LehrplanPLUS Gymnasium

Anhörung der Verbände zu den Lehrplanentwürfen für die spätbeginnenden Fremdsprachen Chinesisch, Japanisch, Polnisch, Tschechisch und Türkisch - Schreiben an das Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung am 13.12.2016

Der BLLV dankt für die Übermittlung der Entwürfe für die Lehrpläne der spätbeginnenden Fremdsprachen am Gymnasium und äußert sich im Rahmen der Verbandsanhörung wie folgt:

Grundsätzliches
Die Aufnahme der spät beginnenden Fremdsprachen Polnisch, Russisch, Tschechisch, Türkisch, Chinesisch in den Lehrplankanon des Bayerischen Gymnasiums kommt der Lebenswirklichkeit des 21. Jahrhunderts hinsichtlich Politik und Ökonomie in Europa und auf der gesamten Erde entgegen. Mehrsprachigkeit ist dabei ein Vehikel zum Verständnis und zum Verstehen anderer Nationen. Mehrsprachigkeit wird in einem zusammenwachsenden Europa und in einer Zeit, die von intensivem internationalen Austausch geprägt ist, immer wichtiger.

Durch das Erlernen von Fremdsprachen in der Schule kann Mehrsprachigkeit erreicht werden, die auch von der EU gewünscht wird. Die modernen Fremdsprachen leisten in ihrer Gesamtheit einen wesentlichen Beitrag zu den fächer- und schulartübergreifenden Bildungs- und Erziehungszielen.

Andere zu verstehen geht zu allererst über die Sprache, die so viel Kulturelles und so viele nationale Eigenheiten transportiert.

Zu den Lehrplanentwürfen
Derzeit existiert in Bayern leider immer noch kein Gesamtkonzept zum Erwerb von Fremdsprachen, das vom Elementarbereich bis zum Sekundarbereich reicht. Hierzu hatte die Landesdelegiertenversammlung 2011 der BLLV bereits einen konkreten Vorschlag unterbreitet (s. Anlage). Und so erscheinen die spät beginnenden Fremdsprachen im Gymnasium wie aufgesetzt auf das Konstrukt des gängigen Fremdsprachenangebots. So wäre immer noch zu wünschen, dass endlich ein Gesamtkonzept „Fremdsprachen in allen Schularten und Fortbildungsinstitutionen“ erstellt wird.

Diesem Manko wird in den Lehrplänen entgegengewirkt durch die Verknüpfung mit dem erfolgreichen Kompetenzmodell, das dem der gängigen Fächer des neuen LehrplanPLUS entspricht. Dieses findet somit Anwendung in allen Fachbereichsprofilen der angebotenen modernen Sprachen, auch im Chinesischen und im Türkischen.

Erfreulich ist der klar strukturierte, parallele Aufbau der einzelnen Lehrpläne, was auch einer gemeinsamen Didaktik entgegenkommt. Klar erkennbar ist auch die den Einzellehrplänen gemeinsame Kompetenzorientierung, die situationsbezogen auf die Bewältigung realer und wichtiger Lebenssituationen ausgerichtet ist. Alltagsthemen und Alltagssituationen sollen ergebnisorientiert, aber lebensnah erschlossen werden.

Es bleibt nur zu hoffen, dass die personelle Ausstattung vorhanden ist, um jeder Schülerin und jedem Schüler die Teilnahme an ihrem oder seinem gewählten Fach von Beginn an zu gewährleisten. Wichtig ist deshalb, sich schon jetzt um vorhandenes oder eventuell zu gewinnendes Lehrpersonal zu kümmern. Die personelle Ausstattung muss so angedacht werden, dass möglichst kleine Lerngruppen eingerichtet werden können, um auf der Basis einer kommunikativen Didaktik (Kommunikative Kompetenz) einen effektiven Spracherwerb mit hoher Sprechfrequenz der Einzelnen zu garantieren. Wie im Fremdsprachenunterricht üblich, wird der erfolgreichen Bewältigung alltäglicher Kommunikationssituationen höhere Bedeutung eingeräumt als der absoluten sprachlichen Korrektheit. Dies verlangt von der Lehrperson eine Fehlertoleranz.

Bei erfolgreichem Abschluss erreichen die Schülerinnen und Schüler in den spät beginnenden Fremdsprachen in den erworbenen kommunikativen Fertigkeiten und sprachlichen Mitteln am Ende von Q12 das Niveau A2. Es bleibt zu überprüfen, inwieweit dieses Niveau geeignet ist, effektive sprachliche Interaktion zur Bewältigung essentieller Kommunikation zu gewährleisten. Nachdem die Schüler/innen z.B. im Fach Chinesisch auf der Grundlage der in der Schule erlangten Kompetenzen auch in Bayern an den Hanyu Shuiping Kaoshi (Prüfungen zum Nachweis chinesischer Sprachkenntnisse) teilnehmen können, ist ein Abgleich der erworbenen schulischen Kompetenzen mit jenen Anforderungen der Prüfung wünschenswert bzw. sogar notwendig. Inwieweit ein ähnliches Angebot auch in den anderen angebotenen Fremdsprachen besteht, wäre wichtig zu wissen.

Da die Jugendlichen bei Austauschprogrammen die Gelegenheit erhalten, die anderen Länder kennenzulernen und ihre Sprachkenntnisse anzuwenden, ist es besonders notwendig, am Ende der Schulzeit bzw. zu Beginn des Studiums Auslandsaufenthalte verpflichtend zu machen und entsprechend mit finanziellen Mitteln zu fördern.

Erfreulich in der Anlage der Lehrpläne ist die ausgewiesene Schülerorientierung, die auf Selbstständigkeit, Selbsttätigkeit, Methodenkompetenz und vor allem auf Frieden erhaltende Einsichten und Toleranz abzielt.

Hervorzuheben ist die Betonung folgender Fähigkeiten und Fertigkeiten:

Die Schülerinnen und Schüler

  • beteiligen sich mit zunehmend differenzierten Ausdrucksmitteln,
  • übertragen mündlich und schriftlich Inhalte situations- und adressatengerecht in die jeweils andere Sprache,
  • vermitteln dolmetschend in alltagsbezogenen Kommunikationssituationen,
  • zeigen Sicherheit im Umgang mit Wörterbüchern und Zeichenlexika,
  • interagieren in komplexeren Situationen respektvoll und tolerant,
  • vergleichen kulturelle und gesellschaftliche Erscheinungen des Ziellandes mit dem eigenen Lebensumfeld,
  • erkennen Stereotype und Vorurteile, die sie mit Hilfe ihres kulturellen Hintergrundwissens kritisch und verständnisvoll einordnen,
  • leisten bewusst einen Beitrag zu differenzierter Aufarbeitung und Überwindung von Vorurteilen,
  • wenden ihr Wissen um sprachlich-kulturelle Unterschiede an,
  • planen ihre individuellen Lernprozesse bewusst und selbständig, wobei sie souverän mit Nachschlagewerken und digitalen Hilfsmitteln umgehen, für eigene Texte und Referate recherchieren sowie ihr individuelles Vokabular ausweiten und festigen,
  • organisieren Lern- und Arbeitsprozesse zunehmend selbstständig und präsentieren ihre Ergebnisse adressatengerecht,
  • wenden ihr Methodenrepertoire in geübten Aufgabenstellungen selbständig und eigenverantwortlich an,
  • reflektieren eigene Vorstellungen mit Hilfe von Perspektivenwechsel und -vergleich.

Abschließend nehmen wir noch einmal Bezug auf das wichtige und bewährte Modell der Kompetenzorientierung, das über das gesamte Fremdsprachenlernen ausgebreitet ist und vom BLLV nachhaltig unterstützt wird (vgl. „Fachprofile“ der Fremdsprachen – hier am Beispiel „Japanisch“, www.lehrplanplus.bayern.de/fachprofil/gymnasium/jap/auspraegung/japanisch): „Der Jahrgangsstufenlehrplan Japanisch ist in fünf Lernbereiche untergliedert.

Die ersten vier entsprechen den im Kompetenzstrukturmodell dargestellten Grundkompetenzen. Die `Themengebiete´ nehmen als fünfter Lernbereich eine Sonderstellung ein, da sie für die jeweilige Jahrgangsstufe die thematischen Inhalte festlegen, an denen die vorgenannten Kompetenzen erworben werden. Die Sprachreflexion findet sich jeweils in die Themengebiete integriert. Daraus ergibt sich der folgende, über alle Jahrgangsstufen identische Aufbau der Lehrpläne:

1. Kommunikative Kompetenzen

1.1. Kommunikative Fertigkeiten:

  • Hör- und Hörsehverstehen
  • Leseverstehen
  • Sprechen
  • Schreiben
  • Sprachmittlung

1.2. Verfügen über sprachliche Mittel:

  • Wortschatz
  • Grammatik
  • Aussprache und Intonation
  • Orthographie

2. Interkulturelle Kompetenzen

3. Text- und Medienkompetenzen

4. Methodische Kompetenzen

5. Themengebiete