Offener Austausch in SalonsStartseite klein

„Bildungspolitik ist ein ideologisches Kampffeld“

Das sagt Claudia Roth in einem von 14 Salons, in denen Meinungsführer/innen der Gesellschaft auf der Landesdelegiertenversammlung des BLLV zum Austausch über „Herz. Kopf. Hand“ und die Bedeutung ganzheitlicher Bildung eingeladen hatten.

BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann betonte eingangs die Bedeutung, das Motto der Landesdelegiertenversammlung mit Vertretern aus verschiedensten Bereichen der Gesellschaft zu diskutieren, die alle Erwartungen an eine ganzheitliche Bildung und deren Umsetzung haben: „Was verstehen sie darunter, wenn Schule von morgen ganzheitlich werden soll – das ist unsere zentrale Frage. Und dann sind wir als Experten der Praxis dran: Zu sagen, wie es gehen könnte, was geht, und was vielleicht auch nicht.“

Viele Delegierte zeigten sich am Salon mit Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth (Bündnis 90/Die Grünen) interessiert. Die Politikerin kommt mit den Delegierten zu vielen unterschiedlichen Bildungsthemen in den Dialog und betont deren Wichtigkeit: „Bildungspolitik ist ein ideologisches Kampffeld“, sagt sie und äußert dabei Unverständnis und Besorgnis, dass der Bildungsausschuss in Bayern der AfD überlassen wurde: „Wenn Bildung auf Länderebene so eine hohe Bedeutung hat, dass man sich beim Digitalpakt auf keinen Fall in etwas hineinreden lassen wollte, wie kann es dann sein, dass die demokratischen Parteien mit den meisten Stimmen und Vorwahlrecht sich nicht frühzeitig den Bildungsausschuss sichern?“

Bildung ist Schlüsselressort

Roth fordert: „Wir brauchen auf Schlüsselpositionen der Bildungspolitik die stärksten Persönlichkeiten, auch auf Bundesebene.“ Das sei Voraussetzung für ein Land, das Wirtschafts- und Bildungsstandort sein wolle.

Die Delegierten bemängeln im Gespräch, dass es in der Politik oft an Wissen über den Alltag an Schulen fehle. Eltern seien überfordert, Lehrerinnen und Lehrer müssten einspringen. Dazu brauche es aber viel mehr Zeit und Geld, da z.B. in einer Mittelschule mindestens zwei Personen pro Klasse, als multiprofessionelle Teams, Standard sein müssten. Für einen wirklichen Neuanfang, bei dem Selektion, starre Fächerstrukturen und die Schulstruktur aufgebrochen würden, fehle häufig der Mut.

Verbände müssen Politiker wachrütteln

Claudia Roth betont, dass es gerade Verbände wie den BLLV brauche, um Handlungsbedarf öffentlich zu machen. Sie berichtet von frustrierten Lehrern aus dem eigenen Freundeskreis, die mit einer Flut von juristischen Auseinandersetzungen mit Eltern jegliche Motivation einbüßten.

Die Bundestagsvizepräsidentin beklagt generell eine Entfremdung der Politik von den Realitäten, die sich zuletzt auch beim Umgang mit dem Protestvideo des Youtubers Rezo gezeigt habe. Hier leide Deutschland unter einer „digitalen Spaltung“. Wenn es im Bundestag erst seit zwei Wochen WLAN gebe, das auch nur leidlich funktioniere, wie solle man dann erwarten, dass dort adäquat reagiert wird, fragte die Politikerin.

Abschließend zollt Claudia Roth dem ehrenamtlichen Engagement der Delegierten im BLLV Respekt und betonte deren Bedeutung: „Der Druck der Gesellschaft, den Interessenvertretungen und Verbände entscheidend mit aufbauen können, ist wichtig, damit Themen auch in den Zitadellen der Macht ankommen.“

Starke Meinung, starker Austausch

Die Delegierten der LDV zeigten sich vom Austausch in allen Salons begeistert, ebenso wie die Moderatoren. BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann resümiert: „Wenn Menschen, die selbst nicht Lehrerinnen oder Lehrer sind, sondern von extern zu uns kommen, bei einer Gelegenheit wie dieser merken: Hier ist eine gute Diskussion möglich, an deren Ende alle bereichert und inspiriert nach Hause gehen, dann heißt das: Wir haben tolle Kolleginnen und Kollegen im Verband und eine großartige Gesprächskultur.“



Weitere Denkanstöße aus den Salons

„In den sozialen Netzwerken geht es nicht um Zeit für Menschen, sondern um Zeit für den Konsum.“

„Kopf: Wissen über Medien erarbeiten. Herz: Bauchgefühl entwickeln für kritischen Umgang. Hand: Praxisbezug in der Schule.

Christian Füller
Journalist und Buchautor, Schwerpunkte Bildung und Digitalisierung

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+++ WEITERE BERICHTE AUS DEN SALONS FOLGEN IN KÜRZE +++

Werner Reuß
Leiter des Programmbereichs „Wissen und Bildung“ im Bayerischen Rundfunk

Martina Starke
Head of BMW Brand Vision und BMW Brand Design

Paula-Irene Villa Braslavsky
Lehrstuhlinhaberin Allgemeine Soziologie & Gender Studies LMU München

Martin Gräfer
Vorstandsvorsitzender Bayerische Beamten Versicherung AG, Vertriebsvorstand „die Bayerische“

Elisabeth Sandmann-Knoll
Verlegerin, Reihe „Schöne Bücher für kluge Frauen“

Karin Oechslein
Direktorin Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung (ISB)

Notker Wolf
Benediktiner-Mönch und Gegner von Angst-Debatten

Ulrich Kober
Leiter „Programm Integration und Bildung“ der Bertelsmann Stiftung

Jürgen Pfau
Vizepräsident Bayerischer Fußballverband

Martin Becher
Leiter der Projektstelle gegen Rechtsextremismus im Bayerischen Bündnis für Toleranz

Michael Schatz
Professor Institut für LehrerInnenbildung und Schulforschung

Bärbel Kopp
Lehrstuhlinhaberin Grundschulpädagogik und –didaktik, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU)

Die Landesdelegiertenversammlung des BLLV ist das höchste Beschlussorgan. 600 Delegierte vertreten 64.000 Mitglieder. Sie wählen Präsidium und Landesvorstand und beschließen die Ziele, Inhalte und Strategien für die Bildungs- und Lehrerpolitik des Verbandes. 2019 lautet das Motto „Herz.Kopf. Hand. Bildung ist Zeit für Menschen“.


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