Der Lehrermangel und die FolgenStartseite

Die Wahrheit liegt auf dem Tisch, jetzt muss gehandelt werden

Bereits im abgelaufenen Schuljahr war die Situation an Bayerns Schulen mehr als prekär. Das wird sich ohne grundlegende Reformen auch in Zukunft nicht ändern. Der BLLV fordert die Staatsregierung und das Ministerium auf, ihre Hausaufgaben zu machen.

Die Hütte brennt. Der Lehrkräftemangel an Grund-, Mittel und Förderschulen ist Realität und er wird sich in Zukunft noch verschärfen. „Die Wahrheit liegt auf dem Tisch, die Leidtragenden sind die Lehrkräfte im System. Und: Leidtragend ist die Bildungsqualität in Bayern“, so BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann und erster BLLV-Vizepräsident Gerd Nitschke.

Fakt ist: Die Bemühungen um Nachwuchs oder zur Steigerung der Attraktivität des Lehrerberufs sind grandios gescheitert. „Die Lehrer und Lehrerinnen von heute müssen politische Versäumnisse der Vergangenheit ausbaden“, erklärte Nitschke. Für den BLLV steht außer Frage, dass sich in Sachen Einstellungspolitik grundsätzlich etwas ändern muss, da sich die Entwicklungen bis 2025 noch zusätzlich verschärfen werden. Eine Tatsache, die erstmals in Bayern nicht mehr geleugnet wird.

Es gibt aktuell viele Baustellen in Bayern

  • Unterrichtsausfall: 8,4% des Unterrichts in Bayern werden über alle Schularten hinweg jede Woche nicht planmäßig erteilt (=200.000 Stunden/Woche), 1,6% fallen ersatzlos aus (=40.000 Stunden/Woche). Man kann folglich kaum davon reden, dass die Unterrichtsversorgung gesichert ist.
  • Den Kernunterricht ergänzende Angebote werden gestrichen werden (AGs, Stützkurse, Förderunterrichte, Differenzierungen etc.). Gerade diese sind wichtig für ganzheitliche Bildung.
  • Zweitqualifizierung: rund 900 Lehrerinnen und Lehrer haben zu Beginn des Schuljahres die Maßnahme bereits erfolgreich durchlaufen, etwa 1.500 nehmen aktuell teil. Die Tendenz diese Qualifizierung zu absolvieren ist jedoch fallend.
  • Kombiklassen: derzeit gibt es rund 2.500 Jahrgangsübergreifende Klassen an Grund- und Mittelschulen. Fünf Jahre zuvor lag die Anzahl bei 1.700. Ein pädagogisch sinnvolles Format oder ein Indiz für Sparmaßnahmen?
  • Studierende ohne 2. Staatsexamen und Pensionisten die an den Schulen eigenverantwortlichen Unterricht leisten und dafür sorgen, dass der Regelunterricht aufrechterhalten werden kann.
  • Die Diskussion um den Ein-Fach-Lehrer: wollen wir das? Besser als Seiteneinsteiger wie in anderen Bundesländern ja, dennoch eine weitere Löschmaßnahme.
  • Die Geburtenprognose als Grundlage für die Erstellung der Lehrerbedarfsprognose: Hier lag das Ministerium in vielen Jahren meist zwischen 8% bis 10% unter der tatsächlichen Anzahl der Geburten. Das führt zu einer fehlerhaften Prognose beim Lehrerbedarf. Die Schülerzahlen in Bayern werden in der Grundschule bis Mitte der zwanziger Jahre um 80.000 ansteigen, die an den Mittelschulen um rund 37.000.
  • Die Studierendenanzahl: Die Anzahl der Lehramtsstudierenden in Bayern ist in den letzten 5 Jahren um 6.300 bzw. 15% gesunken. Zusätzlich dazu betragen die Schwundquoten der Lehramtsstudierenden in Bayern vom ersten Studienjahr bis zum ersten Staatsexamen über 40%. Beides für sich muss Konsequenzen haben, zusammen ist es, in Zeiten des Lehrermangels unabdingbar schnell aber auch nachhaltig zu handeln.
  • Der Lehrerbedarf in den nächsten Jahren, der gerade im Bereich der Grund-, Mittel- und Förderschulen enorm hoch sein wird. Rund 12.000 Lehrkräfte an den Grund- und Mittelschulen sind über 55 Jahre (27% aller Lehrer), an den Förderschulen rund 2.600 (26% aller Lehrer). Über alle Schularten hinweg sind 26% aller Lehrer 55 Jahre oder älter, d.h. knapp 30.000. Gleichzeitig werden die Schülerzahlen in den nächsten Jahren deutlich ansteigen. Alleine aufgrund der steigenden Schülerzahlen werden wir an den Grund- und Mittelschulen bis 2025 insgesamt 4.600 Lehrerinnen und Lehrer zusätzlich benötigen – nur um den Status Quo zu halten (Studie Prof. Klemm).

Diese Baustellen werfen viele Fragen an die Politik auf (Pressemitteilung des BLLV). „Der BLLV fordert von der Bayerischen Staatsregierung Antworten auf die Krise und auf die Frage wie es mit den Schulen weitergeht“, so Fleischmann. Dazu braucht es einerseits kurzfristige Lösungen für die Lehrkräfte und die Schulen, es braucht jetzt eine Stärkung der Kolleginnen und Kollegen. Diese löschen an den Schulen viele Brandherde und auf den Löscheinsatz wird man bis 2025 aktiv angewiesen sein. Es braucht andererseits aber auch durchdachte, konsequente und vor allem nachhaltige Personalpolitik, mit der ganzheitliche Bildungsziele, wie sie der BLLV nach wie vor einfordert, umgesetzt werden können."

Dialog ja, Maßnahmen und Reformen müssen folgen


Der Bayerische Kultusminister Prof. Michael Piazolo betont im Anschluss an die Pressekonferenz, dass die Bayerische Bildung gut aufgestellt sei. Man werde die Unterrichtsversorgung zu Beginn des kommenden Schuljahres sicherstellen. Die Zahl der fehlenden Lehrkräfte sei aktuell nicht absehbar, da man noch intensiv an den Zuteilungen für das nächste Schuljahr arbeite. Im Zuge dessen „können sich natürlich auch noch entsprechende Klasseneinteilungen verschieben, es kann mehr oder weniger sein“, so der Kultusminister.

Gerd Nitschke warnt vor solchen Maßnahmen: „Schritte wie Stundentafel kürzen oder Klassenstärke erhöhen: Ganz klares nein, das ist mit dem BLLV nicht zu machen. Der Lehrermangel darf nicht auf dem Rücken der Kinder ausgetragen werden.“ Diese Überlegungen zeigen, dass die Hütte eben doch brennt.

Dass der Minister überhaupt von der Unterrichtsversorgung zum Schuljahresanfang spricht, verdeutlicht, dass auch ihm der Lehrermangel durchaus bewusst ist. Es ist absehbar: die Situation wird sich im Laufe des kommenden Schuljahres weiter zuspitzen. „Es wird zwar stimmen, was zu Schuljahresbeginn auf dem Papier des Ministeriums steht - aber bei der ersten Grippewelle ist das Papier ein Fall für den Mülleimer“, so Fleischmann bereits zuvor. Die mobile Reserve, auf die Kultusminister Piazolo als Lösung verweist, ist dafür da, punktuelle Engpässe aufzufangen und kann einen grundsätzlichen Lehrermangel nicht beheben.

Der BLLV weist schon seit Jahren auf den Personalengpass hin und brachte viele Vorschläge und Konzepte ins Spiel. Eines davon ist das flexible Lehrerbildungsmodell. Der BLLV ist jederzeit zu einem offenen und ehrlichen Dialog bereit. Die Umsetzung ist und bleibt jedoch Aufgabe der Staatsregierung.

Klar ist, der Schweinezyklus muss endlich langfristig beendet werden durch „… die Erhöhung der Attraktivität für das Lehramt, Wertschätzung für die Lehrkräfte, das neue Lehrerbildungsmodell mit viel mehr Flexibilität und A13 für alle Lehrer“, so Nitschke. Auch der Kultusminister sieht hier Handlungsbedarf, über A13 für alle könne man intensiv reden. Da die Probleme und Herausforderungen im Grund- und Mittel- und Förderschulbereich eher größer und nicht kleiner werden, braucht es grundlegende Reformen. A13 für alle ist ein wichtiger Baustein, um die Attraktivität des Lehramts an Grund- und Mittelschulen zu steigern.

Wir brauchen nicht nur Stellen, sondern Menschen


Das Geld dafür wäre eigentlich da. 2019 fließen von den 65,3 Milliarden Euro des Staatshaushalts in Bayern 20,6 Milliarden in Bildung. Und für das Schuljahr 2019/20 hat die Staatsregierung neue Stellen geschaffen, wie z.B.:

  • 1.000 (in fünf Jahren 5.000) Lehrerinnen und Lehrer mit qualifizierter Ausbildung zur Vermeidung des Unterrichtsausfalls, für kleinere Klassen und stärkere individuelle Förderung
  • 365 Stellen „Bildungsoffensive Plus“
  • 100 Stellen UN-Behindertenkonvention
  • 100 zusätzlichen Stellen für Schulpsychologen (60) und Sozialpädagogen (40) aus dem Programm „Schule öffnet sich“
  • Usw.

Und natürlich titelt die Pressemitteilung des Kultusministeriums am 29. Juli 2019 mit „Über 1.000 neue Stellen für Bayerns Schulen“. Die Frage die sich alle (insbesondere an Grund-, Mittel- und Förderschulen) stellen: „Wo bekommen wir die Lehrerinnen und Lehrer dafür her?“ Durch den neu umgesetzten Einschulungskorridor werden erst einmal weniger Grundschüler im September 2019 starten, so dass hier nicht so viele Lehrkräfte benötigt werden wie prognostiziert. Gleichzeitig sind jedoch die Bewerbungen aus der Realschule und dem Gymnasium für die Zweitqualifikation rückläufig.

Und die nahe Zukunft? Die zurückgestellten Kinder aus dem Einschulungskorridor kommen nun geballt im nächsten Schuljahr zurück. Aus der Realschule und dem Gymnasium werden keine Zweitqualifikanten mehr kommen. Die Zahlen beim Studium für das Realschullehramt gingen in den letzten Jahren so weit zurück, dass der Bedarf an der eigenen Schulart gerade noch gedeckt werden kann. Und am Gymnasium kommt das G9 zurück. Da werden prognostizierte 1000 zusätzliche Planstellen benötigt.

Die Schülerzahlen steigen ab sofort wieder sehr stark an. Der Beginn jetzt schon in der Grundschule und dann eben auch für die weiterführenden Schulen. Die erhöhten Studierendenzahlen genügen vielleicht noch für die Grundschule. Bei der Mittel- und Förderschule weiß man schon heute, dass es viel zu wenige sein werden. Und dann wäre da noch der Koalitionsvertrag, der weitere Lehrerplanstellen, Schulpsychologen und Schulsozialarbeiter vorsieht, was zu einem noch höheren Bedarf an Planstellen führt.

Was also tun? Auf die ganzen Verbesserungen verzichten? Nein. Jede Planstelle für Bildung ist eine gute Planstelle. Aber Stellen machen keinen Unterricht. Konkrete Forderungen des BLLV liegen auf dem Tisch und wurden bei der Landesdelegiertenversammlung 2019 einstimmig verabschiedet. Um letztlich auch zu konkreten Lösungen und damit zu Verbesserungen für die Schulen vor Ort zu kommen ist der BLLV mit den Verantwortlichen aus Politik und Ministerium im Dialog. Denn eines ist klar: es muss jetzt gehandelt werden!