Bild: Das Interesse für politische Themen beginnt bereits in der Grundschule, wie Forscher herausfanden.
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Politische Bildung in bayerischen Schulen: Lange nichts und dann sehr wenig

Wer Populismus bekämpfen und Demokratie stärken will, muss politische Bildung fördern. Leider spielt die in der Schule nur eine untergeordnete Rolle. Vor allem in Bayern, sagt Samuel Hofer, der die Abschlussarbeit seines Lehramtsstudiums zum Thema Politische Bildung verfasst.

Hohe Ansprüche formulieren der bayerische Kultusminister Piazolo und Staatssekretärin Stolz im "Gesamtkonzept für die politische Bildung an bayerischen Schulen" an die politische Bildung:  "Schülerinnen und Schüler sollen sich in unserer komplexen Welt urteilssicher und verantwortungsvoll orientieren können. Sie sollen ihr Wissen im gesellschaftlich-politischen Prozess einsetzen, politische und religiöse Toleranz üben und zur Förderung eines friedlichen und vereinten Europas der regionalen Vielfalt beitragen können. All das ist die Aufgabe von politischer Bildung". Dieser hohe Anspruch steht im klaren Widerspruch zu aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen, die Bayern als das Bundesland mit der niedrigsten politischen Schulbildung herausstellen.

In anderen Bundesländern wird am Gymnasium acht Mal häufiger politische Bildung unterrichtet

Politik wird unter verschiedenen Namen im deutschen Schulsystem gelehrt. In manchen Bundesländern werden politische Inhalte als "Sozialkunde", "Gemeinschaftskunde", "Politik" oder "Politische Bildung" als eigenständiges Fach unterrichtet. In anderen Ländern findet in Form von "Politik-Wirtschaft", "Gemeinschaftskunde/Rechtserziehung" oder "Geschichte/Politische Bildung" eine Fächerkombination statt. Die Bildungsforscher Mahir Gökbudak und Reinhold Hedtke von der Universität Bielefeld haben sich die Dokumentierung der politischen Bildung in Deutschlands Schulen zum Projekt gemacht. Seit 2017 vergleichen sie jährlich in ihrem Ranking Politische Bildung, wie sich das Angebot in den einzelnen Ländern entwickelt. Gökbudak und Hedtke analysieren die Stundentafeln der Sekundarstufe I getrennt für das Gymnasium und nichtgymnasiale Schulformen. Für jedes Bundesland erheben sie dadurch den Anteil der politischen Bildung am Gesamtunterricht. Ihr Fazit: "Von einer Gleichwertigkeit des Rechts auf politische Bildung kann in Deutschland keine Rede sein". 

In dem Bielefelder Ranking der schulischen politischen Bildung liegt Bayern im Jahr 2019 sowohl bei den gymnasialen als auch bei den nicht-gymnasiale Schulformen auf dem letzten Platz. Der mittlere Anteil der politischen Bildung am Gesamtunterricht der Sekundarstufe I lag bei den nichtgymnasialen Schulformen im Jahr 2019 bei 2,6 Prozent. Während sich bayerische nichtgymnasiale Schülerinnen und Schüler nur 1,1 Prozent ihrer Zeit mit politischer Bildung beschäftigen, ist der Anteil in Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein mehr als dreimal so hoch. Noch deutlichere Unterschiede zeigen sich an den Gymnasien: Hier nimmt die politische Bildung in Bayern im Jahr 2019 nur 0,5 Prozent des Gesamtunterrichts der Sekundarstufe I ein. Der Median der Bundesländer liegt wiederum bei 2,6 Prozent. In den Spitzenländern Nordrhein-Westfalen, Hessen und Schleswig-Holstein wird über 4 Prozent des Gesamtunterrichts der politischen Bildung gewidmet. Eine Gymnasiastin in Frankfurt beschäftigt sich also während der Sekundarstufe I mehr als acht Mal so häufig mit politischen Inhalten als ihr Altersgenosse auf einem Regensburger Gymnasium.

Der Zeitpunkt des Beginns der politischen Bildung

In dem aktuellen Ranking Politische Bildung für das Jahr 2019 betrachten Gökbudak und Hedtke auch den Zeitpunkt des Beginns der politischen Bildung am Gymnasium. Sie stellen fest, dass nur in vier Ländern bereits ab der fünften Klasse Politik unterrichtet werden kann, in sechs Ländern ist ein Beginn ab der siebten Klasse möglich. Drei Länder starten ab der achten Klasse, zwei ab der neunten Klasse und ein Land sieht politische Bildung frühestens in der zehnten Klasse vor. Dieser letzte Platz wird wieder von Bayern eingenommen.

Forschungsergebnisse zeigen, dass bereits Grundschulkinder politisches Interesse aufzeigen und die große Mehrheit der Kinder und Jugendlichen mehr Mitbestimmung fordert. Um diesen Wünschen und Interessen gerecht werden zu können, muss in der Schule bereits in unteren Klassenstufen politische Bildung angeboten werden. Gökbudak und Hedtke fordern daher einen durchgehenden Politikunterricht in allen Klassen der Sekundarstufe I. Die Notwendigkeit eines frühen Starts der politischen Bildung wird selbst auf der Internetseite des Kultusministeriums beschrieben: Dort wird festgestellt, dass politischen Tugenden und Haltungen "in kindgemäßer Form in einem sehr frühen Stadium und im Blick auf Interaktionen auch in der Familie zu vermitteln (sind), um der Entwicklung von antizivilisatorischen/extremistischen Orientierungen und Verhaltensmustern möglichst frühzeitig vorzubeugen".

Unterschiede zeigen sich auch in der außerschulischen politischen Bildung

Politische Bildung findet in Deutschland nicht nur in den Schulen statt. Die wichtigsten Orte für das außerschulische Bildungsangebot sind die Zentralen der politischen Bildung. Neben der Bundeszentrale unterhält jedes Land eine eigene Landeszentrale für politische Bildung. Als Indikator für die Wertschätzung der außerschulischen politischen Bildung, kann die jeweilige finanzielle Ausstattung dieser Landeszentralen, gemessen in Budget je Einwohnerin bzw. Einwohner, verglichen werden. Der Bildungsforscher Dirk Lange hat diese Zahlen in seinem „Monitor politische Bildung“ für das Jahr 2007 erhoben, ich habe dies für das Jahr 2017 wiederholt. Auch in der außerschulischen politischen Bildung unterscheiden sich die Länder deutlich und Bayern schneidet auch hier schlecht ab. In beiden Jahren nimmt der Freistaat den vorletzten Platz ein. Weniger finanzielle Wertschätzung hat nur die niedersächsische Landeszentrale erfahren. Diese wurde als Sparmaßnahme im Jahr 2004 komplett geschlossen und wird erst seit 2015 wiederaufgebaut. Im Länderdurchschnitt verfügen die Landeszentralen im Jahr 2017 über mehr als dreifach so viel Budget pro Einwohnerin bzw. Einwohner als die bayerische Landeszentrale. Die Spitzenländer sind Mecklenburg-Vorpommern, Bremen und Sachsen-Anhalt.

Woran die Stärkung der politischen Bildung scheitert

Die Anzahl von Wochenstunden für ein Unterrichtsfach ist eine endliche Größe. Wenn man die wöchentliche Schulzeit nicht verlängern möchte, gilt: Will man ein Fach zeitlich stärken, so muss man ein anderes schwächen. Im Rahmen einer Diskussionsveranstaltung des BLLV im Jahr 2018 habe ich den Bildungspolitiker der Freien Wähler und heutigen Kultusminister Michael Piazolo zur Situation der politischen Bildung in Bayern befragt. Er sprach sich deutlich für eine Stärkung des Politikunterrichts aus.

Auf die Nachfrage, welche Fächer dafür zeitlich zurückstecken sollten, blieb er eine Antwort schuldig. Es ist leicht, die oben genannten Fragen, etwa nach dem Umgang mit dem erstarkenden Populismus, mit der Forderung nach mehr politischer Bildung zu beantworten. Die Umsetzung in der Praxis ist deutlich schwieriger. Der Protest von Vertreterinnen und Vertretern anderer Fächer, welche zeitlich einbüßen müssten, ist vorprogrammiert. Häufig wird im Bereich der politischen Bildung darauf verwiesen, dass diese ja auch ein fächerübergreifendes Lernziel darstelle, also mehr Unterrichtszeit einnehme, als die niedrige Fachunterrichtszeit suggeriert. Bildungsforscherinnen und Bildungsforscher befürchten allerdings, dass die tatsächliche Umsetzung von fächerübergreifenden Bildungszielen eher gering ausfällt. Außerdem merken sie an, dass sich die Situation in der politischen Bildung im Gegenteil sogar noch schlechter darstellen könnte, als sie scheint. Im Vergleich mit anderen Fächern wird Politik nämlich in hohem Maße von fachfremden Lehrkräften unterrichtet, was sich auf die Qualität des Unterrichts auswirken kann.

Zumindest in der Oberstufe des bayerischen Gymnasiums soll die politische Bildung im Zuge der Rückkehr zum G9 eine Aufwertung erfahren. Sozialkunde soll zukünftig "Politik und Gesellschaft" heißen. Das neue Fach ist in der zehnten Klasse zweistündig und in der elften einstündig im Unterrichtsplan vorgesehen. Außerdem können die bayerischen Gymnasiastinnen und Gymnasiasten Politik und Gesellschaft als Leistungsfach wählen. Diese Verbesserung ist zu befürworten. Im Vergleich mit anderen Ländern ist die politische Bildung in Bayern aber weiterhin mangelhaft. Insbesondere, da sich an dem späten Beginn in der zehnten Klasse nichts ändert. 

Auch wenn die praktische Umsetzung schwierig ist, bleibt die Stärkung der politischen Bildung der richtige Weg, um die Demokratie zu schützen und der Gefahr des Populismus zu begegnen. Wir brauchen mehr politische Bildung – gerade in Bayern.

Über den Autor
Samuel Hofer schließt gerade sein Lehramtsstudium mit den Fächer Politik und Sport an der Universität Konstanz ab. In seiner Abschlussarbeit untersuchte er, wie sich die starken Unterschiede der Bundesländer in der Förderung der politischen Bildung erklären lassen. Für das Jahr 2007 zeigt sich ein signifikanter Parteieneffekt: Eher links geführte Länder fördern die politische Bildung stärker als Länder mit konservativen Regierungen. Für das Jahr 2017 ist dieser Effekt nur noch schwach feststellbar. Die Erklärung von Hofer ist, dass durch den Erfolg der AfD die allgemeine Wertschätzung der politischen Bildung stieg, weswegen die ideologische Ausrichtung der Regierungen eine geringere Rolle spielt.

Literatur
Bayerisches Staatsministerium für Unterricht und Kultus, 2017: Gesamtkonzept für die politische Bildung an bayerischen Schulen (Stand 2019). Bekanntmachung des Bayerischen Staatsministeriums für Unterricht und Kultus. München.

Gökbudak, M., Hedtke, R., 2018: Ranking Politische Bildung 2017 – Politische Bildung an allgemeinbildenden Schulen der Sekundarstufe I. Working Paper, 7. Fakultät für Soziologe - Didaktik der Sozialwissenschaften. Bielefeld.

Gökbudak, M., Hedtke, R., 2019: Ranking Politische Bildung 2018 – Politische Bildung an allgemeinbildenden Schulen der Sekundarstufe I im Bundesländervergleich. Working Paper, 9. Fakultät für Soziologe - Didaktik der Sozialwissenschaften. Bielefeld.

Gökbudak, M., Hedtke, R., 2020: 3. Ranking Politische Bildung – Politische Bildung an allgemeinbildenden Schulen der Sekundarstufe I im Bundesländervergleich 2019. Working Paper, 11. Fakultät für Soziologe - Didaktik der Sozialwissenschaften. Bielefeld.

Lange, D., 2010: Monitor politische Bildung: Daten zur Lage der politischen Bildung in der Bundesrepublik Deutschland. Wochenschau Verlag. Schwalbach/Ts.

Website des Bayerischen Staatsministerium für Unterricht und Kultus: Demokratie braucht politische Bildung. https://www.km.bayern.de/ministerium/politische-bildung.html (Stand Juli 2020).

 

Am: 29.07.2020