Befragung des BLLV-Oberbayern zu Selbsttests 05.05.2021 ThemenCoronatest

Schulpflicht à la carte

Wie hoch sind eigentlich die Zahlen der Kinder, die sich nicht testen lassen? Die Fachgruppe Schulleitung beim BLLV-Oberbayern hat nachgefragt und interessante Ergebnisse erhalten.

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Die Schulleiter des Landes sind mittlerweile Kummer gewöhnt. War es schon bislang so, dass man oft im Wochentakt neue Beschulungsformen kreiert und organisiert hat – vom Präsenz- über den Wechsel- hin zum Distanzunterricht, so haben wir seit Ostern nochmals eine nicht mehr für möglich gehaltene Steigerung der Wahlmöglichkeiten erreicht. Warum?

Sie sind schon Teufelskerle, die Juristen am Kultusministerium. Man sollte Ihnen den Innovationspreis für die Quadratur des Kreises verleihen. Nachdem es wohl nicht möglich war, die von der Politik lautstark erhobene Forderung einer Testpflicht für alle Schülerinnen und Schüler zu definieren, muss einem findigen Geist eingefallen sein, dass es auch anders geht. Wie wäre es, wenn man sagt, dass es gar keine Testpflicht gibt, sondern nur den Besuch in der Schule erlaubt, wenn man sich testen lässt bzw. einen negativen Test präsentiert?Wie bitte, dann haben ja die Testverweigerer gar keinen Unterricht? Das kommt doch einer Testpflicht gleich? Aber nein, wir haben ja auch noch den bewährten und immer besser laufenden Distanzunterricht. Den können dann all die Kinder besuchen, die sich nicht testen lassen wollen. Genial! Dann haben wir so zu sagen alle Beschulungsformen auf einmal. Erinnert an eine bekannte Werbung: Drei Wünsche auf einmal – das geht nun wirklich nicht…

Dieser Coup der bayerischen Staatsregierung nach dem bewährten Dreiklang: Entscheiden – Erschrecken – Nachdenken beschert den Schulleitern immenses Kopfzerbrechen, den in realiter haben wir seit der Einführung der Quasi-Testpflicht für Schülerinnen und Schüler seit dem 12. April 2021 de facto eine Schulpflicht à la carte in Bayern im Stile Robert Lemkes berühmter Sendung "Welches Schweinderl hättens denn gern?".

In dem Schreiben vom 9. April heißt es dazu:

„Schülerinnen und Schüler, die kein negatives Testergebnis vorweisen können und nicht zur Durchführung eines Selbsttests in der Schule bereit sind, …, erfüllen ihre Schulbesuchspflicht durch die Wahrnehmung von Angeboten im Distanzunterricht bzw. im Distanzlernen; ein Anspruch auf bestimmte Angebote besteht nicht.“

Neben den Testverweigerern haben wir aber auch noch die Gruppe der Kinder, die die Schule aus individuell empfundener Gefährdungslage nicht besuchen.

Nun haben wir also Klassen, die in Präsenz unterrichtet werden, einzelne Kinder werden zu Hause mit Materialien versorgt. Andere nehmen per Livestream am Unterricht teil. Manche werden zusätzlich am Nachmittag von den Lehrkräften online versorgt, manche am Telefon beraten. Einige sind gar nicht erreichbar. Es kommt schon so weit, dass sich Lehrkräfte hohe Inzidenzzahlen wünschen, weil man dann alle gemeinsam im Distanzunterricht versorgen kann, ohne dass es einen förmlich zerreißt.

Diese Gemengelage an sich ist schon eine Herausforderung. Hinzu kommt jedoch, dass sich der Gesamtkomplex „Corona“ mittlerweile zu einer hochexplosiven Thematik entwickelt hat. In der öffentlichen Diskussion erfolgt eine Art der unversöhnlichen Polarisierung, die einem schon Angst machen kann. Mittendrin sind die Schulen, die sich hier kaum erwehren können. Drohmails, Hasstiraden, persönliche Anfeindungen nehmen zu. Anwaltsschreiben und Gerichtsurteile fliegen einem um die Ohren.

Im besonderen Fokus stehen die 4. Klassen. Ist der Übertritt an sich schon eine sehr intensive Zeit, die an den Nerven aller Beteiligter zerrt, so erreicht die allgemeine Verunsicherung heuer nie da gewesene Sphären. Wie viele Leistungsnachweise können geschrieben werden? Sind die Kinder gut für die kommende Schulzeit vorbereitet? Wie gehen wir mit Testverweigerern um? Und wir erleben ein völlig neues Phänomen: Eltern spekulieren mit den bereits eingebrachten Noten für den Übertritt und gestalten die Schulpflicht a la carte:

Reichen die Noten für den Übertritt, werden die Kinder nicht mehr getestet und sie können so an keinen weiteren Leistungsnachweisen mehr teilnehmen. Andere wiederrum wollen sich nicht testen lassen, kommen aber zu den angekündigten Probenterminen mit Schnelltestergebnissen und verlassen die Schule direkt nach dem Leistungsnachweis. Wieder andere kommen nur Mittwoch und Freitag, aber nicht Montag, weil man am Sonntag keinen Test machen konnte. Sicher gibt es noch andere Varianten.

Doch wie hoch sind eigentlich die Zahlen der Kinder, die sich nicht testen lassen? Die Schulen müssen diese Zahlen zwar erheben, man hört aber nichts darüber aus dem Ministerium. Daher hat die Fachgruppe Schulleitung beim BLLV-Oberbayern mal bei den Schulen nachgefragt und interessante Ergebnisse erhalten.

Gefragt wurde nach den Schülerinnen und Schülern, die an sich in KW 15 in Präsenz- oder Wechselunterricht die Schule besuchten. Etwa 250 Schulen haben daran teilgenommen: Von 28979 gemeldeten Kindern verweigerten 2948 Selbsttests bzw. Schnell- oder PCR-Tests. Das bedeutet, dass etwa 10% nicht die Schule besuchen, obwohl dies möglich wäre. Wir sprechen also nicht von ein paar wenigen Kindern, sondern von tausenden! Das ist alarmierend und zeigt, vor welchen fast nicht lösbaren Herausforderungen die Schulen stehen. Sie können nicht zugleich die Kinder in Präsenz unterrichten und die Kinder zuhause so fördern, dass sie auf dem gleichen Stand sind – einem Stand, der auf Grund der Unterrichtssituation seit März 2020 den Jahren zuvor zum Teil eklatant hinterherhinkt. Bildungsgerechtigkeit ist somit nur noch eine hohle Phrase. Und bitte: Die Schulen können dies nicht mehr bewältigen, schon gar nicht mit einem immer knapper werdenden Personal.

Interessanterweise hat das Ministerium mittlerweile zweimal abgefragt, wie viele Tests an bestimmten Stichtagen durchgeführt wurden (zuletzt am 30.04.). Gefragt wurde aber nicht, wie viele Kinder an diesem Tag die Schule nicht besucht haben, weil sie sich der Testerei entzogen haben. Stattdessen wurde erhoben, wie viele Kinder denn ohne Test in die Schule kamen (bzw. sich nicht testen lassen wollten) und deshalb nach Hause geschickt werden mussten. Wie bitte? Diese Frage wäre vielleicht an den ersten paar Tagen nach Ostern interessant gewesen, aber nicht Wochen später. Welche Vorstellungen kursieren denn da an der Salvatorstraße? Dass seit drei Wochen jeden Tage Schülerinnen und Schüler in die Schule pilgern, um dann nach einer Testverweigerung wieder nach Hause geschickt werden? Man will ja nicht ausschließen, dass es so was geben kann. Plausibel ist es nicht.

Eine weitere Frage beschäftigte sich mit der Anzahl von Selbsttests an der Schule. Hier gaben fast 99% an, dass diese Tests ausreichend zur Verfügung standen. Das zumindest klappt.

Auch Maskenverweigerer spielen keine so große Rolle, wie man der medialen Aufbereitung zufolge glauben könnte. Von mehr als 56000 erhobenen Schülerinnen und Schülern verweigerten 304 eine Mund-Nase-Bedeckung.

Allerdings sind es nicht immer nur die absoluten Zahlen, die Sorge bereiten. Fast jede Schule berichtet von Widersprüchen, Forderungen nach Unterlassung oder gar Klagen hinsichtlich der Maskenpflicht oder der Selbsttestung. Dass dies für die Schulleitungen eine mehr als belastende Situation darstellt, ist offensichtlich.

Daraus ergeben sich klare Forderungen an die Politik.

  • Die Schulen benötigen konkrete Hilfestellungen, um Widersprüchen, Haftungsandrohungen und Klagen besser begegnen zu können;
  • Wir erwarten, dass unser Dienstherr konsequent die Lehrkräfte und Schulleiter vor Anfeindungen und Hasstiraden in Schutz nimmt;
  • Wir fordern eine Klarstellung, dass bei Wechsel- oder Präsenzunterricht kein gleichwertiger Distanzunterricht für Testverweigerer möglich ist;
  • Wir fordern mehr Flexibilität beim Testen, um die immense Zahl der Kinder zu verringern, die die Schule nicht besuchen können;
  • Dieses Jahr zeigt: Der Übertritt ist eine Farce und muss künftig daher in die Verantwortung der Eltern gegeben werden.

Der BLLV nimmt sich ebenfalls dieser Themen an und unterstützt die Schulen durch eine kontinuierliche Weiterentwicklung der Broschüre „BLLV Sonderinfo Corona“. Wir bleiben auch am Ball und werden nicht müde, unsere Vorstellungen gegenüber der Politik vehement einzufordern.

// FG Schulleitung im BLLV Oberbayern: Markus Rewitzer und Michael Betz

>> Zur Befragung (pdf)