Dok.Education - Blick hinter die Kulissen

Filmarbeit in der Schule: Mit Schülern Filme drehen eröffnet neue Perspektiven für Lehrer und Schüler. Es fördert Kreativität und eine andere Sichtweise auf unsere Welt. Die begeisterte Filmlehrerin Cornelia Burkard berichtet.

Cornelia Burkard  unterrichtet an der Mittelschule in Lauingen a.d. Donau als Klassenlehrerin in der 8. Jahrgangsstufe. Seit Herbst 2020 ist sie Vorsitzende des Zusammenschlusses an Film interessierter Lehrerinenn und Lehrer aller Schularten im Verein Drehort Schule e.V. Die ausgebildete „Filmlehrerin“ hat mittlerweile langjährige Erfahrung in Filmpraxis und Theorie im schulischen Bereich. Sie ist als Vorsitzende und angagierte Filmlehrerin eingebunden in das Programm DokEducation des Münchner Dokumentarfilmfestivals.

Im Interview berichtet sie über die Arbeit des Vereins, die Verbindung zum BLLV e.V. und darüber, wie in Zeiten von Distanzunterricht dennoch filmpraktisches Arbeiten und Ausbilden möglich ist.

Frau Burkard, Sie sind Vorstand von Drehort Schule e.V. und sind damit Teil der Organisation um die Filmtage bayerischer Schulen und die Filmlehrerausbildung. Was ist das genau, die Filmlehrerausbildung?

Die Filmlehrerausbildung ist ein wichtiger Baustein für die Filmbildung an bayerischen Schulen und richtet sich an Lehrkräfte aller Schularten. An der Akademie für Lehrerfortbildung und Personalführung in Dillingen finden mittlerweile zwei 4-wöchige Fortbildungen statt, die sich jeweils über zwei Jahre erstrecken: Filmlehrer und Filmlehrer digital.

Lehrerinnen und Lehrer lernen dabei die technischen Grundlagen um mit Schülerinnen und Schülern Filme zu drehen, zu schneiden, zu vertonen und zu veröffentlichen. Sie bekommen einen Überblick über die wichtigen filmischen Gestaltungselemente, erlernen aber auch Analyse- und Bewertungsmethoden. DieAusbildungsinhaltewerden durch erfahrene Filmexpertinnen und Filmexperten, professionelle Filmschaffende und Dozenten der HFF Hochschule für Fernsehen und Film München vermittelt.

Mittlerweile gibt es in Bayern knapp 300 ausgebildete Filmlehrer. Manche davon konnten an ihren Schulen Filmklassen einrichten und haben dadurch Film auch im regulären Stundenplan verankert. Die meisten aber binden ihre Filmarbeit in Form von Filmprojekten in den Unterricht ein oder bieten Arbeitsgemeinschaften an. An der Oberstufe begleiten sie P- und W-Seminare zum Thema Film.

Die Filmtage bayerischer Schulen, regelmäßig stattfindende Fortbildungen und Tagungen an der Akademie in Dillingen, private Ferienkurse und die Einbindung unseres Vereins in die Landesarbeitsgemeinschaft Theater und Film an den bayerischen Schulen bieten im Anschluss an die Filmlehrerausbildung ein breites Netzwerk von Drehort Schule e.V.. So ist auch nach der Ausbildung für Austausch, Anregung und Weiterbildung gesorgt.

Und wie funktionieren die Filmlehrerausbildung und die Filmtage in Zeiten von Distanzunterricht und Lockdown? Passiert da momentan denn etwas?

Da sich die Filmlehrerausbildung über zwei Jahre erstreckt, war es möglich, die Kurse so zu legen, dass sie in Dillingen vor Ort durchgeführt werden konnten. Anfang Februar wurden gerade im letzten Filmlehrerkurs die Zertifikate (online) überreicht. Für die kommende Filmlehrer digital-Ausbildung kann man sich ab April bewerben.

Die 43. Filmtage im Oktober 2020 konnten nicht wie gewohnt stattfinden. Normalerweise versammeln sich an der Oberland-Realschule in Holzkirchen über 200 Schülerinnen udn Schüler aus ganz Bayern mit ihren Lehrerinnen und Lehrer für drei Tage. Die Filme laufen in der zur Kinobox umgebauten Sporthalle auf der großen Leinwand und werden danach intensiv besprochen. Es gibt Workshops, Aktionen, viel Austausch und Begegnung und schließlich die große Preisverleihung, bei der der BLLV e.V. auch einen Preis vergibt.

Es wurden nun trotz der schwierigen Umstände um Corona auch im letzten Schuljahr viele wunderbare Filme eingereicht. Diese wollten wir unbedingt zeigen und würdigen. So haben wir beschlossen, die Filmtage online durchzuführen: Aus unserem selbstgebauten Studio in Holzkirchen sendeten wir unsere Moderationen und die Filme live. Die teilnehmenden Filmgruppen saßen ihn ihren jeweiligen Schulen zuhause und konnten mit uns interagieren. Die Filmgespräche fanden über den Videochat statt. So kam trotz allem Festivalstimmung auf und wir konnten 27 Filme aus allen Schularten zeigen und acht dotierte Förderpreise verleihen.

Es ist gut zu wissen, dass auch die 44. Filmtage im Herbst 2021 sicher stattfinden werden. In welcher Form werden wir sehen. Noch hoffen wir, die Filmgruppen wieder nach Holzkirchen einladen zu können.

Das Bildungsprogramm DOK.education schreibt in Kooperation mit dem BLLV e.V. einen Jugendfilmwettbewerb aus, der im Rahmen des Internationalen Dokumentarfilmfestival München im Mai 2021 eine Preisverleihung ausrichtet. Da reichen viele Jugendliche und Kinder ein, die zuhause selbstständig Filme machen, aber eben auch viele Filmgruppen oder Klassen, die von Lehrkräften betreut/angeleitet werden. Werden wir dieses Jahr Einreichungen bekommen? Sie sind selbst Lehrkraft und kennen über Drehort Schule viele Kolleginnen und Kollegen. Können Sie uns Beispiele nennen, wo so eine filmische Betreuung auch im Coronajahr funktioniert hat?

Drehort Schule bietet seit dem Schuljahr 19/20 eine Fortbildungsreihe für Schülerinnen udn Schüler an. Die Ausbildung zur Juniorassistenz Film richtet sich an Jugendliche aus ganz Bayern ab der 9. Jahrgangsstufe. In drei Fortbildungsmodulen erhalten sie die filmischen Grundlagen, um dann an ihren Schulen Filmlehrerinnen und Filmlehrer zu unterstützen oder auch selbständig Gruppen anleiten zu können.

Nach dem ersten Kurs zum Thema Trickfilm mit 24 Schülerinnen udn Schüler musste erst einmal unterbrochen werden. Momentan läuft Modul 2 und 3 (Dokumentarfilm und Spielfilm/szenisches Schreiben) in Form von Online-Workshops. An vier Samstagen geben Filmprofis im Team mit Filmlehrerinnen und Filmlehrer erst einmal theoretischen Input. Die Schülerinnen und Schüler erhalten Hausaufgaben, die dann im zweiten Teil der Workshops gesichtet und besprochen werden. Ziel ist es, uns zum Ende des Schuljahres - nach den Abschlussprüfungen - noch einmal für eine Woche im Schullandheim zu treffen, um das Erlernte praktisch anzuwenden und die Abschlusszertifikate zu überreichen.

Und auch im Distanzunterricht findet Filmarbeit statt:

So hat Simone Feuerecker an der BOS/FOS Straubing mit ihren Schülern die Vorarbeiten zu einem Legetrickfilm erledigt. Es ging um Veränderung, zum Teil in einer Metamorphose und um den Einsatz von Geräuschen und wie man sie erzeugt. 

Zu Präsentationszwecken wurden plastische Arbeiten in Szene gesetzt und gefilmt. Ansonsten ließ sie täglich für 20 Sekunden den Arbeitsplatz der Schüler filmen und ist gespannt, was daraus entstehen wird.

Andreas Knorr von der Anita-Augspurg Berufsoberschule München unterrichtet im sogenannten Seminarfach. Bis Dezember konnte die Seminargruppe im Präsenzunterricht inhaltlich an das Genre künstlerischer Dokumentarfilm herangeführt werden. Als schließlich nur mehr Distanzunterricht möglich war, fanden Expertenseminare zum Thema Erzähl-und Handlungsstruktur in Videokonferenzen statt. Auch die Beratung und Präsentation der Arbeiten geschahen online. Die Dreharbeiten führten die Schülerinnen und Schülern individuell durch. Sicher ist jedenfalls, dass seine Schülerinnen und Schülern 12 circa 15minütigen Dokumentarfilme fertigstellen konnten. Vermutlich werden auch hier welche zum Jugendfilmwettbewerb von DOK.education eingereicht werden.

Die Priorität liegt momentan ja erstmal darauf, überhaupt alle Schülerinnen und Schüler zu erreichen und dafür zu sorgen, dass sie gesund und motiviert sind, um jetzt schulisch gut anzuknüpfen. Inwiefern kann Kunst und Kultur gerade da vielleicht auch eine Hilfe sein?

Die Schülerinnen und Schüler zu erreichen, heißt nicht nur dafür zu sorgen, dass alle in der Videokonferenz anwesend sind. Gerade jetzt, wo sie in dieser schwierigen Zeit mehr oder weniger isoliert zuhause vor ihren Geräten sitzen, brauchen sie die Möglichkeit mit all ihren Ängsten und Nöten gesehen und gehört zu werden. Der Mensch braucht Kunst, um das Erlebte einzuordnen und zu verarbeiten. Ich bewundere unsere Jugend z.Z. enorm für ihre Geduld und ihre Rücksichtnahme. Die Bedrohungen einer Pandemie, die Angst um den Schulabschluss, den beruflichen Einstieg, Klimakrise und so vieles mehr, wie soll man das alles verarbeiten und dabei gesund bleiben? Genau dafür braucht es gerade verstärkt Kunst- und Kulturprojekte an den Schulen.

Ein Gedicht, ein Lied, ein Tanz, ein Bild, ein Film:  Kreativität macht uns Menschen aus. Und Menschlichkeit zu transportieren, sollte in dieser Zeit des Abstandhaltens unser oberstes Ziel sein. Dies kann in Form von eigenen Produktionen geschehen oder dadurch, dass Kunstwerke betrachtet und besprochen werden. Viele Künstler bieten gerade wunderbare Projekte an, die auch online funktionieren. Ein künstlerischer Zugang zu einem Thema spricht zudem verschiedenste Bereiche in uns an und hilft so, den Unterrichtsinhalt besser zu verankern.

Was macht den Film generell zu einem wertvollen Medium oder zu einer wertvollen Kunstform für Schulen/Lehrkräfte/Schüler*innen?

Film ist das Hauptmedium der Jugend - im Fernsehen, auf YouTube, TikTok und sonstigen Plattformen. Film ist positiv besetzt und alle haben Kontakt zu dieser Kunstform. Zeigt die Lehrkraft einen Film, freuen sich die Schülerinnen und Schüler. Das ist schon mal eine gute Voraussetzung dafür, dass das Gezeigte auch aufgenommen wird. Es gibt wunderbare Spiel-, und Dokumentarfilme, die relevante Themen interessant und packend behandeln. Diese sollten unbedingt im Unterricht gezeigt und besprochen werden.

Um Film wirklich verstehen und beurteilen zu können, sollte aber jeder Schüler und jede Schülerin selbst einmal aktiv an einer Produktion beteiligt werden. Das Wissen um die technischen Möglichkeiten hilft immens Realität und Fiktion, Effekt und Wahrheit auseinander zu halten.

Film erfordert die intensive Auseinandersetzung mit Themen bzw. Texten. Es müssen Strukturen erarbeitet und technische Probleme im Team gelöst werden. Auch kleinere Projekte, wie z.B. Tutorials helfen Wissen zu strukturieren, kreativ darzustellen und zu präsentieren.

Ich selbst habe mit der Filmarbeit begonnen, als ich Lehrerin einer Praxisklasse war. In dieser Klasse waren Jugendliche, die schulisch bislang nur Misserfolge erlebt haben. Manche davon wütend und aufbrausend, andere still und verschlossen. Manche sehr begabt aber extrem verhaltensauffällig, die anderen willig aber kaum des Lesens mächtig.

Welches Projekt könnte da besser sein, als einen Film zu machen?

Die Arbeit am Film ist vielseitig: Schreiben, Kameraführung, Ton, Requisite, Schauspiel, Maske, Regie, Schnitt, … für jedes Talent ist etwas dabei. Und wenn gar nichts passt, gibt es immer noch den, der die Tonangel hält oder die Klappe bedient.

Den Mut zu haben vor die Kamera zu gehen, das eigene Ich anzunehmen und sich zu zeigen, war für meine Schülerinnen und Schüler eine echte Herausforderung. Für ein Thema einzustehen und konsequent und zuverlässig am Gelingen des gemeinsamen Projektes mitzuarbeiten, war für viele alles andere als einfach. Als dann aber schließlich der fertige Film an der Schule oder auf dem Festival präsentiert und gefeiert wurde, war jeder am Erfolg beteiligt und fühlte sich persönlich wertgeschätzt.

Für mich als Lehrerin waren Filmprojekte eine besondere Chance meine Schülerinnen und Schüler näher kennenzulernen. Es war wunderschön zu sehen, wie viele meiner Kinder während dieser Arbeit innerlich wachsen durften. Meine Filmklassen sind mir alle ganz besonders ans Herz gewachsen. Trotz all der Arbeit, den Unvorhersehbarkeiten und dem Durcheinander, das sich nie vermeiden ließ, hat es sich immer gelohnt.

Kontakt:
Cornelia Burkard, Drehort Schule e.V., Drehort.schule@icloud.com
https://www.filmtage-bayerischer-schulen.de/2020/dos

Maya Reichert, DOK.edcuation, reichert@dokfest-muenchen.de
https://www.dokfest-muenchen.de/DOK_education