Reform des bayerischen Gymnasiums

Wie muss das reformierte Gymnasium der Zukunft gestaltet sein? Der BLLV fordert in seinem Konzept einen schlankeren Lehrplan für mehr Zeit zum Vertiefen, fächerübergreifendes, kompetenzorientiertes Lernen und eine neue Prüfungskultur. In der Lehrerbildung müssen Pädagogik, Psychologie und Didaktik gestärkt werden.

Was ist los mit dem Gymnasium?

  • Das Gymnasium leidet an der Verdichtung des Stoffes. In zu vielen getrennten Fächern werden zu viele Inhalte in zu kurzer Zeit behandelt. Der Stoff wird oft nur oberflächlich gelernt, aber nicht durchdrungen und nachhaltig behalten.
  • Das Gymnasium leidet an seinem überhöhten Fachlichkeitsanspruch Oft wird ein und dasselbe Thema in verschiedenen Fächern zu unterschiedlichen Zeitpunkten behandelt. So können Schüler Zusammenhänge nicht erkennen.
  • Das Gymnasium leidet unter an einem Mangel an persönlicher Beziehung Erfolgreiches Lernen beruht auf einer positiven Beziehung zwischen Lehrern und Schülern. Der Aufbau stabiler Beziehungen wird durch die hohe Zahl an Schülern pro Klasse und die wenigen Stunden pro Woche erschwert.
  • Das Lernen im Gymnasium leidet unter zu hohem Prüfungsdruck Für viele Schülerinnen und Schüler führen die enge Taktung, die Stofffülle und die Prüfungsdichte zu einem erheblichen Druck. Für das Üben fehlt die Zeit, Lehrkräfte erleben sich als Beurteiler. Das belastet das Verhältnis zu Schülerinnen und Schüler ebenso wie zu Erziehungsberechtigten.
  • Die Errungenschaften des G8 müssen erhalten bleiben Nicht alles am G8 ist schlecht. Eine Reform des G8 muss die positiven Elemente, die sich bewährt haben, erhalten und weiterentwickeln.
  • Die Reform des Gymnasiums darf nicht auf Kosten der anderen Schularten erfolgen Alle Schulen brauchen Entschleunigung und eine Individualisierung des Lernens – nicht nur das Gymnasium. Dazu bedarf es zusätzlicher Ressourcen für alle Schularten.

Das Gymnasium der Zukunft braucht mehr Vertiefung, mehr Reflexion, mehr Analyse – also mehr gymnasiale Bildung. Das ist weniger eine Frage der Schuljahre als des Unterrichts, der Fächerstruktur und der Lehrplankonzeption

Was muss anders werden?

1. Überarbeitung des Lehrplanentwurfs hin zu einem echten Lernplan

  • Die Lehr- und Lerninhalte müssen weiter gekürzt werden Der Stoff muss auf exemplarische Inhalte begrenzt werden, mit denen Schüler sich vertieft und vernetzt beschäftigen, um kategoriales Wissen und Kompetenzen aufbauen zu können.
  • Der Lehrplan muss sich an entwicklungspsychologischen Erkenntnissen ausrichten Abstrakte Inhalte werden immer noch in Jahrgangsstufen behandelt, in denen Schülerinnen und Schüler sie entwicklungspsychologisch bedingt noch nicht aufnehmen können.
  • Die Fächer müssen miteinander vernetzt werden Kategoriales Wissen können sich Schülerinnen und Schüler am besten in fächerübergreifenden Projekten mit konkretem Bezug zur Lebenswelt aneignen. Das Curriculum muss fächerübergreifend entwickelt werden.

2. Erweiterung des Lern- und Leistungsbegriffs

  • Wir brauchen ein neues Bewertungssystem durch regelmäßige Rückmeldungen über den Leistungsstand. Dieses stellt das Entwicklungspotenzial eines jeden einzelnen Schülers in den Mittelpunkt, benennt Stärken sowie Schwächen und unterbreitet Fördermöglichkeiten.

3. Weiterentwicklung der Lehreraus- und -weiterbildung

  • Im Lehramtsstudium sollte es ein erziehungswissenschaftliches Kerncurriculum für Lehramtsstudiengänge aller Schularten geben - auch für das Gymnasium.
  • Das Studium muss sich in Theorie und Praxis stärker am Berufsfeld orientieren. Es sollten mehrere wissenschaftlich und selbstreflexiv begleitete Praxisphasen angeboten werden.
  • Das Referendariat muss in erster Linie auf die Bedürfnisse der Ausbildung und nicht auf die Sicherstellung der Unterrichtsversorgung ausgerichtet sein.

4. G8 oder G9 oder Mittelstufe plus?

Die Verlängerung des Gymnasiums kann echte Reformen nicht ersetzen. Sie ist eine Möglichkeit, die Rahmenbedingungen zu verbessern.

Die Einführung der Mittelstufe plus nutzt genau diese Chance auf eine Erneuerung nicht. Der BLLV unterstützt dann eine Rückkehr zum G9, wenn sie bewusst für eine Weiterentwicklung der pädagogischen Arbeit und des Unterrichts genutzt wird.

Was kann konkret getan werden?

1. Lehrplan

  • Reduzieren der Themenzahl, um die einzelnen Inhalte gründlicher behandeln und vernetzen zu können
  • Alterspassung und Orientierung an entwicklungspsychologischen Erkenntnissen
  • Mehr Themenorientierung, weniger Inhaltsüberfrachtung
  • In den Fremdsprachen in der Unterstufe weg vom Fokus auf Grammatik und einem zu umfangreichen Vokabelpensum und Entschärfung der sehr steilen Stoffprogression

2. Fächerstruktur

  • Reduzieren der verschiedenen Fächer in einer Jahrgangsstufe, z.B. durch Projektfach in der Mittelstufe mit Jahresthemen, die Inhalte aus den Sachfächern vernetzen und bündeln
  • Natur und Technik als echter Fächerverbund in 5-7
  • Gesellschaftspolitischer Fächerverbund
  • Zeitfenster für außerschulisches Lernen (Praktika, Austausch, Exkursionen), die nicht mit parallel laufendem Fachunterricht kollidieren

 

3. Oberstufe

  • Beibehaltung der W- und P-Seminare
  • 4-Fächer-Abitur mit zwei verpflichtenden Prüfungen aus dem Bereich Deutsch/Mathematik/Fremdsprache (Mindestanforderung der KMK)

4. Individuelle Förderung

  • Fortentwicklung der Intensivierungsstunden zu stärker individualisierten Angeboten
  • Systematische, qualifizierte und zusätzliche Sprachförderung für Kinder, insbesondere bei Migrationshintergrund
  • Coaching für Schüler (Lernstrategien, Zeitmanagement usw.) als integraler und praktizierter Bestandteil des Curriculums
  • Ausbau der Individuellen Lernzeit
  • Einstieg in Team-Teaching ermöglichen

5. Prüfungskultur

  • Grundsätzlicher Verzicht auf unangekündigte Leistungsnachweise
  • Stärkere, verbindliche Trennung von Lern- und Prüfungssituationen
  • Stärkung und Förderung alternativer Prüfungsformen (z.B. Portfolio)
  • Bereitstellen von Zeitressourcen für individuelle, förderorientierte Diagnostik

6. Lehrerbildung

  • Ausbau der Studieninhalte in Pädagogik, Psychologie und Didaktik durch maßvolle Reduktion der fachwissenschaftlichen Studieninhalte in den Unterrichtsfächern
  • Mehrere wissenschaftlich und selbstreflexiv begleitete Praxisphasen während des Studiums
  • Überbrücken der Kluft zwischen Wissen und Handeln in der Lehrerbildung durch konsequente Orientierung an handlungsorientierten Methoden
  • Orientierung der Studieninhalte auch an fächerübergreifenden Anforderungen
  • Vermittlung von Kenntnissen und Kompetenzen im Umgang mit psychischen Störungen, mit Inklusion, alternativen Prüfungsformen und förderorientierter Diagnostik

Flyer zur Reform des Gymnasiums (2015)