Hauptsache Erfolg

Noten sind der objektive Gradmesser von Leistung – diese Behauptung ist so falsch wie hartlebig. Noten dienen der Selektion und damit der Festschreibung sozialer Unterschiede. Fragwürdig bleibt, was sie tatsächlich messen. Ein Essay über Mythos und Wirklichkeit des schulischen Leistungsbegriffs. 

Ein Essay von Fritz Schäffer*- erschienen in der Bayerischen Schule 5/2017

Der PISA-Schock offenbarte es: Das bis dahin als vorbildlich geltende deutsche Bildungssystem erzielt zu geringe Leistungen und ist obendrein sozial ungerecht. Beide Defizite lassen sich auf dieselbe Ursache zurückführen: Das falsche und verkürzte Verständnis von Leistung in der Schule.

In der Physik versteht man unter Leistung die pro Zeiteinheit vollbrachte Arbeit. Arbeit wiederum ist das Produkt aus der aufgewandten Kraft und dem Weg, in dessen Richtung diese Kraft wirkt. Daran angelehnt können wir Leistung im Humanbereich definieren als die Anstrengung, die man, bezogen auf einen Gütemaßstab, aufwenden muss, um ein Ziel zu erreichen.

Leistungsbegriff aus der Physik entlehnt

In der Physik ist der Gütemaßstab der Leistung immer die benötigte Zeit. Humane Leistung aber kann auch auf ganz andere Gütemaßstäbe bezogen werden. Diese einfache Tatsache wird jedoch in der immer wieder auflodernden Dis kussion um einen angeblichen Leistungsverfall überhaupt nicht thematisiert. Als erstes muss doch gefragt werden, auf welche Ziele sich diese Leistung bezieht. Organisierte Kriminalität zum Beispiel ist häufig ausgesprochen leistungsfähig. Deren Leistung wird man gleichwohl kaum als anzustrebendes Ideal ansehen. Wer über Leistung nachdenkt, muss sich also immer zuerst fragen, welches Ziel mit dieser Leistung überhaupt erreicht werden soll.

In unserer Gesellschaft ist dieses Ziel mittlerweile vor allem der ökonomische Erfolg. Ob dieser ökonomische Erfolg mit ethischen Werten verbunden ist, ob er auf Dauer die Lebensgrundlagen der Menschheit und der Erde zerstört, ob er zumindest der Mehrung menschlichen Glücks dient, ist dabei bestenfalls zweitrangig, manchmal sogar irrelevant.

 

So kassierten die Broker während der Finanzkrise Leistungsprämien in Höhe von mehreren Millionen Euro, während sie die Weltwirtschaft in die Krise stürzten und die ökonomische Existenz von Kleinsparern und Häuschenbesitzern in den USA ruinierten. Dies wurde zwar allenthalben als skandalös gebrandmarkt, doch ein echtes Umdenken hat bis heute nicht stattgefunden. Gesellschaftliche und wirtschaftliche Macht drückt sich vor allem dadurch aus, dass man die Definitionshoheit über das, was eine Gesellschaft als Leistung betrachtet, besitzt.

Dies ist auch die tiefere Ursache für den immer wieder beklagten Mangel an Jugendlichen, die handwerkliche Berufe anstreben. Trotz aller wohlfeilen Lippenbekenntnisse über den hohen Wert des Handwerks und praktischer Tätigkeit werden bei uns akademische Berufe schlicht deutlich besser bezahlt. Die Leistung eines Versicherungsmaklers ist nun einmal einfach höher bewertet als die eines Schreiners.

Reproduzieren statt nachhaltig lernen

Dass der Wert einer Leistung nicht objektiv gegeben ist, sondern immer einem Wandel unterliegt, lässt sich auch an den Gehältern ablesen, die im Spitzensport bezahlt werden. Warum ist die Leistung eines Fußballstars so viel mehr wert als die eines Handballweltmeisters? Warum verdienen männliche Fußballprofis ein Vielfaches von weiblichen? Das hat mehr zu tun mit der dynamischen Entwicklung von Märkten als mit objektiver Leistungsgerechtigkeit.

Doch nach welcher Definition richtet sich eigentlich unser schulischer Leistungsbegriff? Geht es bei dem, was wir messen, bei dem, was als Leistung angesehen und bewertet wird, um die Grundwerte unserer Verfassung, um die sogenannten obersten Bildungsziele? Die verkümmern ungelesen in den Präambeln der Lehrpläne und Richtlinien. Es geht vielmehr vor allem um die Reproduktion von Fach inhalten. Anders ausgedrückt: Wer über Leistungen in der Schule redet, muss sich erst einmal klar werden über seinen Bildungsbegriff und als nächstes prüfen, inwiefern das, was wir in der Schule als Leistung definieren und messen, wirklich den Bildungszielen entspricht.

Leistung wird in unserem Schulsystem in erster Linie als Grundlage für Zertifizierungen, Klassifizierungen und Ausleseentscheidungen verstanden. Nach der Schulleistung werden Kinder versetzt oder nicht versetzt, in höhere oder niedrigere Kursniveaus geschickt oder den verschiedenen Schultypen zugewiesen. Als Leistung gilt das, was in bestimmten Prüfungen und durch Ziffernnoten ausgedrückt und rechtskräftig dokumentiert ist.

Gauß'sche Normalverteilung: Erfolg für die einen erfordert Nichterfolg für die anderen

Da diese Leistungsmessungen auf die Gauß'sche Normalverteilung hin orientiert sind, ist von vornherein ein bestimmter Anteil von Nichterfolg programmiert. Diese Art der Leistungsmessung ist damit fehlerorientiert und hat als Ziel die Diskriminierung unterdurchschnittlicher Leistungen. Sie erhebt den Anspruch auf Objektivität, und muss deswegen bestimmten formalen Kriterien genügen, um als justiziabel gelten zu können. Dies hat eine Fixierung auf Teilaspekte und punktuelle Erhebungen zur Folge. Im Wesentlichen wird die schriftliche Reproduktion in Einzelarbeit abgeprüft.

Wesentliche Kompetenzen wie Teamfähigkeit, Selbstständigkeit, Phantasie, mündliche Ausdrucksfähigkeit, bleiben weitgehend oder vollkommen unberücksichtigt. Fächer erhalten ihre Dignität dadurch, dass sie Vorrückungsfächer sind. Ihre Vertreter werben damit, dass man in ihnen auch durchfallen kann.

Lehrer und Lehrerinnen entscheiden über Lebenschancen

Die Dürftigkeit dieses Leistungsbegriffs und seiner Legitimation ist leicht einzusehen. Warum wird er wider besseres Wissen und trotz der Erfahrung vieler Pädagogen aufrechterhalten? Die Antwort ist so knapp wie bitter: Das derzeitige Leistungsprinzip dient der Legitimation sozialer Ungleichheit. Unser Schulsystem erfüllt in erster Linie die Funktion, Lebenschancen zuzuweisen. Da Stand, Vermögen oder Einfluss des Elternhauses in einer demokratischen und aufgeklärten Gesellschaft keine zulässigen und von der Gesellschaft akzeptierten Auswahlkriterien mehr darstellen, müssen andere herangezogen werden. Hierzu dient das demokratische Leistungsprinzip, nach dem streng objektiv nach Leistungsvermögen Schüler in verschiedene Leistungsniveaus sortiert werden.

Es wird nicht geprüft, was gelernt wird, sondern gelernt, was geprüft wird

Doch das ist die Theorie. In der Realität hängt die Zuweisung der Schüler auf verschiedene Schularten eben doch wesentlich stärker von deren sozialer Herkunft ab, als von ihrer Leistungsstärke. Die LAU-Studie hat erwiesen, dass das Wissen um die soziale Herkunft der Schüler die Schullaufbahnempfehlung der Lehrer entscheidend beeinflusst.

Genauso ist der Zusammenhang zwischen der Bewertung von Schülerleistungen und dem Wissen um den sozialen Hintergrund der Schüler eindeutig belegbar. Je höher der soziale Status eines Schülers, desto besser bewerten Lehrer dessen Leistungen im Vergleich zu identischen Leistungen statusschwächerer Schüler. Diese Form der Auslese erzwingt eine Leistungsmessung, die sowohl das Unterrichtsgeschehen als auch die äußere Schulstruktur beeinflusst.

Unterricht bleibt auf Prüfungen fixiert

Unterricht, der dieser Form der Leistungsmessung dient, motiviert auf extreme Weise extrinsisch, er ist inhaltlich und methodisch auf die Prüfungen fixiert. Schüler werden aufs bulimische Lernen konditioniert. Sie schaufeln Lernstoff, der ja Prüfungsinhalt ist, kurzfristig in sich hinein, brechen ihn während der Prüfung wieder aus und haben am Ende kein Gramm zugenommen. Es wird nicht geprüft, was gelernt wird, sondern gelernt, was geprüft wird.

 

Kuschelpädaogik?

Welche Lehrkraft könnte nicht zahllose Beispiele hierfür aus eigener Erfahrung nennen? Am augenfälligsten wird dies in der Gestaltung der letzten Schulwochen vor den Sommerferien. Oder ist es ein Zufall, dass die Projektwochen in der Regel nach dem Notenschluss stattfinden? Besonders ein Gymnasium nach Notenschluss ist in der Wahrnehmung der meisten Schüler keine vollwertige und ernstzunehmende Schule mehr. Wenn nicht mehr geprüft wird, wird auch nicht mehr gelernt.

Ein Schulsystem, das auf Auslese abzielt, baut auf Konkurrenz zwischen den Schülern. Die Logik der Gauß'schen Normalverteilung lautet: Jeder Erfolgreiche braucht einen Gescheiterten. In einer solchen Schule wird nicht zu gegenseitiger Hilfe und Rücksichtnahme erzogen, nicht zum Leben mit dem Verschiedenartigen. Gegenseitige Hilfe unter den Schülern ist unerwünscht. Sie verzerrt Wettbewerbs - bedingungen.

Doch es wäre ein Irrtum, die soziale Kompetenz gegen die funktionale Kompetenz auszuspielen, wie dies immer noch geschieht. Die Alternative - Kuschelpädagogik mit sich wohlfühlen, aber dumm bleiben und Leistungsschule mit Drill und hohen Anforderungen - ist ein Fantasieprodukt. Angenehmes Klima und Leistungsorientierung sind in Wirklichkeit keine Alternativen, sie bedingen einander.

 

Die auf einem falsch verstandenen und verkürzten Leistungsbegriff basierende Auslese ist also nicht nur sozial ungerecht, sie vernachlässigt auch die Förderung emotionaler und sozialer Kompetenz. Diese Erkenntnis ist alt und wurde nur durch PISA drastisch in Erinnerung gerufen. Neu und entscheidend ist die Einsicht, dass die Form der Leistungsbewertung und die auf ihr beruhende Leistungsauslese auch die kognitive Leistungsfähigkeit der Schüler schwer beeinträchtigt.

Soziale Selektion verhindert nachhaltige Förderung der Ressource Bildung

Die Form der Leistungsbewertung, die auf die vereinzelte und punktuelle Reproduktion kurzfristig erlernten Wissens gerichtet ist, verhindert nachhaltiges und anwendungsorientiertes Lernen. Die Förderung von Kompetenzen und damit die Reproduktion gesellschaftlicher Ressourcen werden vernachlässigt zu Gunsten einer sozialen Selektion. PISA hat gezeigt, dass unsere Schüler nicht das leisten, was sie in den Leistungsfeststellungen abliefern. Denn da stimmen doch die Notendurchschnitte.

Beim internationalen PISA-Test jedoch, bei dem die deutschen (und auch bayerischen) Schüler die bekannten Ergebnisse erzielt haben, waren andere Dinge gefragt als in unseren sorgfältig vorbereiteten Proben und Tests, die stark auf Reproduktion vorexerzierten Wissens angelegt sind. Da ging es um Anwendung und Verknüpfung unterschiedlicher Kompetenzbereiche, also echte Leistung.

Wie im normalen Leben auch. Oder wann und wo außerhalb der Schule muss man Dinge auswendig lernen und dann möglichst exakt wiedergeben? Die schulischen Leistungserhebungen müssen auch anwendungsbezogene und Transfer-Aufgaben beinhalten sowie die Urteilskraft der Schüler überprüfen. Doch die Erfahrung zeigt, dass auch diese Prüfungsteile, die scheinbar über die Reproduktion weit hinausgehen, im Wesentlichen ebenfalls auf der Wiedergabe von gelerntem Wissen beruhen.

Oder glauben Geschichtslehrer wirklich, dass die Antwort auf die Frage nach dem Scheitern der Weimarer Republik der originären Denkleistung des Schülers entspringt? Besonders interessant ist, dass gerade die Verfechter von überholten, veräußerlichten und auf klassische Reproduktion zielende Leistungsfeststellungen die lautesten Kritiker von PISA sind. Gerade diese Leute werfen dem interna - tionalen Vergleichstest vor, lediglich funktionales Wissen abzufragen.

Je schwerer die Prüfung, desto leistungsstärker der Prüfling? - Falsch!

Immer noch herrscht der Irrglaube, dass die Qualität einer Ausbildung dadurch steigt, dass am Ende eine besonders schwere Prüfung steht. Aus dieser Logik heraus wurde auch die Zahl der verpflichtenden Abiturfächer von 4 auf 5 erhöht. Aber glaubte jemand allen Ernstes, fehlende sprachliche Kompetenz von Abiturienten durch eine verpflichtende Deutschprüfung am Ende eines 12- oder 13-jährigen Schülerlebens wirksam bekämpfen zu können? Wer mit dem Formulieren in der deutschen Sprache Probleme hat, wird diese sicher nicht in der einige Wochen umfassenden Vorbereitung auf eine Abiturprüfung beseitigen. Oder hofft man darauf, dass der oder die Neunjährige in Vorbereitung auf seine oder ihre Abiturprüfung mehr Bücher liest?

Es geht nicht um Kompetenzen, auch wenn dies in den Lehrplänen so behauptet wird, sondern um Leistungsnachweise. Nachhaltiges Lernen, Grundwissen, Anwendungsorientierung, Transfer und Verknüpfung, Arbeitstechniken, Teamfähigkeit, Phantasie und Kreativität fallen unter den Tisch. Wichtig ist einzig die Note, auf die alles ausgerichtet ist. Warum sind Ziffernnoten eigentlich so beliebt? Worin liegt ihr Nutzen?

Der Vorteil von Noten? - Sie sind statistisch verwertbar

Die Antwort ist einfach: Sie geben zwar wesentlich pauschaler und undifferenzierter Aufschluss über die Qualität einer abgelieferten Leistung als ein individuelles Wortgutachten. Aber sie sind statistisch verwertbar und erleichtern das Vergleichen und damit das Klassifizieren und Einsortieren von Leistungsnachweisen. Damit werden diese zwar in ihrer Komplexität nur noch eingeschränkt erfasst, aber das ist nicht so wichtig. Endlich hat man ein Instrument, um Rankings aufzustellen. Die Pädagogik nennt dies dann vornehm die "soziale Bezugsnorm".

Die einzelne Lehrkraft steht in diesem System und kann sich dessen Zwängen nicht entziehen. Zumal jede Lehrkraft dieses Leistungsverständnis als Schüler und zusätzlich auch noch in der weiteren Bildungsbiografie als Student selbst erlebt hat und es dann selbst wieder in der Schule anwendet.

Wenn das deutsche Schulsystem in Zukunft bessere Leistungen durch nachhaltigeres Lernen und höhere Problemorientierung erzielen und gleichzeitig die eklatante soziale Ungerechtigkeit überwinden will, dann muss der Begriff von Leistung wieder seine umfassende Bedeutung erhalten. Dann muss Schule befreit werden von der Dominanz ihrer Selektionsfunktion und dem irrationalen Streben nach vermeintlicher Homogenität. Dann wird Leistung nicht mehr zur Legitimierung von Sortierungsentscheidungen missbraucht, sondern in seiner umfassenden Bedeutung zum Ziel der individuellen Förderung jedes einzelnen Schülers.