Bild: Seminarlehrer Gerson Feinberg, 1876 - 1942.
BLLV-Projekt Erinnern 07.11.2021 Startseite

Namen statt Nummern

Im Rahmen des BLLV-Projekts Erinnern entstanden auch dieses Jahr wieder Biografien verfolgter jüdischer Lehrer. Drei davon wurden bei einer Feierstunde in Dachau der Öffentlichkeit vorgestellt.

Ob der 55 Jahre alte Abraham Müller im KZ-Dachau am 8. Dezember 1938 von SS-Schergen erschossen wurde, wie eine Exekutionsliste der SS ausweist, oder ob er an mangelnder ärztlicher Versorgung im KZ-Dachau nach einer schweren Operation verstorben ist, wie ein Mithäftling erzählte, wird nie mehr abschließend zu klären sein. In beiden Fällen ging ein engagiertes Lehrerleben unmenschlich und unwürdig zu Ende.

Lehrer und Kantor in München

Was wir aber dank der intensiven Recherchearbeit der 17jährigen Lisa Mainz vom Max-Mannheimer Gymnasium in Grafing wissen, sind wichtige Lebensstationen Abraham Müllers. In Heidelberg wird Abraham Müller am 25. Februar 1883 geboren. Dort besucht er das Gymnasium und wird danach zum Lehrer und Kantor ausgebildet wird. Seine Lehrerkarriere beginnt er 1907 in Baden, 1910 geht er als Lehrer nach Karlsruhe. 1914 schließlich nimmt er eine Stelle als Lehrer und Kantor an der israelitischen Volksschule in München an. Seine Lehrtätigkeit kann er nur kurz ausüben. Schon kurz nach dem Beginn des 1. Weltkrieges wird er zum Lazarettdienst eingezogen.

Nach dem Ende des Krieges unterrichtet er an der Jüdischen Volksschule. Zusätzlich erteilte er jüdischen Schülerinnen Religionsunterricht an verschiedenen christlichen Schulen in München. Besonders begeisterte Abraham Müller die Musik. Als Kantor in der Münchner Hauptsynagoge fand er viel Anerkennung. Öffentlich vertrat er vehement die Auffassung, dass die Kantoren an jüdischen Lehrerseminaren so wie er selbst ausgebildete Lehrer sein sollten, denn sie verfügten über eine gute Allgemeinbildung und gute Kenntnisse in den jüdischen Glaubensfragen. Wie Müller die zunehmenden Einschränkungen des Lebens der Juden nach der Machtergreifung der Nazis im Jahr 1933 erlebte, wissen wir nicht. Es gibt keine persönlichen Aufzeichnungen.   

Das furchtbare Ende

Ein schreckliches Ereignis allerdings muss auch für ihn der von Adolf Hitler selbst angeordnete Abriss der stolzen Hauptsynagoge im Zentrum Münchens im Juni 1938. Wie mag es Abraham Müller zu Mute gewesen sein, als er sah, wie der Ort seiner Kantorentätigkeit dem Erdboden gleich gemacht wurde?

Nur fünf Monate später wird er in der Reichspogromnacht aus seiner Wohnung in der Glücksstraße 1 abgeführt und nach Dachau als sog. „Aktionsjude“ verschleppt. Er wird zusammen mit den vielen anderen jüdischen Leidensgenossen geschlagen und gequält, ihm werden die Haare rasiert, er wird in eine Häftlingskleidung gesteckt und gedemütigt. Stundenlang steht er mit den anderen Gefangenen frierend auf dem Appellplatz. Anfang Dezember, vier Wochen nach der Verhaftung leidet er unter starken Magenbeschwerden. Er wird kurzerhand nach München ins Krankenhaus zur Operation gebracht. Unmittelbar danach geht es wieder zurück in das KZ ohne ärztliche Versorgung. Am 8. Dezember stirbt Abraham Müller – ob an der mangelnden ärztlichen Versorgung oder durch eine Kugel aus dem Gewehr eines SS-Soldaten – wir werden es nie mehr erfahren.

Lisa Mainz‘ Klassenkameradin Clara Farias Rocha trägt diese Lebensgeschichte stellvertretend für Lisa vor, da diese an einer Teilnahme an der Präsentation verhindert war. Bewegt hören die 80 Gäste diese Geschichte, recherchiert im Rahmen des W-Seminars in Geschichte. Weitere acht von Schülerinnen und Schülern verfasste Biografien von ehemaligen KZ-Häftlingen werden an diesem Abend vorgestellt. Drei darunter sind Teil als Teil des BLLV-Projektes Erinnern.

Seminarlehrer Gerson Feinberg In Riga ermordet

Lola Spiegl vom Max-Mannheimer-Gymnasium in Grafing schrieb über Gerson Elias Feinberg (geb. 1976), jüdischer Religionslehrer in Regensburg, Weiden, Hof und Kitzungen. Nach der Promotion zum Dr. phil. und dem Abschluss der Rabbinerausbildung war er 12 Jahre lang Seminarlehrer an der Israelitischen Lehrerbildungsanstalt in Würzburg. Im November 1938 wurde er verhaftet und in das KZ-Sachsenhausen gebracht. Von dort wurde er am 15.08.1942 im Alter von 66 Jahren zusammen mit seiner Frau in das Ghetto Riga deportiert und ermordet.

Dem Holocaust entkommen

Nele Behrens vom Joseph-Effner-Gymnasium Dachau widmete ihre Arbeit Alice Behr (geb. 1898) Alice Behr war von 1918 bis 1933 als Lehrerin im badischen Schuldienst tätig, bevor sie nach Kündigung, Entbeamtung und Entlassung aus dem öffentlichen Schuldienst nach München zog, wo als Wirtschaftslehrer im Kinderheim der Israelitischen Kinderhilfe arbeitete. Alice Behr Entschluss, in die USA zu emigrieren, rettete ihr das Leben, aber der Abschied von ihrer Mutter und ihrem Bruder viel ihr wohl unendlich schwer. In den USA schlug sie sich zuerst als Kindermädchen und als Hotelangestellte durch. Erst 1954 fand sie eine feste Anstellung als Lehrerin in einem jüdischen Kinderheim bei New York. Alice Behr war Autorin, schrieb verschiedene Artikel und einen Roman. Ihr Leidenschaft gehörte der Literatur – und sie war eine überzeugte Kämpferin für die Rechte der Frauen.

Der Vergessenheit entrissen

Landesgeschäftsführer des BLLV und Leiter des Projektes Erinnern im BLLV, Dr. Dieter Reithmeier, hob in seinem Grußwort hervor, dass diese Biografien für die heutige Erinnerungsarbeit besondere Bedeutung habe. Zum einen werden diese Menschen, die der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft zum Opfer fielen oder fliehen mussten, aus der Vergessenheit und der Anonymität gerissen. Zum anderen werden sie Teil der Biografie der Schülerinnen und Schüler von heute, denn die Beschäftigung mit diesen Schicksalen wird die heutigen jungen Menschen ein Leben lang begleiten und sie vor allem auch sensibel machen für alle Formen der Ausgrenzung und des Antisemitismus.