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Inklusion: Lehrkräfte fühlen sich allein gelassen

In Bayern haben rund 77.000 Kinder sonderpädagogischen Förderbedarf - etwa ein Drittel davon besucht eine Regelschule / BLLV-Präsidentin Fleischmann fordert mehr multiprofessionelle Teams

München - Die Zahl der Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf steigt in Bayern kontinuierlich an. Die damit verbundenen Herausforderungen auch: „Die Lehrkräfte fühlen sich allein gelassen“, bemängelte die Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV), Simone Fleischmann, anlässlich der Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention vor zehn Jahren in Deutschland. Sie könne den Frust nachvollziehen, denn die Schulen seien weder personell noch räumlich ausreichend auf Kinder mit Förderbedarf vorbereitet. „Kein Wunder, dass die sich daraus ergebenden Probleme als immense Belastung erlebt werden, obwohl Wille und Motivation bei den meisten Lehrkräften immer noch groß sind.“ Die Schulen brauchen endlich Unterstützung, z.B. in Form von multiprofes-sionellen Teams, die je nach Bedarf an den Schulen eingesetzt werden. Nur so könne es gelingen, alle Kinder und Jugendlichen - egal, ob mit oder ohne sonderpädagogischem Förderbedarf - in ihren vielfältigen Bedürfnissen, Interessen, Potentialen, sozialen Problemen und Lebensmodellen individuell zu fördern und in ihrem Lernprozess angemessen begleiten zu können.

Mangel an bedarfsgerechten Rahmenbedingungen

In Bayern gibt es derzeit rund 76.800 Schülerinnen und Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf an den allgemeinbildenden Schulen. Das sind 8.000 mehr als noch vor zehn Jahren. 52.012 Kinder und Jugendliche mit Förderbedarf besuchten im Schuljahr 2017/18 ein Förderzentrum, 24.774 Schülerinnen und Schüler mit Förderbedarf eine Regelschule. Von den Kindern mit Förderbedarf an den allgemeinen Schulen besuchen 67 Prozent die Grundschule, 29 Prozent die Mittelschule und jeweils 2 Prozent eine Realschule oder ein Gymnasium. „Das sind insgesamt rund 8.000 mehr als noch vor zehn Jahren“, konstatierte Fleischmann. „Trotz steigender Zahlen passiert in Sachen Inklusion an den Schulen aber nicht viel, jedenfalls nichts, was Lehrerinnen und Lehrer nachhaltig entlasten würde“, kritisierte sie. Das „Ja“ zur Inklusion sei nach wie vor ein gequältes „Ja“. „Seit der Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention vor zehn Jahren mangelt es an bedarfsgerechten Rahmenbedingungen.“

Eine Problematik, die vor allem Grund- und Mittelschulen treffen würde, denn auffällig sei, dass Inklusion innerhalb der Sekundarstufe hauptsächlich dort stattfinde. In einem inklusiven Bildungssystem müsse die Inklusion aber im gesamten Bildungsverlauf verankert sein, betonte die BLLV-Präsidentin.

Nicht „so nebenbei“ zu bewältigen

Inklusion sei ein großes Thema und werde die Schulen dauerhaft begleiten, denn Schülerzahlen und Diagnosen steigen. „Die Politik muss deshalb reagieren und anerkennen, dass die damit verbundenen Aufgaben nicht ‚so nebenbei‘ und mit den gegebenen Personalengpässen zu bewältigen sind“, forderte Fleischmann. Im Gegenteil: Die Lehrkräfte bräuchten Zeit, damit eine nachhaltige Beziehung zwischen den Kindern und ihren Pädagogen entstehen kann.“ Es brauche aber auch Begeisterung für diese Aufgabe. Diese könne nur entstehen, wenn die entsprechenden Voraussetzungen gegeben seien.

Linderung könnte aus Sicht des BLLV auch eine verbesserte Klassenbildung schaffen, etwa durch eine Mehrfachzählung der Kinder mit Förderbedarf in den Regelschulen. Darüber hinaus wären Zeitressourcen für multiprofessionelle Teams sinnvoll, sowohl für die Förderung in der Klasse wie auch für die Unterstützung an der Schule. „Für die Lehrerinnen und Lehrer wäre auch ausreichend Zeit für Vorbereitung, Kooperation und Fortbildungen von zentraler Bedeutung. Eine erfolgreiche Umsetzung der Inklusion könne schließlich nur auf Grundlage von Austausch, Kooperation und Kommunikation der Lehrkräfte untereinander und mit den anderen Fachkräften gelingen, ist Fleischmann überzeugt.

Zum Nulltarif sei das freilich nicht zu haben: Nach Berechnungen des BLLV benötigt es dafür rund 1.900 zusätzliche Stellen. „Das entspricht einer Erhöhung des Bildungshaushalts um 134 Millionen Euro“, rechnet Fleischmann vor. 

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