BLLV-Ehrenpräsident Klaus WenzelDemokratiepädagogikDemokratiepädagogik

Lasst uns Zeichen setzen gegen Hass und Hetze

DEMOKRATIEPÄDAGOGIK - Es gibt eine böse Karikatur, in der im Eingangsbereich der Schule eine Tafel zu sehen ist mit der Aufschrift „Hier endet der demokratische Sektor der Bundesrepublik Deutschland“. Bös ist diese Karikatur aus zwei Gründen. Erstens, weil es viele Lehrerinnen und Lehrern gibt, die sich regelmäßig und konsequent darum bemühen, dass Kinder und Jugendliche demokratische Strukturen erleben und demokratische Prozesse ausprobieren dürfen. Zweitens, weil die Karikatur einen wahren Kern enthält.

Wir alle haben die Fernsehbilder vor Augen mit hasserfüllten Menschen, die dumme Parolen brüllen und unreflektierten Protest auf die Straße schleudern. Menschen, die Journalisten an ihrer Arbeit hindern und gegen eine vermeintliche „Lügenpresse“ wettern. Menschen, die verantwortungsbewusste Politiker(innen) attackieren und demokratische Institutionen verunglimpfen.

Als (ehemaliger) Lehrer frage ich mich, was da schief gelaufen ist. In der Familie, in der Schule, in der Jugendgruppe, am Arbeitsplatz, in der Politik? Die Aufzählung zeigt, dass es nicht möglich ist, die Verantwortung eindeutig zuzuordnen. Tatsache ist, dass die Schule nicht alles reparieren kann, was andere kaputt gemacht haben. Tatsache ist aber auch, dass die Schule (insbesondere die Grundschule) die einzige Einrichtung ist, in der sich über einen gewissen Zeitraum alle Kinder dieser Gesellschaft treffen.

Wir können (und müssen) HALTUNG zeigen und uns jeglicher Form von Ausgrenzung entgegenstellen.

Wir Lehrerinnen und Lehrer haben also nicht nur die große Verantwortung sondern auch die einzigartige Chance, den uns anvertrauten Kindern die Bedeutung wertorientierter Bildung beizubringen. Wir können (und müssen) HALTUNG zeigen und uns jeglicher Form von Ausgrenzung entgegenstellen. Wir können (und müssen) vorleben und vermitteln, dass Hass und Hetze keine sinnvollen Mittel zur Lösung persönlicher oder gesellschaftlicher Probleme sind.

Dass es in der alltäglichen Schulpraxis immer schwieriger wird, anspruchsvolle Bildungsziele zu erreichen, hat zahlreiche Gründe. Einer davon besteht darin, dass es offensichtlich keinen Konsens mehr gibt, welches denn diese Bildungsziele sind. Ist Demokratiepädagogik tatsächlich so wichtig oder sind nicht Deutschdiktate der Kern traditioneller Bildung? Müssen Kinder wirklich wissen, wie Politik funktioniert oder ist Pythagoras der rechte Winkel des Bildungsprogramms? Müssen Kinder in der Schule Konfliktlösungsstrategien lernen oder sind Kaisergeburtstage und punische Kriege wichtigere Lerninhalte.

Kurzfristig gilt es, mit Kindern und Jugendlichen über die Ausschreitungen aggressiver Populisten zu reden.

Die Forderung liegt auf der Hand: Wir brauchen eine (politische) Entscheidung, was Schule im 21. Jahrhundert leisten muss und was sie leisten kann. Alles auf einmal geht nicht. Zumal ja auch noch andere Herausforderungen den Weg durch die Schultür gefunden haben: Digitalisierung und Individualisierung, Integration und Inklusion, Medienpädagogik und Umweltprobleme.

Obwohl Geduld zu den berufstypischen Merkmalen unserer pädagogischen Profession gehört, dürfen wir derzeit nicht warten, bis Verantwortungsträger darüber entscheiden, welches die Schwerpunkte zukünftiger Curricula sein sollen. Kurzfristig gilt es, mit Kindern und Jugendlichen über die Ausschreitungen aggressiver Populisten zu reden. Welches sind die Motive dieser Menschen? Welche Lösungen haben die vermeintlichen Heilsbringer anzubieten? Und was können wir als Gruppe, als Klasse, als Schule tun, damit die Aktionen einiger nicht den demokratischen Alltag aller vergiften?

HALTUNG zeigen bedeutet auch, klare Positionen zu beziehen, ohne die Kinder zu indoktrinieren.

HALTUNG zeigen bedeutet in der aktuellen Situation auch, dass wir verantwortungsvoll handeln und die richtigen Schwerpunkte setzen. Schülerinnen und Schüler müssen regelmäßig merken, dass mit dem Betreten des Schulhauses der demokratische Sektor nicht verlassen sondern erst richtig belebt wird. HALTUNG zeigen bedeutet auch, klare Positionen zu beziehen, ohne die Kinder zu indoktrinieren. Übervorsichtige oder gar ängstliche Lehrkräfte mögen sich die Frage stellen, ob diese klare Positionierung denn mit den geltenden Gesetzen in Einklang zu bringen ist. Ein Blick in die Verfassung des Landes gibt eine klare Antwort. In Artikel 131 unserer Verfassung heißt es: „Oberste Bildungsziele sind Ehrfurcht vor Gott, Achtung vor religiöser Überzeugung und vor der Würde des Menschen, Selbstbeherrschung, Verantwortungsfreude und Verantwortungsfreudigkeit…Die Schüler sind im Geiste der Demokratie, in der Liebe zur bayerischen Heimat und zum deutschen Volk und im Sinne der Völkerversöhnung zu erziehen“.

Die Verfassung des Freistaats Bayern hat vor zwei Jahren ihren 70. Geburtstag gefeiert. Die Mütter und Väter dieser Verfassung hatten also vor Augen, was passiert, wenn die Erziehung „im Geiste der Demokratie und im Sinne der Völkerversöhnung“ im Alltag einer Gesellschaft keine Rolle mehr spielt oder gar verboten wird. Was passiert, wenn wir antidemokratischem Treiben tatenlos zusehen und unsere Kinder nicht sensibilisieren für die Gefahren, die von extremen Kräften ausgehen.

Das Erfreuliche ist, dass Lehrerinnen und Lehrer in diesem Bereich auf zahlreiche Hilfen zugreifen können.

Sensibilisierung der Kinder und eine klare Positionierung der Erwachsenen sind wichtige Voraussetzungen für eine Erziehung „im Geiste der Demokratie“. Zu nachhaltigen demokratiepädagogischen Prozessen gehören aber auch Fakten und Daten, Erfahrungen und Erlebnisse. Das Erfreuliche ist, dass Lehrerinnen und Lehrer in diesem Bereich auf zahlreiche Hilfen zugreifen können. Ob die Bundeszentrale für politische Bildung und deren Landeszentralen, ob das Bundesministerium für Bildung und Forschung und die jeweiligen Kultusministerien oder ob die vielen außerstaatlichen Initiativen und Programme: Alle bieten wertvolle inhaltliche Informationen und hilfreiche didaktische Anregungen. So gibt es seit beinahe 30 Jahren das „Förderprogramm Demokratisch Handeln“, das allen schulischen und außerschulischen Einrichtungen zur Verfügung steht. In der jährlich stattfindenden „Lernstatt Demokratie“ lernen jüngere und ältere Menschen, wie es gelingen kann, dass Schule zu einem demokratisch organisierten Lern- und Lebensraum wird und damit stark macht gegen antidemokratische Bedrohungen.

Lasst uns Zeichen setzen gegen Hass und Hetze. Nicht zuletzt der Verfassung unseres Landes wegen.

Klaus Wenzel, Ehrenpräsident des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV), im VBE Gründungsmitglied und Beirat des Förderprogramms Demokratisch Handeln e.V.