Am Grab des 1905 verstorbenen jüdischen Lehrers und BLV-Mitglieds Samuel Maier auf dem jüdischen Friedhof in Schnaittach (v.l.n.r.): Wolfgang Sosic (Mitglied Schwabacher Geschichtsverein), Prof. Dr. emer. Max Liedtke, Klaus Wenzel (BLLV-Ehrenpräsident), Manfred Schreiner (BLLV-Ehrenmitglied).
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Ehrenpräsident Klaus Wenzel ehrt jüdischen Lehrer Samuel Maier

Auf dem Jüdischen Friedhof in Schnaittach gedenkt BLLV-Ehrenpräsident Klaus Wenzel dem jüdischen Lehrer und Mitglied des Bayerischen Lehrervereins (BLV) Samuel Maier und erinnert an die Schuld, die der BLLV auf sich geladen hat.

"Eine schwere Schuld trägt der BLLV: Er hat seine jüdischen Mitglieder unter der Nazidiktatur im Stich gelassen und nach 1945 sein Versagen Jahrzehntelang verschwiegen." Das ist das Resümee von Klaus Wenzel, BLLV-Ehrenpräsident, als er vor wenigen Tagen auf dem jüdischen Friedhof in Schnaittach das Grab des 1905 verstorbenen Samuel Maier zusammen mit Prof. Dr. Max Liedtke, Manferd Schreiner und Wolfgang Sosic besuchte. Seit 1891 war der jüdische Lehrer Samuel Maier Mitglied im Bayerischen Lehrerverein (BLV). Er unterrichtete an der jüdischen Volksschule in Forth und starb 1905. Dies hatten die Recherchen von Max Liedtke, ehemaliger Lehrstuhlinhaber für Pädgogik an der FAU Erlangen-Nürnberg und profunder Kenner der bayerischen Schulgeschichte und des BLLV herausgefunden. Durch Hinweise von Manfred Schreiner (ehm. Leiter des Nürnberger Schulamtes) und Martina Switalski fanden Liedtke und Sosic ein erstes Grab eines ehemaligen jüdischen Mitglieds des BLV, das sich im Heimatort von Klaus Wenzel befindet.

Auch als Ehrenpräsident setzt Klaus Wenzel sich weiterhin dafür ein, was ihm bereits beim Antritt seines Amtes 2007 eine wichtige Aufgabe war: Der verfolgten und ermordeten jüdsichen Lehrerinnen und Lehrer zu gedenken und gleichzeitig das Versagen des BLLV in und nach der Nazizeit bewusst zu machen. Dazu gehört auch, dass führende Nazis aus der Volksschullehrerschaft stammten und Mitglied im BLV waren wie z. B. Julius Streicher, der als "Judenhasser Nr. 1" 1946 in den Nürnberger Prozessen hingerichtet wurde, oder Josef Bauer, der als Stadtschuldirektor in München und Vorsitzender des BLV für die frühe Entfernung jüdischer Schüler und Lehrer in München verantwortlich zeichnete und Mitglied des BLV war. Julius Streicher wurde 1923 wegen seiner Agitation gegen die Juden von der Mittelfränkischen Regierung des Dienstes enthoben und 1928 vollständig aus dem staatlichen Dienst entfernt. Seit 1923 ist er Herausgeber des antjüdischen Hetzblattes "Der Stürmer". Für den BLLV damals kein Grund, auf Distanz zu ihm zu gehen und ihn aus dem Verband auszuschließen.

Wenzel: "Opfer des Holocaust der Anonymität entreißen"

Um die genaue Rolle des BLLV während der NS-Zeit zu beleuchten, machte Wenzel als BLLV-Präsident die Initiative des Landesgeschäftsführers Dr. Dieter Reithmeier zur Aufarbeitung der Rolle des BLV in der Nazizeit unter dem Titel "Aufstehen gegen Vergessen und Unrecht" zur Chefsache. Ein Ziel der Initiative ist es, die jüdischen Lehrer, die Opfer der Verfolgung und des Holocaust wurden, "der Anonymität zu entreißen und an sie zu erinnern."

Unter der Projektleitung von Sabine Gerhardus wurde in jahrelanger bayernweiter Archivarbeit eine Datenbank mit den Namen und auffindbarfen Daten von 800 jüdischen Lehrerinnen und Lehrer, von denen 120  nachweislich Opfer des Holocaust wurden, aufgebaut. In W-Seminaren recherchieren bayerische Schülerinnen und Schüler seit mehreren Jahren unter der Anleitung von Sabine Gerhardus Biografien jüdischer Lehrerinnen und Lehrer. 

Prof. Dr. Max Liedtke unterstützt von Wolfgang Sosic, Mitglied im Schwabacher Geschichtsverein, hat weiteres Licht in dieses Kapitel der Geschchte des BLLV gebracht. Durch Auswertung der Bayerischen Lehrerzeitungen von 1862 bis 1923 konnte er über 200 jüdische Mitglieder im BLV, von denen 20 dem Holocaust zum Opfer fielen, namentlich ausfindig machen. Damit ist belegt, dass der BLV auch in Jahrzehnten, in denen der Antisemitismus bereits in Bayern grassierte, wahrhaft überkonfessionell war und zu seinen Kollegen jüdischen Glaubens stand. Nach gegenwärtigem Forschungsstand dünnen sich aber die Belege für eine intensive Kooperation mit den jüdischen Lehrerverbänden noch gegen Beginn des 1. Weltkrieges deutlich aus und werden in der Weimarer Republik faktisch unerkennbar. Insoweit ist es nicht verwunderlich, dass die Verfolgung der jüdischen Kollegen im BLLV mit Beginn der Nazidiktatur in keiner Schrift des BLLV erwähnt wird. Noch unverständlicher aber ist es, dass es über 60 Jahre nach Ende der Nazidiktatur dauerte, bis der BLLV einen Blick auf dieses Kapitel seiner Geschichte warf.

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Am: 06.08.2020