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Psychische Gesundheit Akademie
Betriebliches Gesundheitsmanagement

"Geringes Selbstwirksamkeitsgefühl erhöht das Risiko für Burnout"

Welche Belastungen der Lehrerberuf mit sich bringt, weiß Dr. Bettina Eberl, Chefärztin der Oberberg Fachklinik Bad Tölz, ganz genau. Warum Selbstwirksamkeit eine entscheidende Rolle für die psychische Gesundheit spielt, erklärt sie im Interview.

BLLV-Akademie: Zunächst einmal zum Einstieg: Wie würden Sie Selbstwirksamkeit definieren?

Dr. Bettina Eberl: Selbstwirksamkeit bedeutet, durch eigenes Handeln ein Ergebnis zu erzielen, worauf ich stolz sein kann bzw. worüber ich mich freue. Dieses positive Feedback, diese angenehme Emotion infolge der eigenen Wirksamkeit trägt somit zur Selbstwertsteigerung, Zufriedenheit und psychischen Gesundheit bei. Auch in der Arbeitswelt ist dies ein wichtiger und präventiver Faktor bezüglich Burnout: Wir beobachten, dass Berufe, in denen weniger Selbstwirksamkeit für die ausübende Person spürbar ist, ein erhöhtes Risiko für psychische Erkrankungen wie Burnout haben. Ein geringeres Burn-out-Risiko besteht dahingegen bei Berufsgruppen, die unmittelbare Rückmeldung ihrer Arbeit und das erreichte Ergebnis erhalten. Ganz klassisch können das visuelle und haptische Rückmeldungen bspw. bei Handwerksberufen sein – also etwa der Schreiner, der stolz mit seiner Hand über das fertiggestellte Möbelstück streicht.

Zur Person: Dr. Bettina Eberl

Spezialistin für die psychische Gesundheit von Lehrkräften

Nach dem Studium der Humanmedizin in Wien absolvierte die gebürtige Österreicherin ihre Facharztausbildung in Deutschland. Seit 2018 ist Dr. Bettina Eberl als Chefärztin der Oberberg Fachklinik Bad Tölz (vormals: Privatklinik Eberl) tätig.

Ergänzt hat sie den Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie (Verhaltenstherapie) um Weiterbildungen bzw. Zusatzqualifikationen wie Spezielle Schmerzpsychotherapie, SBT-Therapie und Aromaberatung. Ein Schwerpunkt der Privatklinik liegt u.a. im Bereich der Lehrergesundheit.

Und wo reiht sich da die Berufsgruppe der Lehrer*innen ein?

Lehrkräfte stehen auf der Liste der Burnout-Patient*innen ganz weit oben. Die Gründe hierfür sind vielfältig, lassen sich aber zusammenfassen als ungünstige Kombination aus zunehmenden Belastungsfaktoren bei gleichzeitig mangelnder Selbstwirksamkeit bzw. defizitärem Erfolgs- und Wertschätzungserleben. Der Lehrerberuf ging in den letzten Jahrzehnten mit zusätzlichen Herausforderungen einher, die nicht immer optimal politisch vorbereitet bzw. unterstützt waren, wie bspw. Inklusion oder Flüchtlingskrise. Hier fehlt die Begleitung und Schulung der Lehrkräfte, da die Bedarfe, die diese Situationen mit sich bringen, nicht zum "Kernaufgabenbereich" einer Lehrkraft gehören. Eigentlich sind hier sonder- und heilpädagogische oder teilweise sogar psychotherapeutische Kenntnisse erforderlich. Man denke hier beispielsweise nur an kriegstraumatisierte Kinder oder Kinder mit AD(H)S oder einer Autismusspektrumstörung im Klassenverband.

Zudem leiden viele Lehrkräfte unter der weit verbreiteten Auffassung in der Gesellschaft, dass Lehrer "so viel Freizeit oder Ferien" hätten. Dass die Arbeit nach dem Unterricht oder über die Ferien in der Schule zu Hause weitergeht, etwa durch Vor- und Nachbereitung des Unterrichts, Korrekturen und vieles mehr oder auch teilweise eine Fortbildungspflicht in den Ferien besteht, wird oft nicht gesehen.

Zudem hat sich auch die Art der "Lehrer-Eltern-Interaktion" verändert. So zeigt sich der generelle gesellschaftliche Wandel auch hier, indem sich Eltern beispielsweise intensiver mit dem schulischen Weg ihrer Kinder auseinandersetzen und auch nicht mehr auf die Autorität des Lehrers verweisen wie früher, sondern sich für ihre Kinder einsetzen, was jedoch teilsweise bis hin zu abwertenden Äußerungen und Drohungen ausarten kann, wenn das Loslassen, Abgeben und Vertrauen an die entsprechende Lehrkraft vonseiten der Eltern nicht vorhanden ist.

Außerdem macht Lehrkräften das System der Bewertungen oft zu schaffen. Es erscheint für viele willkürlich und undurchsichtig Auch hier fehlt es an Selbstwirksamkeit und Wertschätzung – auch finanziell gesehen, vor allem bezüglich der unterschiedlichen Besoldungsstufen der Lehrkräfte unterschiedlicher Schulformen.  

Wie wirkt sich das aufs Privatleben aus, wenn ich in der Arbeit keine Selbstwirksamkeit erfahre?

Mit einer als sehr gering empfundenen Selbstwirksamkeit erhöht sich das Risiko für Burnout. Es entsteht das Gefühl der Dehumanisierung, also Entmenschlichung: Die Menschen nehmen sich als Art Roboter war, der seinen Dienst ableistet. Oftmals streichen Betroffene dann genau die Termine im Privatleben, die ihnen guttun würden. Sie sagen Verabredungen mit Freund*innen ab oder vernachlässigen ihre Gesundheit und Selbstfürsorge, indem sie Arzttermine oder Friseurbesuche absagen. Die Leistungsfähigkeit nimmt ab und es kommt oft zu einem Freud- und Interessensverlust. Zudem haben sie das Gefühl, dass sie sich gar nicht mehr erholen können, obwohl sie beispielsweise das ganze Wochenende viel geschlafen oder "nichts gemacht hätten". Der Druck steigt dadurch aber eher, da der Stapel an Korrekturen oder Ähnliches liegen bleibt. Ein Teufelskreis beginnt in Richtung Burnout.

Was kann ich als Individuum tun, um zu einem Gefühl von mehr Selbstwirksamkeit in meinem Berufsleben zu gelangen?

Oft ärgern wir uns über nicht durch unser Zutun veränderbare Begebenheiten, wie etwa Schlechtwetter, anstatt unsere Energie auf die Dinge zu richten, die ich beeinflussen kann. So auch im Berufsleben. Also ist es zunächst wichtig, sich auf die Abläufe im Arbeitsalltag zu fokussieren, wo ein Entfaltungsspielraum vorhanden ist, beispielsweise bei der Gestaltung des Unterrichts. Zudem ist es wichtig, eine gesunde Distanz zu meinem Beruf aufzubauen. In unserer heutigen Zeit und Gesellschaft identifizieren wir uns oft über unseren Beruf, aber man wird auch oftmals auf den Beruf reduziert und eingeordnet. Somit ist ein weiterer wichtiger Bereich, die eigenen Werte zu hinterfragen, wie etwa Perfektionismus und uns Mut zur Unvollkommenheit trauen. Zugleich sollten wir uns Raum für Ich-Zeiten geben um den Akku wieder aufladen zu können.

Gleichzeitig ist es hilfreich und entlastetend, Dinge zu akzeptieren, die ich nicht ändern kann. Natürlich ist es aber auch Aufgabe der Politik, dem Lehrermangel langfristig entgegenzusteuern und adäquate Unterstützung bzw. Lösungsansätze in Krisen zu bieten.

Können Sie uns berichten, welche Spielräume Ihre Patient*innen in Ihrer Arbeit als Lehrkraft entdecken?

Das kann zum Beispiel sein, dass Lehrkräfte den Unterricht für sich so gestalten, wie er Ihnen Freude macht und hier mit unterschiedlichen Konzepten arbeiten. Sie können dabei zum Beispiel auch Achtsamkeitsübungen mit den Kindern in den Unterricht einbauen. Denn auch den Schüler*innen wird es manchmal zu viel. Beliebt sind oft auch Bewegungsspiele, also motorisches Lernen.

Außerdem gebe ich meinen Patient*innen immer scheinbar simple Dinge mit in den Schulalltag: Durch Lüften für gutes Klima im Klassenzimmer sorgen. Auf die Grundbedürfnisse zu achten und in der Pause auf Toilette zu gehen, zu trinken und zu essen.

Welche Tipps geben Sie den Lehrkräften noch mit für den Schulalltag?

Um das Stresslevel im Lehreralltag zu senken, gebe ich meinen Patient*innen auch gern den Rat, sich nicht auf Tür- und Angel-Gespräche mit Eltern einzulassen, stattdessen einen Termin auszumachen mit den Worten "Ich möchte Ihrem Anliegen Raum geben". Darauf reagieren Eltern sehr positiv und fühlen sich ernstgenommen. Gleichzeitig nimmt es Lehrkräften selbst den Stress aus der Situation, schafft emotionale Distanz und Vorbereitungszeit.

Wie komme ich nach Konfliktsituationen im Schulalltag wieder in Balance?

Die Gefühle bewusst wahrnehmen und Frust nach Konflikten ein Ventil geben, indem man zum Beispiel kaltes Wasser über die Unterarme laufen lässt. Einen tollen akustischen Effekt erzielen auch Taschentuchpäckchen, die man gegen die Wand oder auf den Boden wirft. Wichtige Regel hierbei: keine fremd- und eigengefährdenden Handlungen.

Und Sie empfehlen nicht das "Auskotzen" bei Kolleg*innen?

Untersuchungen haben gezeigt, dass ein Individuum im Schnitt fünf positive Erlebnisse braucht, um ein negatives auszugleichen. Ich sehe hier die Gefahr, dass die Kolleg*innen dann eine Negativ-Schallplatte nach der anderen auflegen und sich dadurch unbeabsichtigt ein Gefühl der Ohnmacht ausbreitet. Somit macht eher zeitlich begrenztes Nörgeln Sinn, dann aber bewusst mit beispielsweise einem tiefen Schnaufer wieder den Blick nach vorne richten: "So, das tat jetzt gut, jetzt ist es raus und ich bin wieder frei für die nächste Unterrichtsstunden."

Können Sie mir fünf Ratschläge für den Alltag für mehr Selbstwirksamkeit geben, die unsere Leser*innen sofort umsetzen können?

  1. Vor dem zu Bettgehen mindestens drei Dinge benennen, die mir an diesem Tag einen schönen Moment beschert haben. Und dabei bitte die scheinbaren Selbstverständlichkeiten nicht übersehen, wie etwa den Sonnenaufgang auf dem Weg zur Arbeit, den Kaffee, der an dem Tag besonders gut war.
  2. Ich-Zeiten mit hoher Verbindlichkeit einhalten zum Akku-Aufladen. Ich kann nur so viel geben und leisten, wie Energie vorhanden ist.
  3. Achtsamkeitsübungen: Zum Beispiel mit einem ganz bewusst eingenommenen Frühstück. Wenn ich jemand Fremdes mein Frühstück erklären müsste, wie würde ich es beschreiben?
  4. Freizeit hinterfragen: Was bringt mir Erholung? Immer auf den Berg? Was tut mir wirklich gut?
  5. Natur suchen und auf mich wirken lassen.

 



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