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Neues Rollenverständnis

Die Stimme der Lehrer hat während der Corona-Krise gewonnen. Günstig, um für den Kern unseres Selbstverständnisses einzutreten: Das Unterrichten als Beziehungsgeschehen. Ergänzend mit digitalen Mitteln - nicht als Ersatz für Präsenzunterricht.

28.07.2020

Die Corona-Krise hat die Schule wie die gesamte Gesellschaft kalt erwischt. Und mit der Schule uns Lehrerinnen und Lehrer. Wir haben alles getan, damit unsere Kinder nicht auf der Strecke bleiben. Wir haben viele neue Erfahrungen gesammelt, oftmals auch in uns ganz neue Fähigkeiten entdeckt. Wir haben vieles geschafft, sind aber auch an unsere Grenzen gestoßen und manchmal gescheitert. Kein Wunder. Insbesondere das Coaching des Lernens zu Hause und der plötzlich nötige Einsatz digitaler Medien haben unsere Grenzen aufgezeigt – aber auch die des Systems.

Und dennoch hat die Corona-Krise auch viel Spannendes in Gang gebracht. Darunter eine neue Definition unserer Rolle. In einer Umfrage des BLLV antworteten 75 Prozent der Lehrerinnen und Lehrer, dass sich ihre Rolle verändert habe. Wir haben auf einmal ganz neue Aufgaben und plötzlich auch ein neues professionelles Selbstverständnis. Aber welches? Und wie sehr ist das gewollt? Und kommen wir da mit?

Lehrkräfte brauchen Mut

Corona bietet eine große Chance. Die Mehrheit der Gesellschaft hat erkannt, wie bedeutend Schule und wir Lehrerinnen und Lehrer sind. Wir haben Respekt und Autorität gewonnen. Wer aber gesellschaftliche Bedeutung hat, der hat auch das Recht, nein, sogar die Pflicht, sich öffentlich zu positionieren. Wir Lehrerinnen und Lehrer müssen dies angesichts der zu erwartenden Veränderungen in der Schule tun.

Dazu brauchen wir Mut. Ich wünsche mir so sehr, dass wir diesen Mut auch wirklich haben und dass wir uns dabei gegenseitig stützen. Wir müssen professionell und selbstbewusst auftreten. Dazu gehört auch, mit Kritik umgehen zu lernen. Der Sog des Alltags und der Wunsch nach Normalität werden wieder kommen. Wir halten dagegen und schauen, dass das, was wir alle zusammen neu gelernt haben, nicht verlernt wird.

Mein Vater, der Schulrat war und der mich viele Jahre wie ein Mentor in meiner Lehrerlaufbahn begleitete, sagte immer: „Wenn die Lehrer ihre Klassentüre zumachen, sind sie allein mit den Kindern und daraus beziehen sie ihre Autorität. Aufmüpfig sein, mal nein sagen, sich gegen komische Ansagen von oben wehren und einfach mal nicht machen, was eigentlich gemacht werden muss: das sind die Kompetenzen und Haltungen, die oft fehlen. Nur besonders Mutige trauen sich das. Und das ist ein grundlegendes Defizit unseres Berufes.“

Lehrkräfte haben die Expertise, um die Möglichkeiten von Schule beurteilen zu können

Corona lehrt uns, unsere Autorität als Lehrkräfte in der Gesellschaft ernstzunehmen. Dazu gehört auch, dass wir als Experten der Praxis definieren, was Schule leisten kann und was nicht. Das trifft auch auf die Digitalisierungsoffensive der Staatsregierung zu. Ja, wir sind in unserer großen Mehrheit bereit für den digitalen Wandel. Wir dürfen uns dabei nichts vormachen: Unsere Rolle und unser professionelles Selbstverständnis werden sich damit auch ändern. Definitiv. Es gibt kein einfaches Zurück zur Normalität.

Aber gleichzeitig müssen wir festhalten: Wir werden die Grundprinzipien unseres pädagogischen Selbstverständnisses nicht über Bord werfen. Und dazu gehört, dass die persönliche Beziehung zu den uns anvertrauten Schülerinnen und Schülern Kern unseres Rollen- und Professionsverständnisses ist und bleibt. Distanzunterricht, womöglich verankert in der Schulordnung, ist nicht das Patentrezept oder gar die Antwort auf den Lehrermangel. Das wäre fatal für den pädagogischen Auftrag der Schule. Es stände diametral Art. 131 unserer Verfassung entgegen. Digitale Medien dienen der Vertiefung und Ergänzung des Präsenzunterrichts. Sie werden niemals Ersatz sein. Dafür kämpft der BLLV aus voller Überzeugung – mit Herz.Kopf.Hand.

 // Simone Fleischmann

Artikel aus der bayerischen schule #5 2020

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