Akzente - 3/2019Ganzheitliche Bildung

Herz.Kopf.Hand.

Im Motto der LDV steckt das Jahrhunderte alte Denken eines Pestalozzi. Es ist aktueller denn je. Der politische Kommentar von BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann aus der bayerischen Schule #3 2019 befasst sich mit mit der Frage, warum das Credo des großen Pädagogen den Schlüssel für die Bildung der Zukunft birgt.

Wenn diese Ausgabe der „bayerischen schule“ im Druck erscheint, findet gerade die 54. Landesdelegiertenversammlung des BLLV statt. 600 Lehrerinnen und Lehrer werden in Würzburg zusammenkommen, um über die Bildungspolitik, über Fragen des Dienstrechts und der Besoldung, aber auch über unser Professionsverständnis zu diskutieren. Wir wollen uns für die Zukunft klar positionieren.

Das Motto dieser LDV benennt die Grundlage unseres Bildungsverständnisses als Pädagoginnen und Pädagogen: „Herz.Kopf.Hand. – Bildung ist Zeit für Menschen“. Manche mögen fragen: Hat dieser pädagogische Anspruch, formuliert von Johann Heinrich Pestalozzi, an der Wende zum 19. Jahrhundert, heute, angesichts von Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz, noch irgendeine Relevanz? Ist es nicht ein überholter, idealistischer Anspruch an Bildung und Erziehung, der letztlich immer im Reich der Utopie geblieben ist?

Ganzheitliche Bildung

Ich bin der festen Überzeugung, dass die Zielrichtung dieser Begriffe heute aktueller ist denn je. Die moderne Welt ist geprägt von enormer Beschleunigung, von Informationsflut, von veränderten Lebensumständen und unsicheren Zukunftsperspektiven. Schule ist integraler Bestandteil unseres Gemeinwesens. Sie ist aber auch Spiegelbild der Gesellschaft. Deren Veränderungen erleben wir in der Schule täglich mit jedem Kind, aber auch an uns selbst. Sie haben nachhaltige Auswirkungen auf unsere Arbeit und unser Selbstverständnis.

Der Kern des pädagogischen Denkens, wie ihn Pestalozzi formuliert hat, ist auch heute noch relevant. Pestalozzi ging es um die ganzheitliche Bildung des Kindes und des jungen Menschen, um die Entwicklung all seiner Potenziale. Das aber ist heute notwendiger denn je. Bei allen Unsicherheiten wissen wir eines: In der Zukunft brauchen wir Menschen mit der Bereitschaft zu lebenslangem Lernen, mit sozialen Kompetenzen und einer klaren Werteorientierung. Und genau das meint ganzheitliche Bildung: Herz, Kopf und Hand – der ganze Mensch, unabhängig davon, ob er aus einer wohlbehüteten Mittelschichtfamilie kommt oder aus einem sozial schwierigen Umfeld.

Wir brauchen Zeit in der Schule

Eine moderne Schule muss die nachwachsenden Generationen ganzheitlich bilden, wenn sie das Fundament bleiben soll, auf dem unser Gemeinwesen ruht. Junge Menschen ganzheitlich betrachten und ihnen helfen, sich und ihre Fähigkeiten zu entwickeln – das ist unser Anspruch. Pestalozzi hat in aller Deutlichkeit darauf hingewiesen, dass es dafür Zeit braucht: „Das Wesen der Menschlichkeit entfaltet sich nur in der Ruhe“, heißt es bei ihm. Auch dieses Diktum ist aktueller denn je. Wir brauchen Zeit in der Schule, Zeit für den jungen Menschen und Zeit für unseren kollegialen Austausch.

Ich weiß aus meiner eigenen Erfahrung als Lehrerin und Schulleiterin: Viele Kolleginnen und Kollegen versuchen, diesem Anspruch im Schulalltag gerecht zu werden. Aber es wird von Jahr zu Jahr schwieriger. Wir stoßen an Grenzen, viele verschleißen sich. Dem dürfen wir nicht tatenlos zusehen. Es geht um unsere Kinder, es geht um junge Menschen, es geht um unsere Gesellschaft und letztlich sogar um unsere Demokratie.

Wir haben das Motto „Herz.Kopf. Hand. – Bildung ist Zeit für Menschen“ für unsere Delegiertenversammlung gewählt, weil wir als BLLV der Politik und der Öffentlichkeit bewusst machen wollen und müssen, dass sich im Menschenbild, das der Pädagogik zugrunde liegt, der Schlüssel dafür findet, die Herausforderungen der Zukunft zu meistern. Und wir müssen dabei immer wieder bewusst machen, dass Lehrerinnen und Lehrer bei dieser großen und eminent wichtigen Aufgabe nicht nur verbale Anerkennung brauchen, sondern aktive Unterstützung und vor allem ausreichende Ressourcen.

Simone Fleischmann

(Artikel aus der bayerischen schule #3 2019)

Die Landesdelegiertenversammlung des BLLV ist das höchste Beschlussorgan. 600 Delegierte vertreten 64.000 Mitglieder. Sie wählen Präsidium und Landesvorstand und beschließen die Ziele, Inhalte und Strategien für die Bildungs- und Lehrerpolitik des Verbandes. 2019 lautet das Motto „Herz.Kopf. Hand. – Bildung ist Zeit für Menschen“.


Weitere Informationen

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BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann über die Herausforderungen in der Bildung: Interview

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Die Landesdelegiertenversammlung des BLLV: Für ganzheitliche Bildung