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Ohne Zweifel: Notbetrieb

Die Warnungen des BLLV wurden in den Wind geschlagen. Der Realitätsverlust im Ministerium hat nun zu einer Belastung geführt, die sich mit Corona-Bürokratie und -Maßnahmen zu einem Alltag jenseits des Erträglichen addiert. Zeit für ernsthafte Politik und klare Haltung.

Juli 2019: Als wir vor einem extremen Lehrermangel warnen, schallt es aus dem Kultusministerium: Panikmache! Schon früh im aktuellen Schuljahr wird dann deutlich: Die Unterrichtsversorgung an Grund-, Mittel- und Förderschulen ist akut gefährdet. Insgeheim plant das KM drastische Notmaßnahmen, Anfang 2020 werden sie veröffentlicht: Arbeitszeitkonto, Erhöhung der Altersteilzeit, Beendigung des Antragsruhestands. Der Staat greift massiv in die Lebensplanung vor allem unserer älteren Kolleginnen und Kollegen ein. Der BLLV hält in einer spektakulären, landesweiten Aktion dagegen: „Herr Minister, so nicht!“

Zwei Krisen verstärken gegenseitig ihre Wucht

Und dann Corona: Nach dem Lockdown der Versuch, Unterricht irgendwie möglich zu machen. An normalen Unterricht und Regelbetrieb ist so schnell nicht mehr zu denken. Hygieneplan, Lüftungskonzept, Abstandswahrung, Händewaschen, Koopera- tion mit dem Gesundheitsamt, Maskenpflicht, Distanzunterricht, Risikogruppen und eine ebenso überforderte Schulverwaltung. Das alles bei gravierendem Lehrermangel. Zwei Krisen verstärken gegenseitig ihre Wucht.

Im BLLV haben wir viel diskutiert, den Start des Schuljahres 20/21 abgewartet, Stimmungen und Erfahrungen aus Schulen in ganz Bayern eingeholt. Die Realität an den Schulen vor Ort ist in höchstem Maße alarmierend. Es herrscht ganz eindeutig: Notbetrieb. Und was machen wir Lehrerinnen und Lehrer? Wir retten erneut, was zu retten ist. Wir geben soviel, wie wir sind. Viele von uns opfern buchstäblich ihre psychische und physische Gesundheit. Immer mehr von uns zerbrechen an dieser Last. Warum machen wir nicht einfach Dienst nach Vorschrift? Warum werfen wir nicht alles hin und melden uns krank? Weil vor uns Kinder sitzen, junge Menschen. Und weil wir die Verantwortung für sie und unsere Gesellschaft ernst nehmen. Deshalb stehen wir zu unserer Berufung als Lehrerinnen und Lehrer – auch und gerade in Krisenzeiten.

Es geht um die Deutungshoheit der Schulrealität

Umso beschämender die Reaktion vieler Entscheidungsträger in der Politik auf unseren Notruf im Oktober 2020. Dass Notbetrieb herrsche, wird nicht nur zurückgewiesen, das Gegenteil wird behauptet. Das Schuljahr habe bestens gestartet, verkündet der Kultusminister. Der BLLV müsse als Interessenverband halt so auftreten. Abgeordnete der Regierungsparteien werfen dem BLLV vor, die Realität an den Schulen nicht zu kennen. Wie kommt es zu dieser Leugnung der offensichtlichen Realität an den Schulen vor Ort? Es geht um die Deutungshoheit der Schulrealität. Die politisch Verantwortlichen, die Verwaltungsbeamten und einige Lehrerverbände suggerieren, sie hätten die Schule im Griff, es sei alles gar nicht so schlimm. Den Notstand zugeben, würde ja dem Eingeständnis gleichkommen, dass man etwas versäumt hat und es höchste Zeit ist zu handeln.

Im Kern geht es um Glaubwürdigkeit und Vertrauen. Genau das setzen diejenigen aufs Spiel, die eine sachliche Analyse der Realität verweigern und zugleich unsere Kolleginnen und Kolle- gen bezichtigen zu übertreiben. Das ist tragisch, denn wir haben es mit einem systemisch angelegten Misstrauen zu tun, das das Zusammenwirken aller in dieser Notsituation unterläuft. Die Mes- sage der Realitätsverweigerer ist: „Wir da oben beschreiben die Realität richtig. Ihr da unten habt keinen Überblick. Ihr jammert. Weil ein Lehrerverband ja nie zufrieden sein kann.“ Keine gute Voraussetzung für eine Vertrauenskultur, die wir in der Schule, die wir in der ganzen Gesellschaft so dringend brauchen. Gemeinsam ernsthaft Politik machen – das ist weiterhin gefragt. Der BLLV bleibt dran und zeigt weiterhin Haltung.

 // Simone Fleischmann

Artikel aus der bayerischen schule #6 2020

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Am: 16.11.2020