Studie zu Gewalt gegen Lehrkräfte 24.09.2020 Startseite

BLLV fordert Schutz und Unterstützung

Gewalt gegen Lehrerinnen und Lehrer ist kein Einzelfall und hat in den letzten Jahren zugenommen. Das belegt die heute veröffentlichte forsa-Umfrage unter 1300 Schulleitungen in Deutschland im Auftrag des VBE. Der BLLV fordert deshalb erneut Statistiken zur Gewalt an Schulen und eine klare Unterstützung von Seiten des Dienstherrn.

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Nach 2018 hat das Forschungsinstitut forsa im Auftrag des Verbands Bildung und Erziehung 2020 zum zweiten Mal eine repräsentative bundesweite Befragung unter 1.302 Schulleiterinnen und Schulleitern allgemeinbildender Schulen in Deutschland zum Thema „Gewalt gegen Lehrkräfte“ durchgeführt. Die Ergebnisse zeigen: die Situation hat sich eher verschlimmert als verbessert. Unterstützung und Schutz der Lehrerinnen und Lehrer ist mehr denn je notwendig.

61 Prozent der Schulleitungen – und damit deutlich mehr als vor zwei Jahren – berichten, dass es an der eigenen Schule in den letzten fünf Jahren Fälle von psychischer Gewalt gab, also Fälle, bei denen Lehrkräfte direkt beschimpft, bedroht, beleidigt, gemobbt oder belästigt wurden. Fälle von Mobbing über das Internet, also Fälle, in denen Lehrkräfte über das Internet diffamiert, belästigt, bedrängt, bedroht oder genötigt wurden, gab es laut einem Drittel der Schulleitungen (32 %) an der eigenen Schule. Ebenfalls jede dritte Schulleitung (34 %) kann (auch) von Fällen körperlicher Gewalt gegen Lehrkräfte an der Schule berichten.

Klare Analyse statt Einzelfall-Legenden

Im Hinblick auf das Thema Gewalt gegen Lehrkräfte ist die Hälfte der befragten Schulleitungen der Ansicht, dass mit dem Thema an Schulen in Deutschland weitgehend offen umgegangen wird. Etwas weniger als ein Drittel aller Schulleitungen (30 %) hält dies eher für ein Tabu-Thema. 20 Prozent der Schulleitungen trauen sich in dieser Frage keine generelle Einschätzung zu.

„Es ist erschütternd, wie stark die Zahlen gestiegen sind.", sagt der VBE Bundesvorsitzende, Udo Beckmann. "Zumal die Kultusministerien öffentlich stets versichern, dass es sich nur um Einzelfälle handelt. So wird auch begründet, weshalb teilweise keine Statistiken geführt werden. Die Augen zu verschließen, wird das Problem aber nicht beseitigen. Deshalb lässt sich der VBE nicht von gefühlten Wahrheiten beeindrucken, sondern befragt diejenigen, die es wissen müssen.“

Unterstützung der Betroffenen ist schwieriger geworden

Anders als noch 2018 meinen aktuell nur noch 56 Prozent der Schulleitungen von Schulen, in denen es Fälle von psychischer oder physischer Gewalt bzw. von Mobbing über das Internet gegeben hat, dass es ihnen in den allermeisten Fällen gelungen sei, die Kolleginnen und Kollegen in Fällen von Gewalt ausreichend zu unterstützen. Knapp ein Drittel der Schulleitungen (31 %) gibt an, dass ihnen das immerhin teilweise gelungen ist.

In den Fällen, in denen Schulleitungen berichten, dass sie von Gewalt betroffene Kolleginnen und Kollegen nicht ausreichend unterstützen konnten, begründen dies die meisten damit, dass Eltern nicht kooperationswillig waren (69 %). 58 Prozent der Schulleitungen berichten, dass die betroffenen Schülerinnen und Schüler sich oft uneinsichtig zeigten. 31 Prozent beklagen, dass das Schulministerium sich des Themas nicht ausreichend angenommen hat. Für ein Viertel der Schulleitungen ist die Meldung von Vorfällen zu bürokratisch und zeitaufwendig organisiert, ein Fünftel der Schulleiterinnen und Schulleiter hatte zu viele andere Aufgaben. 18 Prozent der Schulleitungen meinen, die Meldung von Vorfällen würde zu einem Reputationsverlust der Schule führen. Fast ebenso viele (15 %) beklagen, dass sich die Schulverwaltung bzw. Gemeinde des Themas nicht ausreichend angenommen hat. Dass die Meldung von Vorfällen von den Schulbehörden nicht gewünscht ist, geben 11 Prozent der betroffenen Schulleiterinnen bzw. Schulleiter an. Nur wenige (6 %) sagen, dass die Unterstützung im Kollegium gefehlt hat.

Haltung gegen Gewalt, Ausgrenzung und Verrohung des Umgangs

Die Studie bestätigt damit einmal mehr auch die steigenden Fallzahlen in diesem Bereich in der Rechtsabteilung des BLLV. „Das ist beunruhigend, Gewalt hat an den Schulen nichts verloren“, so BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann. „Denn Schule lebt von guter Atmosphäre und gelungenem Austausch aller am Schulleben Beteiligten".

Fleischmann erinnerte an das Manifest: HALTUNG ZÄHLT und die Resolution "Gewalt gegen Lehrkräfte" des BLLV. „Die Verrohung von Sprache und des Umgangs miteinander in der Gesellschaft wirken sich auch auf Kinder, Jugendliche und auf die Schulen aus. Es gilt, dagegen Haltung zu zeigen. Verwaltung und Politik dürfen das Problem nicht länger ignorieren, und den Diskurs darüber nicht tabuisieren. Sie müssen im Sinne ihrer Fürsorgepflicht wahrnehmen und das schulische Personal bestmöglich schützen und unterstützen“, so die BLLV-Präsidentin.

Der BLLV unterstützt zu 100% die Forderungen des VBE:

  • Statistiken müssen geführt und von den Kultusministerien regelmäßig veröffentlicht werden.
  • Lehrkraft und Schulleitung müssen die volle Unterstützung des Dienstherrn erhalten. Dazu zählt auch die unbürokratische Meldung und schnelle Hilfe nach einem Vorfall.
  • Es braucht massive Investitionen in die Bildungsinfrastruktur, damit Lehrkräfte durch multiprofessionelle Teams mit Schulpsychologen, Schulsozialarbeitern und weiteren Fachkräften unterstützt werden können und ein Lernumfeld geschaffen werden kann, das nicht durch fehlende Ressourcen und schulbauliche Mängel geprägt ist, sondern individuelle Förderung gewährleistet.
  • Lehrkräfte müssen besser auf den Umgang mit Heterogenität und das Verhalten in Konfliktsituationen vorbereitet werden. Hierfür braucht es ein breites Fortbildungsangebot und mehr Aufmerksamkeit für dieses Thema bereits in der Lehrkräfteausbildung.