Medienpädagogik - Auszug aus der bs 2/2017Digitalisierung

"Unsere Schüler brauchen Bildkompetenz"

Religion ist heutzutage mehr in digitalen Medien zu finden als in Kirchen – zu dieser Erkenntnis gelangte Bojan Godina, als er nach seinem Erststudium der Theologie unter anderem als Schulpastor arbeitete. Seither hat er sich als Verhaltensforscher und Medienpsychologe auf Medienethik spezialisiert. Im Gespräch mit der bs erklärt er, wie man dem Druck einer milliardenschweren Industrie begegnen kann – schon im Kindergarten.

Herr Godina, die bayerische Staatsregierung versucht, digitale Technik und digitales Kow How an die Schulen zu bringen, Sie versuchen Medienethik an die Schulen zu bringen. Warum braucht es die?

Wir müssen die digitale Welt, in der die Kinder nun mal leben, in Einklang bringen mit ihren ethischen Werten und Überzeugungen ...

... Moment! Kinder haben ethische Werte und Überzeugungen - ist das nicht arg gut gemeint?

Es ist erforscht. Auch selbst habe ich viele Tests mit Jugendlichen gemacht, sie zum Beispiel moralische Dilemmata lösen lassen. Es mag erstaunlich klingen, aber es kommt immer die gleiche Struktur heraus. Diese Struktur habe ich auch in interkulturellen Forschungen entdeckt. Sie scheint vorgeburtlich angelegt zu sein. Menschenrechtsphilosophen gehen heute davon aus, dass es einen common sense, eine universelle - wenn auch minimale - Moral gibt.

Dann bräuchte es ja erst recht keine Medienethik.

Doch, damit diese innere Moral nicht verschüttet wird. Das Problem ist: Die Medienwelten sind heute viel realistischer als vor 20, 30 Jahren. Sie wirken umso stärker. Nehmen Sie eines der weltweit erfolgreichsten Computerspiele, Grand Theft Auto. Die fünfte Folge hat innerhalb von drei Tagen eine Milliarde US-Dollar eingespielt. Darin sind hyperrealistische Folterszenen mitzuerleben, das Spiel wird damit sogar beworben. Da kann ich nur sagen: Die Medien und auch die Kommunikation in den sozialen Netzwerken dürfen kein wertfreier Raum sein. Da muss die Ethik rein.

Aber nicht alle Spiele sind derart gewalthaltig, und längst nicht alle Jugendlichen spielen so etwas.

Statistisch gesehen verbringen die 12- bis 25-Jährigen 114, die 15-17- Jährigen Jungs sogar 159 Minuten pro Tag mit Videospielen. Aber natürlich spielen nicht alle Individuen dieser Altersgruppe. Und nicht alle spielen das selbe. Manche schauen sich lieber Horrorfilme an, andere sehen Wissenssendungen ...

... sicher nicht die Mehrheit ...

...natürlich nicht. Das Spannendste in der digitalen Welt sind die Videos, die rumgeschickt werden, die Youtube-Szene, aber eben auch moralisch bedenkliche Computerspiel- und Internetformate. Und das Fernsehen? Es gibt jede Menge beliebter Fernsehformate, die nicht gerade der Persönlichkeits-entwicklung dienen, die verdummen. Sitcoms oder Scripted Reality-Formate wie Polizei- und andere Quasi-Reportagen. Auch da vermischen sich Wirklichkeit und Fiktion. In diesen Quasi-Dokus wird meist nur das Schlechte im Menschen wachgerufen und eben nicht das Wohl des Menschen, so wie es die Menschen- und Kinderrechte beschreiben.

Schon im Kindesalter erregt es unsere Aufmerksamkeit, wenn irgendwo was Schlimmes passiert, etwas Ekliges, Asoziales. Es geht nicht nur um Killer- spiele. Diese Reize zu bedienen ist relativ leicht und garantiert hohe Einschaltquoten und damit Einnahmen. Interessante, kreative und werteorientierte Formate in Computerspielen oder Filmen zu entwickeln, bedarf in der Entwicklung sicherlich mehr Anstrengung, Zeit, und systemisch-soziale Intelligenz.

Warum sind diese Formate so beliebt?

Weil Menschen eben auf die Erhöhung gerade der negativen Reize leicht ansprechen. Schon im Kindesalter erregt es unsere Aufmerksamkeit, wenn irgendwo was Schlimmes passiert, etwas Ekliges, Asoziales. Es geht nicht nur um Killer- spiele. Diese Reize zu bedienen ist relativ leicht und garantiert hohe Einschaltquoten und damit Einnahmen. Interessante, kreative und werteorientierte Formate in Computerspielen oder Filmen zu entwickeln, bedarf in der Entwicklung sicherlich mehr Anstrengung, Zeit, und systemisch-soziale Intelligenz. Am einfachsten erzeugt man Aufmerksamkeit, wenn man negative Reize steigert. Es geht um Wirtschaft, und deshalb um Einschaltquoten und Umsätze, alles andere ist aus wirtschaftlicher Sicht zunächst zweitrangig. Wenn man das nicht versteht, dann versteht man auch nicht, warum das problematisch ist. An diesem Punkt muss man aufklären - auch die Lehrer.

Was erwarten Sie von Schule?

Heute müssen die Kinder einen Fahrradführerschein machen, und wenn ich als Erwachsener einen Baum fällen will, brauche ich einen Führerschein für die Motorsäge. Aber wo lernen wir, wie wir fernsehen, wie wir Computer nutzen, wo die Fallen bei Smartphones sind? Es kann doch nicht wahr sein, dass wir so wenig über Medien wissen, mit denen wir mehr als neun Stunden täglich verbringen, und deren Inhalte zum großen Teil so von den Experten gestalten werden, dass sie uns fesseln und sogar süchtig machen. Konsumentenpsychologen, Designer, viele Filmemacher sind Experten auch in der Manipulation unserer Sehnsüchte.

Was sollten wir denn genau wissen?

Ich habe versucht zu zeigen, dass es eine Wesensstruktur gibt, die überall zu entdecken ist: zum Beispiel die transzendente Identität, die versteckt eingebaut wird. In Harry Potter wird sie durch die Zauberereltern vermittelt, aber auch in anderen erfolgreichen Filmen und Computerspielen bin ich was Besonderes, habe ich magische Kräfte, lebe ich in Vollkommenheit, kann Dinge tun, die es in unserer Welt nicht gibt. Sogar Erlöser-Szenarien gibt es in fast jedem erfolgreichen Hollywoodfilm. In 70 bis 90 Prozent der Erfolgsschlager je nach Medienformat kann ich transzendente Wesensstrukturen nachweisen.

Das vollständige Interview finden Sie in der bayerischen schule 2/2018