Kita in Zeiten von Corona Startseite

Wie geht soziale Nähe bei physischer Distanz?

Der Sozial- und Erziehungsdienst steht vor besonderen Herausforderungen. Notbetreuung, die Unterstützung von Eltern und Kindern aus der Ferne oder die Planung eines schrittweisen Neustarts fordern enorm.

29.04.2020

Die ersten Schließwochen sind vergangen und weitere Schließwochen sind angekündigt: Eine Situation, bei der niemand auf erprobte Lösungen zurückgreifen kann. Pädagogen stellen sich jetzt die Frage: Was muss Kita leisten? Genauso wichtig ist die Frage, wie soziale Nähe in Zeiten von physischer Distanz erzeugt werden kann und wie vermieden wird, dass der wertvolle Kontakt bzw. Beziehungsarbeit nicht verloren geht.

Dialog und Austausch mit den Familien suchen

Viele Einrichtungen und Träger entwickeln neue, kreative Wege, um in Dialog und Austausch mit den Familien zu gehen. Viele Teams probieren verschiedenste Möglichkeiten aus, um mit Kindern ins Gespräch zu kommen und im Kontakt zu bleiben. Denn es ist sehr wichtig, dass die pädagogischen Fachkräfte während der Zeit, in der die Kinder nicht in der Kita und anderen Einrichtungen sind, den Kontakt zu den Familien aufrechterhalten. Es ist davon auszugehen, dass je besser der Dialog während der kita-freien Zeit erhalten bleibt, desto unbeschwerter wird der Kita-Start nach den Schließwochen gelingen.

Bau digitaler Brücken

Ob virtueller Morgenkreis, wertschätzende Briefe oder regelmäßige Telefonanrufe -  das pädagogische Fachpersonal experimentiert mit den unterschiedlichsten Methoden im Rahmen der geltenden Bestimmungen ihrer Träger. Besonders beim Bau digitaler Brücken ist der Datenschutz einzuhalten und die digitale Identität der Kinder so gering wie nur möglich zu halten. Die Kita-Zeit muss nicht reinszeniert werden, aber der Sozialraum Kita kann zurück ins Bewusstsein geholt werden. Und während Krippen- und Kindergartenkinder eine sensible Altersgruppe für digitale Medien darstellen, können Kinder aus Hort oder Tagesheimen schon interaktiver eingebunden werden.

Mit ähnlichem Engagement versuchen viele pädagogische Fachkräfte Eltern zu unterstützen. Indem sie für deren Situation Verständnis zeigen, aktuelle Informationen zur Verfügung stellen, Spiele- oder Ratgeber-Tipps geben oder sogar eine telefonische Sprechstunde anbieten.

Hygienevorschriften und Sicherheitskonzepte müssen jetzt umgesetzt werden 

Am 15.4.2020 wurden auf Bundesebene einige Entscheidungen getroffen, die in der jetzigen Situation eine schrittweise, behutsame Lockerung der Kontaktbeschränkungen einleiten. Zum 27.04.2020 wird die Notbetreuung ausgeweitet. Vom bayerischen Sozialministerium gibt es dazu leider nur wenige Informationen. Die Einrichtungen und Träger des Sozial- und Erziehungsdienstes müssen nun selbst notwendige (Vorbereitungs-)maßnahmen für die kommenden Wochen treffen. Es ist wichtig Konzepte auszuarbeiten, damit eine schrittweise Öffnung der öffentlichen Bildung, Erziehung und Betreuung von Kindern in den Kindertageseinrichtungen und der Kindertagespflege unter Beachtung des notwendigen Gesundheitsschutzes zeitnah realisiert werden kann (Kleingruppen, räumliche Verteilung, ...).

Bei einer möglichen Öffnung wird es aber auch eine bedeutende Herausforderung, die Hygienevorschriften/Sicherheitskonzepte und die notwendigen pädagogischen Maßnahmen, orientiert an den kindlichen Bedürfnissen, unter einen Hut zu bekommen. Pädagogisch wird das eine sehr große Aufgabe, da die unterschiedlichen Ansprüche eines jeden Kindes in einem spannungsvollen Verhältnis stehen. Viele Kinder werden nach der langen Zeit zu Hause behutsame Übergänge und eine Art zweite Eingewöhnung benötigen.

Risikogruppe schützen

Risikogruppen wie Ü60-KollegInnen oder chronisch vorerkrankte Fachkräfte sind selbstverständlich besonders zu schützen. In diesen Zeiten müssen wir solidarisch denken!

Chancen für pädagogisches Selbstverständnis nutzen

Die Corona-Krise bietet den pädagogischen Teams aber auch Chancen. Jetzt kann die Zeit für Reflexion, für Gedanken zum pädagogischen Selbstverständnis und zur Überprüfung der eigenen Arbeit und pädagogischer Konzepte genutzt werden. Teams können ihre Raumgestaltung überdenken, Dokumentationen pflegen und Portfolios aktualisieren. Außerdem können Gespräche über digitale Medien geführt werden oder virtuelle Teamabsprachen und Weiterbildung ausprobiert werden.

>> Ein Beitrag von Sarah Heße – Fachgruppe SuE 2
 

Auch der BLLV-Dachverband VBE plädiert für eine Kita-Öffnung, die die besonderen Gegebenheiten und Bedürfnisse der Kinder im Blick hat. Der VBE-Vorsitzende Udo Beckmann sagt: "Dies muss zuvorderst aus hygienewissenschaftlicher Sicht eindeutig zu verantworten sein. Es ist beispielsweise klar, dass ein Kita-Kind die immer wieder betonten anderthalb Meter Abstand nicht wird einhalten können, noch wäre dies zu verantworten, da soziale Nähe und Fürsorge für diese Kinder entwicklungspsychologisch essenziell sind. So etwas muss mitgedacht werden!"

» Pressemitteilung des VBE im Wortlaut



Große Sorgen um alleingelassene Kinder

Die Corona-Krise verschärft auch die Bildungsungerechtigkeit. In seiner Funktion als Schulleiter in Schweinfurt kommt BLLV-Vizepräsident Tomi Neckov in der Münchner Runde zu Wort: „Viele unserer Kinder haben zuhause ganz wenig Unterstützung beim Lernen. Viele sind an der Jugendsozialarbeit angedockt. Wie geht es mit diesen Kindern weiter, wenn die Schule weiter zu bleibt?“

Simone Fleischmann greift das Thema auf: „Hier spüren wir Lehrerinnen und Lehrer deutlich, dass wir den Kontakt verloren haben. Du rufst an, versuchst den Schüler in die Videokonferenz einzubinden. Aber das geht nicht, er kann nicht, ist nicht erreichbar und die Eltern sind auch nicht da. Du machst dir Sorgen um diese Kinder. Wir wissen alle, wie sehr Lernerfolge schon immer vom sozioökonomischen Hintergrund des Elternhauses abhängig waren. Das gilt nun umso mehr, wenn das Kind ganz alleine ist und niemanden mehr hat, der sich kümmert. Wir sind weg, die Institution Schule fällt weg.“

„Deswegen schlagen wir als Lehrerinnen und Lehrer vor, auch die Kinder in die Notbetreuung zu holen, die allein gelassen sind und um die wir uns große Sorgen machen“, sagt die BLLV-Präsidentin mit dem Verweis auf die Praxis in anderen Bundesländern. „Lehrerinnen und Lehrer sind bereit, sich hier einzubringen. Es haben sich damals auch schon viele gemeldet, um in den Gesundheitsämtern auszuhelfen. Wir wollen. Wir sind da!“




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