Rechtsanspruch auf GanztagsbetreuungStartseite

Rahmenbedingungen für guten Ganztag schaffen

Die Bundesregierung plant 2025 den Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung für alle Grundschulkinder – pädagogisch sinnvoll, wenn die Qualität nicht vernachlässigt wird! Bayerische Schulen dafür angemessen auszustatten ist dringend nötig und wird teuer.

Ganztagsschulen – und hier vor allem gebundene – können Kindern und Jugendlichen vielfältige Entwicklungsmöglichkeiten und gute Lernbedingungen bieten. Qualitativer Ganztag geht auf die heterogenen Bedürfnisse und Lebenslagen der Schülerinnen und Schüler ein, sorgt für optimale Bildungschancen und leistet einen Beitrag zu mehr Bildungsgerechtigkeit. Gleichzeitig können Ganztagsschulen den Eltern helfen, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf erfolgreich zu gestalten. „Beim Ausbau des Ganztags bis 2025 muss deshalb der Fokus auf die Qualität gelegt werden“, so BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann. Es bringe nichts, viel Geld in billiges Personal zu stecken, um die Kinder bis 16 Uhr irgendwie aufzubewahren. „Dann ist zwar die Garantie gegenüber den Eltern erfüllt, Qualität aber sieht anders aus. Die einfache Mittagsbetreuung wird dem Bildungsanspruch im reichsten Bundesland nicht gerecht“, so Fleischmann.

Die Situation des Ganztags in Bayern

Unter dem Siegel "Ganztagsschule" verbirgt sich eine große Vielfalt unterschiedlicher Konzepte und Standards. Die Angebote reichen von bloßer Nachmittagsbetreuung bis hin zur gebunden Ganztagsschule mit einem rhythmisierten Wechsel von Unterrichts- und Entspannungsphasen. Die Mehrheit der Bildungsforscher wie auch der BLLV favorisieren diese gebundene Ganztagsschule. „Wo Ganztag draufsteht, ist noch lange nicht echter Ganztag drin. Auch Bayern hat bei der Versorgung noch Nachholbedarf. Vor allem fehlen qualitativ hochwertige gebundene Ganztagsangebote, die für eine ganzheitliche Bildung der Kinder und Jugendlichen immens wichtig sind“, so die BLLV-Präsidentin.

Laut Kultusministerkonferenz wurden im Schuljahr 2017/18 in Bayern 24% der Schülerinnen und Schüler an Grundschulen ganztägig beschult. 7% im gebundenen und 17% im offenen Ganztag. Bundesweit waren es im gleichen Jahr insgesamt 42% der Grundschulkinder, 7% im gebundenen und 35% im offenen Ganztag. Sowohl in Bayern, wie auch in den anderen Bundesländern gab es in den letzten zehn Jahren große Veränderungen bei der ganztägigen Beschulung der Schülerinnen und Schüler in den Grundschulen:

Entwicklung der Grundschulkinder im Ganztag von 2007/08 bis 2017/18 (Quelle: KMK):

 

Was bedeutet ein Ganztagsausbau an Personal und Kosten?

Wie hoch der Bedarf an Ganztagsangeboten im Jahr 2025 letztlich sein wird, lässt sich nicht genau vorhersagen. Der Bund und einige Institutionen wie das Deutsche Jugendinstitut gehen von rund 70% aus. Viele Länder beziffern ihn auf bis zu 90%. Selbst wenn die Ganztagsbeschulung in Bayern „nur“ auf 60% steigen sollte und die staatlichen Zuwendungen beibehalten werden, muss einiges an Personal und Geld investiert werden.

Im Haushaltsjahr 2019 stellt der Freistaat Bayern insgesamt 290,4 Millionen Euro für den Ganztag bereit. 12 Lehrerwochenstunden und zusätzliche finanzielle Unterstützung bekommt eine staatliche Grundschule für eine gebundene Ganztagsklasse. Dazu gibt es zwischen 6.700€ und 11.600€ pro gebundene Klasse. Für kommunale oder private Grundschulen gibt es keine Lehrerstunden, dafür je nach Jahrgangsstufe in der sich die Klasse befindet zwischen 25.800€ und 30.700€ pro Jahr. Auch für offene Ganztagsangebote werden vom Staat keine Lehrerstunden zugewiesen, dafür finanzielle Unterstützung: je nach Träger und Jahrgangsstufe zwischen 25.800€ und 36.200€ pro Jahr.

Je nachdem wie die zusätzlichen Ganztagskinder beschult werden, bedeutet eine Steigerung auf 60% in Bayern mit zwei möglichen Hochrechnungen (ohne weitere Kosten wie z.B. Schulbau):

  • Alle zusätzlichen Ganztagsschüler werden im gebundenen Ganztag beschult. Die Quote beträgt dann: 43% gebunden und 17% offen (wie bisher). D.h. es wären statt 106.000 Schülern nun 261.000 im Ganztag (+155.000, alle in den gebundenen Ganztag rein). Das würde zusätzlich 380 Millionen Euro kosten (274 Mio. € für insgesamt 3.176 neue Lehrkräfte und 106 Mio. € an zusätzlicher finanzieller Unterstützung durch Staat und Kommunen)
  • Die bisherige Relation von gebunden zu offen wird beibehalten. Die Quote beträgt dann: 17,5% gebunden und 42,5% offen (=60% insgesamt). D.h. es wären wiederum statt 106.000 Schülern nun 261.000 im Ganztag (+155.000, davon kämen jedoch 54.500 in den gebundenen Ganztag rein und 110.500 in den offenen). Das würde zusätzlich 265 Millionen Euro kosten (80 Mio. € für insgesamt 926 neue Lehrkräfte für den gebundenen Ganztag und 185 Mio. € an zusätzlicher finanzieller Unterstützung durch Staat und Kommunen für den gebundenen und offenen Ganztag)

Schulen müssen gut ausgestattet werden

Damit Ganztagsschulen die Chancen auf eine moderne Lernkultur nutzen und zum Lebensort für alle Beteiligten werden können, benötigen sie die dafür erforderlichen zeitlichen, personellen, finanziellen und räumlichen Rahmenbedingungen. Nur so können pädagogisch überzeugende Konzepte für eine lerngerechte Rhythmisierung auch tatsächlich vor Ort umgesetzt werden. „Wir brauchen für unsere Schulen klare und verbindliche Investitionszusagen von Seiten der Politik. Nur so können wir einen qualitativ hochwertigen Ganztag aufbauen“, so Simone Fleischmann.

Konkrete Vorstellungen davon, was gelungener Ganztag an Zeit, Personal und Kosten bedeutet, hat der BLLV in der Expertise „Zeit für Bildung – gerecht.investieren“ aufgezeigt und bei der 54. Landesdelegiertenversammlung Ende Mai in Würzburg in einem Positionspapier beschlossen. Dazu gehören unter anderem:

  • Erhöhung der Lehrerstunden und der Zuwendungen für gebundene und offene Ganztagsangebote.
  • Dynamisierung der Zuschüsse für externes Personal. Damit die Bildungsqualität aufgrund der hohen Fluktuation des Personals in der Ganztagsbetreuung nicht in Gefahr gerät, muss künftig bei der pauschalierten Zuweisung von Mitteln für die Ganztagsbetreuung eine jährliche Erhöhung vorgesehen werden. Neben den Lohnsteigerungen durch die Tarifabschlüsse müssen auch die steigenden Kosten durch Höherstufung bei mehrjähriger Beschäftigung des gleichen Personals angemessen berücksichtigt werden.
  • Bedarfsgerechter Ausbau des Ganztags bis zum Schuljahr 2026/27 auf 60 %.

Für die Umsetzung dieser Maßnahmen sind nach Berechnungen des BLLV in den nächsten zehn Jahren Steigerungsraten in Höhe von jährlich 551 Stellen erforderlich. Das entspricht einer jährlichen Erhöhung des Bildungshaushalts um 125,3 Millionen Euro. Diese jährliche Steigerung würde einen qualitativen und quantitativen Ausbau der Ganztagsmaßnahmen ermöglichen. Das ist viel Geld, aber es ist leistbar. Deutschland ist eine der reichsten Volkswirtschaften und eines der stabilsten Länder der Welt. Bayern ist geprägt von einer prosperierenden Wirtschaft. Wenn sich ein Land ein modernes Bildungssystem leisten kann, dann dieses. Und von einem gelungenen Ganztag profitieren letztlich alle: Kinder, Eltern, Lehrerinnen und Lehrer, Wirtschaft und Staat.

Position des Bundesjugendkuratoriums


Quantitativer Ausbau reicht nicht

Kindgerechte Gestaltung statt bloßer Betreuung

Das Bundesjugendkuratorium benennt in einem "Zwischenruf" notwendige Rahmenbedingungen und Standards, die zu erfüllen sind, damit eine kind- und altersgerechte Ausgestaltung der Angebote der Ganztagsbetreuung gelingt ...
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