Lehrergesundheit - Burnout Service

Risikofaktor fehlende Wertschätzung

Jeder dritte Lehrer ist burnout-gefährdet. Warum das so ist, erklärt Psychotherapeutin Dr. Anke Pielsticker*. Sie rät, frühzeitig professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen und keine Angst vor beruflichen Konsequenzen zu haben. Diese seien häufig unbegründet.

Psychische Erkrankungen sind ein Tabuthema.
Warum? Sie sind nach wie vor mit dem Problem der Stigmatisierung behaftet. Viele Menschen verbinden psychische Erkrankungen noch immer mit persönlichem Versagen und befürchten, von der Gesellschaft nicht mehr anerkannt zu werden.

Sind psychische Probleme tatsächlich auf persönliches Versagen zurückzuführen?
Nein. Für die Entwicklung von psychischen Erkrankungen gibt es verschiedene Gründe. So können zum Beispiel Depressionen durch im Elternhaus erlernte innere Einstellungen bedingt sein, etwa es immer allen Recht machen zu wollen und dabei eigene Bedürfnisse zu vernachlässigen. Es kommen auch genetische Dispositionen in Frage und krankmachende Umstände. Belastungen durch Schulstress müssen aber nicht zwangsläufig in eine Depression münden, sondern können auch zu Angstzuständen oder psychosomatischen Beschwerden führen.

Worin unterscheiden sich Burnout und Depression voneinander?
Ein Burnout ist eine ernstzunehmende Störung, aber strenggenommen keine klinische Diagnose. Es handelt sich um ein Syndrom von Beschwerden, die in engem Zusammenhang mit dem Arbeitsplatz stehen. Mit dem Burnout-Syndrom verbunden sind eine chronische emotionale Erschöpfung, das Gefühl ausgebrannt und nicht mehr leistungsfähig zu sein sowie eine innere Abneigung gegenüber Schülern. Typische Kennzeichen einer Depression sind hingegen eine dauerhaft gedrückte Stimmung und die Unfähigkeit, sich freuen zu können. Zudem ist das Selbstwertgefühl fast immer beeinträchtigt. In schweren Fällen können auch Suizidgedanken auftreten. Nicht hinter jedem Burnout-Syndrom steckt eine Depression, aber es besteht die Gefahr, dass man eine Depression entwickelt.

Sind Lehrkräfte besonders gefährdet für psychische Erkrankungen?
Das ist sicher so. Bei ungefähr ein Drittel der Lehrer besteht die Gefahr, dass sie ein Burnout-Syndrom entwickeln. Der wichtigste Risikofaktor ist geringe oder fehlende Wertschätzung im Beruf. Ein ebenso bedeutsames Risiko stellt eine hohe Beanspruchung bei nur geringem Gestaltungsspielraum dar. Außerdem begünstigen bestimmte Verhaltensmuster und Einstellungen die Entwicklung einer Erkrankung, etwa eine hohe Aufopferungsbereitschaft und Perfektionismus Das wiederum führt zu hohem Arbeitseinsatz. In der Folge können sich die Betroffenen nur noch wenig vom Schulalltag distanzieren, gönnen sich zu wenig Erholung, pflegen weniger private Beziehungen und erleiden einen Burnout. Gerade Lehrer sind gefährdet, eine perfektionistische Arbeitshaltung zu entwickeln.

Warum?
Sie sind ständig Bewertungen ausgesetzt - von Kollegen und Chefs, vor allem aber von Schülern und Eltern. Eltern üben oftmals sehr unverblümt und offen Kritik an Lehrern. Das fürchten viele Lehrer und wollen deshalb die Dinge besonders gut machen. Vor allem Junglehrer stehen unter Druck. Sie müssen sich besonders oft durch Vorgesetzte beurteilen lassen.

Kann man lernen, mit dieser Vielzahl an oft widersprüchlichen Bewertungen und Ansprüchen umzugehen?
Man kann eine gewisse Gelassenheit entwickeln, indem man ein gesundes Selbstwertgefühl an den Tag legt und sich in seinem Selbstverständnis ein bisschen unabhängiger macht von den Bewertungen anderer. Dafür muss man sich ein Stück weit mit sich selbst auseinandersetzen und weniger mit den äußeren Umständen. Sie sind meist nicht so einfach zu verändern.

Aus Angst, berufliche Nachteile zu erleiden, nehmen Betroffene oft nicht rechtzeitig professionelle Hilfe in Anspruch. Ist diese Angst berechtigt?
Ich habe solche Befürchtungen bislang als nicht berechtigt erlebt. Durch die Verbeamtung ist der Lehrerberuf ein sicherer Beruf. Ich rate allerdings, im Kollegenkreis nicht offen darüber zu sprechen, weswegen man krankgeschrieben ist.

Ganz anders stellt sich Situation bei Junglehrern dar. Sie stehen unter besonderem Druck. Steht eine psychische Erkrankung einer Verbeamtung entgegen?
Eine vorausgegangene oder aktuelle Psychotherapie muss nicht automatisch dazu führen, dass jemand nicht verbeamtet wird. Das hängt letztlich immer stark vom Ausmaß der Erkrankung ab. Allerdings sind die Hürden für eine Verbeamtung zugegebenermaßen sehr hoch. Wenn jemand nach einer Therapie auch langfristig als geheilt eingestuft wird, und das einem ein Therapeut durch ein Attest bestätigt, kann das unter Umständen gewürdigt werden. Solche Fragen sollte aber ein Jurist beantworten.

Warum ist eine frühzeitige Behandlung wichtig und sinnvoll?
Weil man so die Entwicklung von schwereren Störungen verhindern kann. Je länger eine Symptomatik anhält, desto schwieriger ist die Heilung. Als Therapeutin kann ich nur dazu raten, die Sorge um die Verbeamtung hintanzustellen und sich unbedingt helfen lassen, wenn das aus medizinischer Sicht notwendig ist.

Wo kann man sich als erstes hinwenden, wenn man Anzeichen einer Erkrankung an sich entdeckt?
Wir bieten im BLLV Beratungsgespräche an, in denen wir über die Symptomatik aufklären und wie sie einzuordnen ist. Sie können auch zu einem niedergelassenen Psychotherapeuten oder Psychiater gehen. Ein Psychiater ist ein Facharzt, der sich um die Akutversorgung kümmert. Bei Psychotherapeuten besteht für verbeamtete Kollegen im Rahmen der Beihilfe die Möglichkeit sogenannte probatorische Sitzungen zu machen. Das sind diagnotische Sitzungen, die einer Psychotherapie vorausgehen.

Was zeichnet seriöse Psychotherapeuten aus und wie findet man sie?
Jemand sollte über eine Approbation verfügen. Damit ist er per se ein Psychologe oder ein Arzt. Zudem hat er eine Zusatzausbildung als Psychotherapeut absolviert. Qualifizierte Psychotherapeuten findet man über die Online-Suchdienste der Kammern, der Psychotherapeutenkammer und der Ärztekammer.

* Dr. Anke Pielsticker ist Diplom-Psychologin und Psychotherapeutin. Sie berät Lehrkräfte im Fragen zur psychischen Gesundheit im Auftrag des BLLV-eigenen Instituts für Gesundheit in pädagogischen Berufen (IGP).