Unterrichtskonzept MagerwahnThemen

Leistungsziel Schönheit

Das Jahr 2006 markiert eine Zäsur: Seither wurden junge Mädchen in Deutschland mit ihrem eigenen Körper immer unzufriedener. Waren damals noch knapp 70 Prozent mit sich zufrieden, so sank die Zahl innerhalb von drei Jahren auf unter 50 Prozent. Die Medienwissenschaftlerin Maya Götz erklärt sich das so: Kurz nach der ersten Umfrage zur Körperzufriedenheit startete die Sendung "Germany’s Next Topmodel (GNTM)". Seitdem arbeitet sie an Unterrichtskonzepten zu Körperbild und Magerwahn.

                                                                                                                                     Von Samuel Hofer

Dr. Maya Götz ist seit 2003 Leiterin des Internationalen Zentralinstitut für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI) beim Bayerischen Rundfunk. Dort beschäftigt sie sich mit den Medienwelten von Kindern und Jugendlichen, analysiert Fernsehtrends und berät bei der Konzeption neuer Formate.

Die Popularität von "Germany's Next Topmodel" erklärt sie so: Die Kandidatinnen funktionierten als Identifikationsfiguren. Ihre Aufgaben, wie Nacktfotografien mit Insekten oder erotische Shootings auf dem Schoß eines fremden Mannes, dienten den Zuschauerinnen zur Selbstpositionierung: Wie weit würde ich gehen? Dieselbe Funktion erfülle das gemeinsame „Ablästern“ über die Models: Wen finde ich hässlich? Wen gut?

Auch die Figur Heidi Klum fasziniert. Die Forschung von Maya Götz ergab: Unter den regelmäßigen Zuschauer/innen wünschen sich 57 Prozent Klum als Mutter. 71 Prozent gaben an, man könne von ihr lernen, wie man Kritik übt.

Kinder und Jugendliche mit Essstörung seien von der Sendung besonders fasziniert. Diese seien meist perfektionistische und soziale Menschen. Sie wollen sich der Gesellschaft anpassen und „alles richtig machen“. GNTM sei daher besonders interessant, da hier klare Aufträge geäußert würden: Nimm eine bestimmte Pose ein und unterdrücke deine Gefühle. Gemeinsam mit dem präsentierten Körperbild und der Verteuflung von dickmachender Nahrung ergebe sich dadurch eine riskante Mischung für gefährdete Kinder und Jugendliche.

Allerdings: Essstörungen sind hochkomplexe Krankheitsbilder. Häufig hängen sie mit anderen psychischen Erkrankungen zusammen. Götz betont daher, dass Fernsehsendungen auf keinen Fall die alleinige Ursache sein können. 

Wie kann Schule aufklären?

Mittlerweile sind Kinder und Jugendliche in Deutschland Spitzenreiter beim Sich-Zu-dick-Fühlen. Tatsächlich liegt ihr BMI allerdings im internationalen Mittelfeld. Maya Götz kritisiert, dass das Thema  trotz der hohen Relevanz eine zu gerine gesellschaftliche Rolle spiele. Zwischen Ausbruch der Krankheit und Behandlungsbeginn vergehe zu viel Zeit. Es fehle an Therapieplätzen.

Außerdem sei zu wenig über die Erkrankung bekannt. Speziell Eltern müssten mehr über Essstörungen und die natürliche Entwicklung des weiblichen Körpers während der Pubertät wissen. Eine Zunahme des Körperfettanteils in dieser Phase ist normal und kein Grund für erste Diäten.

Götz fordert politische Konsequenzen, etwa die Einführung von Mindestmaßen für Models und eine bessere Prüfung von Medieninhalten. GNTM sei zwar von einer Landesmedienanstalt geprüft worden, diese habe aber sehr wohlwollend geurteilt. Beispielsweise waren keine externen Experten für die Untersuchung zu Rate gezogen worden.

Auch in der Schule kommt das Thema zu kurz. In bayerischen Lehrplänen spielen Essstörungen keine Rolle. Als Antwort auf eine SPD-Anfrage im Landtag verwies die Bayerische Staatsregierung auf Aufklärung über gesunde Ernährung oder den menschlichen Stoffwechsel im Unterricht, die bereits im Curriculum verankert seien.

Maya Götz ist das zu wenig. Sie hat zwei Forderungen an das Bildungssystem. Erstens: die Vermittlung eines ganzheitlichen, positiven Selbstbildes. Dabei gehe es nicht primär um die Körper der Kinder. Essstörungen setzen meist in einer Identitätskrise ein, hier müsse man helfen. Es gelte, der übertriebenen Leistungsorientierung entgegenzuwirken und die Kinder zu bestätigen, dass sie so wie sie sind, richtig sind.

Zweitens fordert Götz, Medieninhalte kritisch zu diskutieren. Schönheitsideale einfach nur zur Debatte zu stellen, genüge aber nicht. Götz: „Man präsentiert ideale Frauen und Männer und hofft als Erwachsener, dass die Kinder erkennen, dass das alles nicht echt sein kann. Wenn man diese aber vorher und nachher fragt, wie eine schöne Frau aussieht, hat es sich sogar verschlimmert.“

Für die Grundschule empfiehlt die Medienwissenschaftlerin zunächst die Auseinandersetzung mit Zeichentrickfiguren. Ein Beispiel ist die populäre Serie Mia and me, mit der sie sich in ihrer Forschung beschäftigt. Die 12-Jährige Fee Mia wird deutlich hypersexualisiert dargestellt. Das heißt, dass ihr Taille-Hüft-Verhältnis weit von einem natürlich erreichbaren Frauenkörper entfernt ist. Noch größer ist der Unterschied zu einem gesunden 12-Jährigen Mädchenkörper. In der Forschung von Frau Götz wird die Fee mit ihren Originalproportionen (links) neben alternativen Varianten präsentiert. Die Kinder durften wählen: Welche Mia würdet ihr am liebsten sehen?

Das Resultat: Die hypersexualisierte Version ist am unbeliebtesten. Warum werden weibliche Figuren dennoch mit solchen Maßen präsentiert? Götz erklärt: „In der Industrie gibt es die feste Vorannahme: nur wenn Mädchen sexy sind, sind sie auch erfolgreich. Das würden die Kinder wollen. Auch hier waren sich die Produzenten, die hinterher interviewt wurden, ganz sicher: es musste diese dünne Figur sein“.

Eine Diskussion von solchen Darstellungen sei auch schon mit Grundschulkindern möglich. Die Kinder könnten die Körperverhältnisse von Zeichentrickfiguren vergleichen und dann diskutieren, warum das ein Problem ist. 

Mit älteren Schüler/innen könne die Darstellung von realen Menschen in den Medien diskutiert werden. Götz hat im Rahmen des tv.profiler selbst medienpädagogischen Unterrichtseinheiten entwickelt. Dabei ist auch eine Schulstunde zu "Germany’s Next Topmodel" entstanden.

Statistisch erfülle nur eine von 40.000 Frauen die Norm, die zur Teilnahme an GNTM berechtigt. Wenn die Models der körperliche Normallfall wären, als den viele Zuschauerinnen sie betrachten, wäre also die überwiegende Mehrheit der Frauen defizitär.

Eine solche Verschiebung der Wahrnehmung müsse den Jugendlichen bewusst gemacht werden. Sie müssen außerdem in die Lage gebracht werden, medienkompetent die Motive von Fernsehsendungen zu verstehen: es geht nicht um die Förderung der Mädchen, sondern die Steigerung von Werbeeinnahmen.

 

 

Das sagt der BLLV

Noch werden Lehrer/innen kaum auf psychische Krankheiten ihrer Schüler vorbereitet. Prävention, Diagnose und Umgang mit Erkrankungen wie Essstörungen müssen Teil der Lehrerbildung sein.

Um der Komplexität dieser Krankheiten gerecht zu werden, ist das Lehrpersonal dennoch auf die Hilfe von Spezialisten angewiesen. Lehrer/innen müssen betroffene Schüler/innen schnell und einfach an Psychotherapeuten vermitteln können. Gut, wenn diese direkt an den Schulen vertreten sind. So kann eine frühe Diagnose gestellt werden. Denn wer zeitnah nach Beginn einer Essstörung professionelle Hilfe erfährt, kann die Krankheit nachhaltig überwinden.

                                                            Birgit Dittmer-Glaubig, Leiterin der Abteilung Berufswissenschaften