Eindrücke aus einem Gewaltpräventionsseminar für Lehrer/innen
VBE Studie Gewalt gegen Lehrkräfte -Thema bei MaischbergerSchule und Gesellschaft

"Kampfzone Klassenzimmer"

GEWALT GEGEN LEHRER - „Kampfzone Klassenzimmer“ – so titelte am 09. Mai 2018 die ARD-Sendung „maischberger -die Publikumsdebatte“.

Die Moderatorin berief dabei auf die Anfang Mai vom Verband Bildung und Erziehung (VBE) veröffentlichte Studie "Gewalt gegen Lehrkräfte". Die von forsa im Auftrag des VBE durchgeführte Studie unter 1200 Schulleitern/innen hatte vor kurzem bundesweit hohe Wellen geschlagen.

Denn die Ergebnisse sind brisant: Immer mehr Lehrerinnen und Lehrer werden in der Schule körperlich angegriffen, beschimpft, bedroht oder beleidigt. Sandra Maischberger fragte deshalb auch zu Beginn der Debatte im Ersten: "Was ist los an deutschen Schulen." Zur Sendung waren Schüler, Eltern und Lehrer aus ganz Deutschland eingeladen - unter ihnen auch VBE-Bundesvorsitzender Udo Beckmann. "Bei uns reden heute die, um die es geht", sagte Maischberger - "und wir reden über das, was an den Schulen schief läuft."

Nach der intensiven, von zahlreichen Wortmeldungen und verschiedenen Beiträgen begleiteten Debatte kam heraus: Schulen sind ein Spiegel der Gesellschaft - und die verroht. Das Klima insgesamt sei rauer geworden. Um verstehen zu können, was innerhalb von Schule laufe, müsse verstanden werden, was außerhalb von ihr geschehe. Und: Lehrkräfte haben zu wenig Zeit, um ihre Schüler da abzuholen, wo sie stehen und ihnen das geben zu können, was sie brauchen.

"Ich bin von einem Schüler der achten Klasse mit einer Schere angegriffen worden", erzählt ein Lehrer in einem Beitrag, eine Lehrerin berichtet, als "Schlampe" bezeichnet worden zu sein. Maischberger fragt dann in die Publikumsrunde, wer unter den anwesenden Lehrkräften schon Gewalterfahrung machen musste - es sei kein Massenphänomen, aber es käme schon vor, berichtete ein Grundschullehrer. Allerdings sei die Heftigkeit der Fälle schon erschreckend. Da ist alles dabei von Beleidigen, Beißen oder Treten, teilweise sogar Anspucken.

Weitere Zitate aus Sendung:

"Wir können feststellen, dass es eine hohe Zahl solcher Fälle gibt. Und wir können feststellen, das Thema hat Bestand", führte Udo Beckmann zu Beginn der über 70-minütigen Diskussion aus. Die Palette an dem, was passiere, sei groß. "Das größte Problem der Lehrerinnen und Lehrer sehe ich aber darin, dass sie sich allein gelassen fühlen. Sie erfahren schon Unterstützung vom Kollegium, aber wenig Unterstützung von den Schulbehörden."

Den hohen Anteil der Kinder an Grundschulen - an jeder zweiten deutschen Grundschule kommt es zu Gewaltvorfällen - erklärt sich der VBE-Bundesvorsitzende so: "Wir haben an den Grundschulen in Deutschland derzeit etwa 200.000 Kinder, die in Familien schwer misshandelt werden, wir haben ca. 90.000 Kinder mit emotionalen-sozialen Entwicklungsstörungen. Viele Kinder leiden unter psychischen Beeinträchtigungen, die eine intensive pädagogische Betreuung erforderlich machen oder Beratung bedürfen. Wenn wir das alles zusammenführen und wenn wir sehen, wie sich viele Erwachsene im täglichen Leben verhalten, dann muss es uns nicht wundern, wenn sich das bereits in der Grundschule widerspiegelt."

Ein Schüler, er hatte die Schule im September abgebrochen, bestätigte das "Aggressionspotential" unter Kindern, das er selbst beobachtet habe. Ghettoisierung sei der Nährboden für die steigende Gewalt, so seine Worte. Es gebe einen Investitionsstau von 34 Milliarden Euro im Bereich Bildung. Wenn die entsprechenden Mittel nicht zur Verfügung gestellt werden, auch für die Nachmittagsbetreuung würden Bildungschancen verspielt - "da müssen wir doch ansetzen."

Eine Mutter forderte, auch die "andere" Seite kritisch zu beleuchten. Ihr Kind komme aus der Schule und berichte, der Lehrer hätte es als "Idiot" bezeichnet, auch das sei Gewalt. Tatsache sei, dass "unsere Werte gelitten haben."

Verrohung der Gesellschaft sei ein "ziemliches Problem", meinte auch ein Schüler aus Nordrhein-Westfalen. "Schulen sind ein Spiegel der Gesellschaft."

Eine Schülerin machte den Leistungsdruck der Gesellschaft verantwortlich: Es würden in den Schulen eben keine Werte vermittelt werden. Es drehe sich alles um gute Noten. Schüler arbeiteten daher gegeneinander. "Schule ist ein Wettbewerb."

"Wir lernen für die Klausur, nicht für das Leben", meinte ein anderer Schüler.

Es fehlten außerdem Schulsozialarbeiter und Schulpsychologen - "Lehrer schaffen vieles allein, aber nicht alles", so die Worte einer Lehrerin.

 Viele weitere Aspekte kamen zur Sprache

 In der Sendung wurden noch viele weitere Aspekte beleuchtet, z.B. der Mangel an Grundkenntnissen vieler Schüler, der zu hohe Selektionsdruck oder die nach wie vor zu hohe Zahl der Schulabbrecher. Angerissen wurden auch Themen wie Medikamentenmissbrauch, die Rolle der Eltern, die Klagewut gegen Lehrer, das Phänomen sog. Helikopter-Eltern, Vorurteile gegen Lehrkräfte und welche Auswirkungen die steigende Zahl von Schülern mit Migrationshintergrund auf Schule hat.

Klar wurde Eines: Schule ist ein komplexes System - alles hängt mit allem zusammen. Die Herausforderungen, vor denen Lehrerinnen und Lehrer heute stehen, haben sich geändert. Klar wurde auch: Einer allein kann es nicht schaffen. Nötig sind multiprofessionelle Teams - und mehr Zeit, um gute Beziehungen aufbauen zu können. Denn: Je besser die Beziehungen zwischen allen am Schulleben Beteiligten sind, umso größer die Chance, Konflikte ohne Gewalt zu lösen.

Eine Lehrerin meinte dazu: "Es darf nicht soweit kommen, dass wir keine Zeit mehr haben, in Kinder Zeit zu investieren. Einfach mal zu fragen, wie geht es dir?"

 

Text: Andrea Schwarz