltensauffälligkeiten von 240 Mädchen und 260 Jungen befragt. Die Expertise kommt trotz der unterschiedlichen schulischen und kulturellen Rahmenbedingungen zu großteils sehr ähnlichen Ergebnissen.

Die Problematik der Jungen betrifft nicht nur ihr Verhalten, auch die schulischen Leistungen sind sehr deutlich davon betroffen. Die Mädchen schneiden im Schnitt mittlerweile in fast allen Fächern besser ab, die geringfügigen Vorteile der Jungen in MINT-Fächern schwinden jährlich und machen insgesamt das Manko der Jungen längst nicht mehr wett.

Gründe für die Bildungsbenachteiligung von Jungen

Zur Frage nach den Gründen für die deutliche Bildungsbenachteiligung der Jungen im deutschen Schulsystem gibt es derzeit noch keine eindeutige Antworten. Es fehlen Längsschnittstudien, die einzelne Faktoren der geschlechtlichen Identitätsentwicklung von Jungen und Mädchen fokussieren und zueinander in Beziehung setzen. Zwar hat die Fachdiskussion sich dieses Themas angenommen.

Die Politik meidet es jedoch noch sehr auffällig. Nach wie vor gilt es als politisch korrekt, sich gegen die Benachteiligung von Frauen einzusetzen. Das Bewusstsein dafür, wie dringend nötig eine effiziente Jungenförderung wäre, ist in der Politik offensichtlich noch nicht oder kaum vorhanden. Allerdings legen Forschungen der letzten Jahre eine veränderte Sicht der Vorzeichen nahe: In den vergangenen dreißig Jahren galt es in der Genderforschung als erwiesene Tatsache, dass geschlechtsbedingte Unterschiede im Verhalten ausschließlich erlernt und damit beliebig veränderbar seien.

Demgegenüber stellen neuere Forschungsergebnisse aus Soziobiologie, Hirnforschung, Evolutionspsychologie und Genforschung übereinstimmend fest, dass unterschiedliche Verhaltensweisen von Mädchen und Jungen nicht nur erworben, sondern zu guten Teilen auch genetisch bedingt sind. So sind Jungen bereits im Mutterleib aktiver, im Alter von sechs Monaten sind sie explorativer und lassen sich von Unbekanntem weniger leicht ängstigen. Mädchen hingegen sind von Geburt an emotional ausgeglichener und lassen sich leichter beruhigen.

Im statistischen Mittel sind bei Jungen Risikobereitschaft, Imponierverhalten und Selbstdarstellung bereits im Kindergartenalter deutlich stärker ausgeprägt als bei Mädchen. Rangordnungskämpfe und eine höhere Frustrationstoleranz gehören ebenfalls zu angeborenen männlichen Verhaltensweisen, die als "spielerische" Einübung späterer Partnerwerbung in die Geschlechterrolle einführen.

Den Unterschied machen die Gene

Damit lässt sich festhalten: Die strikte Trennung der beiden Begriffe "sex" (biologisches Geschlecht) und "gender" (soziologisches Geschlecht) lässt sich nicht aufrechterhalten, sie bedingen einander. Geschlechterrollen sind also keineswegs "nur" sozial konstruiert und beliebig veränderbar. Wir müssen vielmehr zur Kenntnis nehmen, dass es kein "Erziehungfehler" ist, wenn Jungen und Mädchen andere Bedürfnisse haben. Darauf muss die Schule, darauf müssen Fachdidaktiken antworten.

Zu den Gründen für die Bildungsbenachteiligung lassen sich derzeit aufgrund der noch unzureichenden Forschungslage nur Vermutungen anstellen. Fünf teilweise miteinander verwandte Begründungskomplexe zeichnen sich ab:

1. Medienkonsum der Jungen: Eine Forschergruppe um den Kriminologen Christian Pfeiffer weist nach, dass 10-jährige Jungen im Jahresschnitt deutlich mehr Zeit vor Fernseher und PlayStation verbringen (1.430 Stunden) als in der Schule (1.140 Stunden). Darin unterscheiden sie sich sehr deutlich von den Mädchen. Ganztagesschulen könnten hier Abhilfe schaffen, indem sie zu einer sinnvollen Freizeitgestaltung und zu einer Mäßigung im Medienkonsum verhelfen. Außerdem muss sich die Schule stärker der Medienerziehung annehmen.

2. (Grund)Schule als weibliches "Wohlfühl-Biotop": Waren 1984 noch 43,3 % der Grundschullehrer männlich, so hat sich dieser Anteil mittlerweile marginalisiert: 2006 betrug der Anteil der Männer in Grundschulen nur mehr 11,5%, im Kindergarten sind Männer die absolute Ausnahme. Es liegt daher nahe, dass die in Grundschulen gültigen Verhaltenskodices sich stärker an den Bedürfnissen und Wertmaßstäben der agierenden Frauen orientieren und daher den Mädchen mehr entgegenkommen. Typisch männliche Verhaltensweisen (Exploration, Kräftemessen, Imponiergehabe etc.) werden in der Regel sanktioniert, weibliches Harmoniebedürfnis wird häufig zum Richtmaß für erwünschtes Verhalten. Es fehlen Handlungsspielräume, in denen Jungen ihre spezifischen Lern-, Verhaltens- und Kommunikationsmuster erproben und in den schulischen Alltag einbringen können.

Zur Lösung dieses Problemkreises ist ein Netz von Maßnahmen nötig:

  • Bewusstmachung des Problems in der (großteils weiblichen) Lehrerschaft
  • Implementierung von Förderprogrammen für Jungen; neben "boys days" - die aber nicht Männer für Frauenberufen werben, sondern die spezifischen Anliegen der Jungen thematisieren sollten - wäre es z. B. auch denkbar, in jeder Schule Jungenbeauftragte zu benennen;
  • Stärkere Berücksichtigung der spezifischen Interessen, Lern- und Verhaltensweisen von Jungen im Unterricht
  • Verstärkte Einstellung von Männern im Elementar- und Primarbereich; dazu wäre eine Image-Kampagne ebenso nötig wie die Schaffung attraktiver Aufstiegschancen;
  • Als kurzfristige Maßnahme wäre es auch denkbar, männliche Freiwillige verstärkt in Kindergärten und Grundschulen einzusetzen; sie könnten beispielsweise jungenspezifische Freizeitaktivitäten durchführen etc.

3. Fehlen realistischer männlicher Sozialisationsvorbilder: Während allen Mädchen Mütter, Kindergärtnerinnen und Grundschullehrerinnen als lebensnahe Sozialisationsvorbilder begegnen, von denen sie modellhaft lernen können, wie man sich als Frau verhalten kann, fehlt dieser so elementar wichtige Aspekt bei Jungen sehr häufig: Väter sind aufgrund ihrer Funktion als Hauptverdiener in vielen Familien wesentlich weniger präsent als die Mütter, nach Scheidungen leben die Kinder meist bei der Mutter. Die in Punkt 2 bereits genannte Feminisierung von Elementar- und Primarpädagogik verschärft diese Situation sehr deutlich.

4. Wandel des Bildes von Männlichkeit in der Gesellschaft: Die feministische Bewegung hat in den letzten 30 Jahren sehr vehement an einer Veränderung der Rollenbilder von Mann und Frau gearbeitet. Sie beschränkte sich dabei jedoch nicht auf eine Aufwertung des Frauenbildes, sondern arbeitete teilweise gezielt an einer Abwertung alles Männlichen, das forthin in unzulässiger Generalisierung anprangernswerter Einzelfälle mit Gewalttätigkeit und Unterdrückung gleichgesetzt wurde. Aber auch außerhalb der kleinen feministischen Kampfgemeinschaft hat sich eine tiefgreifende Krise des Männlichen breit gemacht. Zwar hat die Forderung nach einer Neudefinition des Männlichen Jungen und Männer in ihren angestammten Rollen verunsichert und Rollenbilder diffus gemacht, es konnte aber noch keine "neue Männlichkeit" Platz greifen.

5. Ausrichtung der Genderforschung als Frauenforschung: In den vergangenen dreißig Jahren widmete sich Genderforschung vor allem der Erforschung der Benachteiligung von Frauen und Mädchen. Viele deutsche Universitäten griffen die alsgesellschaftliches Problem erkannte reale Benachteiligung von Frauen und Mädchen auf und gründeten Forschungsinstitute und Lehrstühle, die sich dieser Problematik widmen sollte. Zahlreiche Förderangebote für Mädchen und Frauen waren die Folge. Sie bewirkten und bewirken bis heute, dass sich die Lage mittlerweile umgekehrt hat. Heute versuchen einige "Genderlehrstühle", auch die Jungenproblematik stärker in den Blick zu nehmen. Allerdings ist diese allmähliche Trendkorrektur noch kaum in der politischen Diskussion angekommen.

Dr. Clemens M. Schlegel ist Leiter des Praktikumsamtes für Lehrämter an Grund-, Haupt- und Sonderschulen der Ludwig-Maximilians-Universität. Der Aufsatz wird hier in Auszügen wiedergegeben.