Thesen zur Schule im Zeitalter der Digitalität

Kein Ereignis hatte so große Auswirkungen auf die Nutzung digitaler Medien in der Schule, wie die Corona-Pandemie. Von einem Tag auf den anderen wurde aus Präsenzunterricht Distanzlernen und in den nächsten Monaten folgte ein massiver Ausbau der digitalen Bildungsinfrastruktur.

Wir Lehrerinnen und Lehrer haben uns gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern sowie ihren Eltern auf eine spontane Lernreise begeben. Eine Reise ohne Reiseplan mit zahlreichen Herausforderungen. Die Zeit der Pandemie war von viel Verunsicherung auf allen Seiten geprägt. Kinder und Jugendliche aus benachteiligten Familien litten besonders darunter. Und trotzdem: Alle haben sich auf den Weg gemacht. Wir sind diesen Herausforderungen mit kreativen Lösungen und großem Engagement entgegengetreten.

Die Pandemie ließ uns keine Zeit zum Innehalten und zum Reflektieren, denn wir mussten sofort handeln. Doch was bedeutet Bildung und Erziehung im Zeitalter der Digitalität? Was lernen wir aus den Erfahrungen der Pandemie und wo soll es eigentlich hingehen? Wie können digitale Medien unsere Arbeit und den Lernprozess der Schülerinnen und Schüler bereichern? Sicher ist, dass wir mutig und visionär voranschreiten müssen, wenn wir Zukunft gestalten wollen. Dabei müssen wir aber auch stets die Realität der Praxis und die unterschiedlichen Bedingungen vor Ort im Blick behalten und dürfen unsere Werte nicht aus den Augen verlieren.

1. Es gibt keine Bildung und Erziehung ohne Digitalität.

Digitale Medien sind fester Bestandteil unserer Gesellschaft. Kein Kind kann der schier endlosen Zahl digitaler Geräte und Informationen im Lebensalltag entgehen. Deshalb müssen auch Schulen und Kitas Antworten zum Umgang mit digitalen Medien finden und dürfen die digitale Welt nicht aus der Bildungs- und Erziehungspraxis ausklammern. Entscheidend ist nicht „ob“, sondern „wie“ wir Bildungsprozesse zukünftig sowohl analog als auch digital erfolgreich gestalten.

2. Erfolgreiche Bildung und Erziehung braucht Beziehung.

Die Pandemie hat gezeigt, dass die Nutzung digitaler Medien kein Ersatz für zwischenmenschliche Beziehungen ist. Die Forschung kommt zu dem eindeutigen Ergebnis, dass Bildung und Erziehung ohne einer sicheren Bindungs- und Beziehungsbasis scheitern. Dies gilt insbesondere für digital geprägte Lehr-Lern-Settings. Neben unserer hohen Fachkompetenz ist die professionelle Beziehungsarbeit unser Kerngeschäft. Deshalb muss auch im Zeitalter der Digitalität die Beziehung im Zentrum von Bildungs- und Erziehungsprozessen stehen.

3. Bildung und Erziehung braucht Professionalität.

Doch was macht pädagogische Professionalität im Zeitalter der Digitalität eigentlich aus? Es geht hierbei insbesondere um den kompetenten Umgang und den passgenauen Einsatz altersgemäßer digitaler Medien. Diese müssen als selbstverständliches pädagogisches Werkzeug – nicht um ihrer selbst Willen – Teil eines methodisch flexiblen und passgenauen Unterrichtsgeschehens sein. Um diesen Umgang mit Medien kompetent vorleben zu können, müssen digitale Medien und ihr medienpädagogischer Einsatz in umfassender Form in allen drei Phasen der Lehrerbildung Einzug erhalten.

Diese neue Professionalität im digitalen Raum geht auch mit einer veränderten Lehrerrolle einher. Wir Lehrerinnen und Lehrer sind in unser Vorbildfunktion mehr denn je gefragt, die Schüler:innen in einer auf Selbstbestimmung ausgelegten Bildungslandschaft der Zukunft zu begleiten. Sei es durch asynchrone Lehr-Lern-Formate, die selbstbestimmtes Lernen optimal ermöglichen oder mithilfe geeigneter digitaler Anwendungen im Präsenzunterricht.

Zur Professionalisierung gehört auch die kollegiale Vernetzung & Kommunikation sowohl in den einzelnen Lehrerkollegien als auch schulübergreifend. Vernetzungsstrukturen, wie beispielsweise das Twitterlehrerzimmer, stellten sich nicht erst während der Corona-Pandemie als Goldschätze heraus, die es zu fördern gilt. Neben der Berücksichtigung der Digitalität durch ein Medienkonzept an jeder Schule muss der Aspekt der Digitalität zudem auch fester Bestandteil der Schulentwicklung werden.

4. Im Zeitalter der Digitalität braucht es Vertrauen in passgenaue und eigenverantwortliche Lösungen vor Ort.

Die vielfältigen und heterogenen Situationen der Schulen erfordern passgenaue Lösungen vor Ort. Wir Lehrerinnen und Lehrer arbeiten mit unterschiedlichsten Schülerinnen und Schülern und mit entsprechend unterschiedlichsten pädagogischen Konzepten, auf die auch die digitalen Lösungen abgestimmt sein müssen. Das betrifft auch die digitale Kommunikation mit den Eltern, die zu mehr Transparenz und einem besseren Gelingen des Schulalltags beiträgt. Passgenauigkeit lässt sich allerdings nur dann herstellen, wenn vor Ort ein entsprechender Handlungsspielraum vorhanden ist.

Es braucht deshalb aus organisatorischer Perspektive mehr Spielräume im Sinne einer eigenverantwortlichen Schule, um transformative Schulentwicklung zu ermöglichen. Gute Schulen leben von guter Leadership und viel Partizipation aller Beteiligten. Diese müssen durch entsprechende Rahmenbedingungen ermöglicht werden (z.B. mehr Zeit für Schulleitung). Die Bedarfsgrundlage (Hard- und Software) sowie das auf die jeweilige Schule abgestimmte Medienkonzept werden von Seiten der Schulgemeinschaft erarbeitet und sollten beim Sachaufwandsträger konsequent Beachtung finden. 

Außerdem müssen Schulen ressourcentechnisch für passgenaue Lehr-Lernsettings im Zeitalter der Digitalität besser ausgestattet werden und zwar personell insbesondere im Sinne einer multiprofessionellen Teamarbeit, finanziell, insbesondere durch eigenverantwortlich verwaltete Budgets sowie infrastrukturell, insbesondere bezogen auf eine solide digitale Infrastruktur in Form von geeigneter Hard- und Software und funktionierenden Netzwerkstrukturen.

Gestärkt werden sollten Schulen zusätzlich durch Unterstützungssysteme in Form von Beratung und Begleitung in der Schul- und Unterrichtsentwicklung sowie in Form von Supportstrukturen im Bereich Hard- und Software. Die Schulen benötigen dazu personelle und zeitliche Ressourcen, um die Beratung durch Unterstützungssysteme wie die Berater digitale Bildung und Innovationsteam nutzen zu können. Zudem muss eine Betreuung durch einen vom Sachaufwandsträger beauftrage externe Administration stattfinden, die den Bedarfen der Schule entspricht und eine funktionierende Struktur garantiert.

5. In einer Zeit ständiger Veränderungen braucht es Kompetenzen für den Umgang mit Ungewissheit.

Wenn über die Zukunft gesprochen wird, dann sind sich meist alle einig: In Anbetracht der unvorhersehbaren gesellschaftlichen Veränderungen wird unsere Zukunftsfähigkeit vor allem von kreativen, kommunikativen, kollaborativen und kritisch denkenden Menschen („4K’s“) abhängig sein. Nie gab es in der Geschichte so viel Veränderung in so kurzer Zeit – ohne dass ein Ende in Sicht ist. Die Digitalität ist hierbei eine allgegenwärtige Begleiterin und stellt deshalb auch im Modell der 21st Century Skills als „Information, Media and Technology Skills“ eine zentrale Säule dar.

Der Bildungsauftrag und die Bildungspraxis müssen sich deshalb neben dem Erwerb zahlreicher anderer Kompetenzen durch entsprechende zeitgemäße Lehr-Lernsettings insbesondere auf die Zukunftskompetenzen fokussieren. Für dieses transformative Lernen benötigen die Schulen Spielräume und Zeit, damit die Schülerinnen und Schüler diese Kompetenzen im Zeitalter und im Raum der Digitalität erwerben zu können.

6. Der digitale Raum eröffnet neue Möglichkeiten und verändert den Lern- und Entwicklungsprozess.

Die digitale Welt als kultureller Möglichkeitsraum führt zu neuen Formen des alltäglichen Handelns, der zwischenmenschlichen Kommunikation und des Lernens. Ein klassisches Lern- und Leistungsverständnis im Sinne eines Lernens im Gleichschritt mit Benotung steht mit dem flexiblen und offenen Raum der Digitalität im Widerspruch. In zeitgemäßen Lern- und Entwicklungsprozessen wird dieser kulturelle Möglichkeitsraum pädagogisch sinnvoll in die Praxis integriert und all seine Vorteile für das Lernen ausgeschöpft.

Lernwege und Leistungsziele können im digitalen Raum besser als je zuvor individuell strukturiert, evaluiert und beratend begleitet werden. Im Hintergrund einer lernförderlichen Lern- und Leistungskultur verändert sich auch die Lehrerrolle. Selbstverständlich tragen wir Lehrerinnen und Lehrer nach wie vor die Verantwortung für die professionelle Gestaltung des Unterrichts und gleichzeitig eröffnen digitale Medien im Hintergrund einer dialogischen und feedbackorientierten Lernbegleitung völlig neue Wege der individuellen Förderung und Lernentwicklungsbegleitung.

Hierzu braucht es ein neues Verständnis von Lernen. Bei der Umsetzung dessen braucht es Mut und Optimismus, Neues zu probieren sowie eine positive Fehlerkultur, um sich selbstwirksam und selbstbestimmt weiterentwickeln zu können – sowohl auf Seiten der Schülerinnen und Schüler als auch auf Seiten der Lehrerinnen und Lehrer. Um dieses zeitgemäße Lernen fest in den Schulalltag zu integrieren, müssen entsprechende Formen der lernförderlichen Leistungsbeurteilung genehmigt und gefördert werden.

7. Medienkompetenz stellt das Fundament für einen zukunftsfähigen Umgang mit der Digitalität dar.

Das Zeitalter der Digitalität mit der Dynamik digitaler Medien und Kommunikation stellt uns auch aus ethischer Sicht vor ganz neue Herausforderungen: Fake-News, Filterblasen und Echokammern, individualisierte Werbung und Politisierung, Hate-Speech, Cyber-Mobbing etc. fordern die gesellschaftliche Ordnung und die Demokratie heraus. Aufgabe von Schule muss es sein, ein solides Fundament zu legen und Kompetenzen aufzubauen, die die Lernenden befähigen, mündige und reflektierte Bürgerinnen und Bürger unserer Gesellschaft und im digitalen Raum zu werden.

Medienkompetenz ist demnach als eine fächerübergreifende Querschnittsaufgabe anzusehen, bei der es niemals nur um rein technische Aspekte geht. Vielmehr geht es um Fragen, wie: Was macht die Digitalisierung mit uns? Was bedeutet die digitale Transformation für die Arbeitswelt und meine Berufsbiografie? uvm.

8. Medienpädagogische Kompetenz ist eine wesentliche Säule zeitgemäßer Bildung und Erziehung.

Wir Lehrerinnen und Lehrer benötigen neben allgemeiner Medienkompetenz auch entsprechende Kompetenzen für den medienpädagogischen Einsatz. Es ist nicht die Zeit der Schuldzuweisungen. Wir haben alles versucht, das Bildungswesen auch während der Corona-Pandemie aufrecht zu erhalten und zwar mit den Mitteln, die uns zur Verfügung standen und dies trotz katastrophaler Bedingungen häufig mit Erfolg. Der BLLV mahnte schon lange vor der Corona-Pandemie das hohe Potenzial und die enormen Defizite in der digitalen Infrastruktur und des Einsatzes digitaler Medien in der Schule an. Der reflektierte, kompetente und didaktisch passgenaue Einsatz digitaler Medien im Unterricht ist hierbei die Zielmarke.

9. Ganzheitliche Bildung und Erziehung mit Herz, Kopf und Hand ist im Zeitalter der Digitalität notwendiger denn je.

Neben der Priorisierung von Zukunftskompetenzen und Medienkompetenz zeigt die Forschung immer deutlicher, dass Lernen ganzheitlich gedacht werden muss: Bildung mit Herz, Kopf und Hand bedeutet sowohl die kognitive als auch die emotionale und die praktische Dimension als gleichberechtigte Teile der Bildungspraxis anzuerkennen und erlebbar zu machen. Zukunftsfähigkeit, Demokratiefähigkeit und auch Bildungsgerechtigkeit kann nur hergestellt werden, wenn Kinder und Jugendliche ganzheitlich und partizipativ gebildet werden. Individuelle Förderung ist das Zauberwort, hinter dem in einer zeitgemäßen Schule so vieles steckt: Inklusion, Persönlichkeitsentwicklung, sozial-emotionale Kompetenzen, (inter)kulturelle Bildung und vieles mehr. Im Zeitalter der Digitalität werden diese Herausforderungen und Kompetenzen zusammengedacht.

10. Die beste Bildung und Erziehung braucht die besten Rahmenbedingungen.

Diese Thesen stellen die Grundlage zeitgemäßer Bildung und Erziehung im Zeitalter der Digitalität dar und um diesen in der Praxis auch gerecht werden zu können, braucht es entsprechende Rahmenbedingungen. Der BLLV fordert deshalb:

  • Das Erreichte darf nicht wieder verloren gehen: Die Corona-Pandemie hat der Digitalisierung des Bildungswesens einen unvergleichlichen Schub verpasst. Nun drohen die wertvollen Erfahrungen und kreativen Lösungen wieder verloren zu gehen. Wir fordern, dass konkrete Maßnahmen ergriffen werden, dass das Bildungssystem auf der Basis der Entwicklungen und Erfahrungen aus der Corona-Pandemie zu einem zeitgemäßen Bildungssystem weiterentwickelt wird, in dem Schulen eine optimale Infrastruktur sowohl hinsichtlich der Hardware als auch der Software bereitsteht, die eine optimale individuelle Förderung der Schülerinnen und Schüler ermöglicht.
  • Bildung im Zeitalter der Digitalität braucht passgenaue Ressourcen: Neben Zeit für die Aus- und Fortbildung medien- und medienpädagogischer Kompetenz benötigt es auch personelle Ressourcen zum Aufbau und zur Aufrechterhaltung schulischer digitaler Infrastrukturen. Hierzu braucht es Fachkräfte, die das schulische Personal mit ausreichender Stundenzahl in ihrer pädagogischen Arbeit unterstützen und weiterbilden. Zudem müssen sich die vom Sachaufwandsträger zur Verfügung gestellten externen Systembetreuungen auf die Anforderungen der Schulen vor Ort einlassen und für deren Bedarfe Sorge tragen.
  • Die beste Bildung erfordert die beste Infrastruktur: Noch immer scheitert der Einsatz digitaler Medien an schlechten Internetverbindungen oder fehlender Hard- und Software. Es braucht eine flächendeckend funktionierende digitale Infrastruktur. Dabei reicht es nicht aus, die Förderung auf die Bereitschaffung von Hardware zu reduzieren. Schulen benötigen genauso passgenaue Software, die beschafft werden muss.
  • Bildung im Zeitalter der Digitalität braucht Klarheit und Sicherheit: Uns Lehrerinnen und Lehrern muss ein flexibler und passgenauer Einsatz geeigneter digitaler Medien im Schulalltag ermöglicht werden. Häufig bringen ‚Grauzonen‘ ein hohes Maß an Unsicherheit mit sich, was immer wieder zum Erliegen der zukunftsorientierten digitalen Arbeitsweise der Lehrkräfte führt. Deshalb braucht es klare Aussagen von Seiten des Dienstherrn, die allen Lehrerinnen und Lehrern Rechtssicherheit bieten.
  • Bildung im Zeitalter der Digitalität darf kein Luxus sein: Sozial benachteiligte Familien dürfen im Sinne der Bildungsgerechtigkeit nicht noch zusätzlichen Nachteilen durch das Bildungswesen ausgesetzt sein, beispielsweise durch fehlende digitale Endgeräte. Hierzu müssen passgenaue unbürokratische kompensatorische Maßnahmen ergriffen werden.
  • Bildung im Zeitalter der Digitalität braucht auch dienstrechtliche Regeln: Wir Lehrerinnen und Lehrer lassen uns auf die Veränderungen im Zeitalter der Digitalität gerne ein. Aber gerade die damit verbundenen Möglichkeiten der Erreichbarkeit rund um die Uhr bringen die große Gefahr einer Entgrenzung der Arbeitszeit mit sich. Hier braucht es klare Regeln zum Schutze der Lehrerinnen und Lehrer.

„Die Digitalisierung ist nicht gekommen, um zu gehen. Sie wird uns auch in Zukunft beschäftigen“, so Bundesbildungsministerin Bettina Stark-Watzinger anlässlich der educate 2022. Wir Lehrerinnen und Lehrer haben Lust darauf und wir wollen mutig voranschreiten. Was wir brauchen sind dennoch gute Rahmenbedingungen und den Rücken frei, um dies auch tun zu können.

Einstimmiger Beschluss des Landesvorstands vom 13. Juli 2022