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Hart aber unfair

Das gesellschaftliche Klima scheint rauer denn je, der Ton gegenüber Lehrerinnen und Lehrern auch. Der politische Kommentar von BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann aus der bayerischen Schule #2 2019.

Letzthin erzählte mir eine Kollegin, wie sie von einem Vater beschimpft wurde. Sie habe seinen Sohn ungerecht behandelt und falsch benotet. Sie sei erschrocken gewesen über die Aggressivität des Mannes, habe aber versucht, ihre Entscheidung zu begründen. Da habe der Vater das Gespräch wütend abgebrochen und gedroht, die Leistungsfeststellung gerichtlich überprüfen zu lassen. Das ist kein Einzelfall, wie wir aus der Arbeit unserer BLLV-Rechtsabteilung wissen. Auch ich habe als Rektorin einer großen Grund- und Mittelschule am Stadtrand Münchens ähnliche Szenen erlebt.

Der Umgangston ist rücksichtsloser geworden, mit unserem Manifest: HALTUNG ZÄHLT haben wir auf die politische Dimension sprachlicher Verrohung aufmerksam gemacht. Darüber hinaus aber hegen manche Eltern gegenüber Schule ein grundlegendes Misstrauen. Offensichtlich denken sie, dass Lehrerinnen und Lehrer aus mangelnder Kompetenz, Nachlässigkeit oder Willkür die Leistungen des eigenen Kindes nicht korrekt bewerten.

Unsere Rolle als Lehrerinnen und Lehrer hat sich geändert

Lassen wir einmal die Frage beiseite, ob die Form der Leistungsmessung, die wir in der Schule durchführen müssen, die Antwort auf die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts an die Schule sein kann. Fakt ist, dass sich unsere Rolle als Lehrerinnen und Lehrer in den letzten Jahren zusammen mit den Erwartungen an Bildung und Schule grundlegend geändert hat.

Heute ist allen klar, dass Bildung die Grundlage für die individuelle und die gesellschaftliche Zukunft ist. Damit aber rückt unsere Arbeit als Lehrerinnen und Lehrer unmittelbar in den Fokus der Beobachtung– und der Kritik. Insbesondere wenn es um das eigene Kind geht, erleben manche Eltern Entscheidungen der Lehrer als unzulässigen Eingriff in die Zukunfts- und Lebensgestaltung ihrer Kinder. Und dann wird mit harten Bandagen gekämpft, egal ob es um den Übertritt geht oder um die Versetzung ins Gymnasium.

Nun rächt es sich, dass Schule bei uns sehr lange als abgeschlossene Welt definiert war, in der Eltern wenig mitwirkten. Und es rächt sich, dass Lehrerinnen und Lehrer viel zu wenig Zeit haben, ihr Professionsverständnis zu reflektieren und ihre Kommunikationskompetenzen systematisch weiterzuentwickeln. Und die Schulverwaltung sieht allzu oft einfach weg.

Den Dialog mit allen führen

Ich bin der Überzeugung, dass wir unser Professionsverständnis neu diskutieren müssen. Wir sind mehr denn je gefragt, den Dialog mit allen, die mit Schule zu tun haben – Eltern, Kollegen, Arbeitgeber – zu führen. Wir müssen unsere Aufgabe als Pädagoginnen und Pädagogen immer wieder transparent machen: Alle Schülerinnen und Schüler ganzheitlich und individuell zu fördern und mit ihnen soziale Kompetenzen und grundlegende Wertorientierungen zu entwickeln, damit Gemeinschaft überhaupt möglich ist – das ist unser Anspruch. Davon rücken wir nicht ab.

Wir haben allen Grund, selbstbewusst und überzeugt aufzutreten. In dem offen und offensiv zu führenden Dialog über die sich verändernde Rolle der Lehrer in der heutigen Schule erwarten wir von der Schulverwaltung Rückendeckung und von der Politik Zeit, um als Kollegenschaft den systematischen Austausch untereinander pflegen zu können. Auch die nachhaltige Fortbildung unserer Kommunikationsstrategien sind Teil modernen Lehrerseins. Wenn das funktioniert, dann können wir auch aggressive Eltern zum Dialog bewegen.

Simone Fleischmann

Weitere Informationen

Manifest: HALTUNG ZÄHLT