Erwartungen vs. PersonalausstattungStartseite

Bildungsqualität: Schere zwischen Wunsch und Wirklichkeit geht immer weiter auf

Zu Schuljahresbeginn freute sich der Kultusminister, dass vor jeder Klasse ein Lehrer stand. Vier Wochen später ist klar: Was die Gesellschaft zurecht von Schule erwartet, ist so nicht möglich und die Bildungsqualität leidet, sagt Simone Fleischmann.

Lehrermangel. In der öffentlichen und medialen Diskussion ein Begriff, über den hauptsächlich mit Zahlen diskutiert wird. Besonders einfach machte es sich dabei das Kultusministerium, das zu Beginn des Schuljahres freudig konstatierte, dass am ersten Schultag vor jeder Klasse ein Lehrer stehe.

Warum das eine Milchmädchenrechnung zulasten von Kindern und Jugendlichen ist, hat der BLLV am Montag, dem 7. Oktober, gegenüber zahlreichen Medienvertretern klargemacht. Für ihn geht es in der Bildung nicht um Quantität, sondern vor allem um Qualität. Für ihn ist Lehrermangel dann, wenn das Personal nicht da ist, um Lernerfolg und Bildungsqualität so zu sichern, wie dies zurecht erwartet wird: „Die Gesellschaft da draußen will mehr, als dass ein Lehrer Unterricht hält“, sagt BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann dem TV-Sender SAT1. „Kinder sollen verstehen lernen. Kinder sollen Lust am Lernen kriegen. Kinder sollen eigentätig sein können, sollen ganzheitlich lernen. Und das geht mit dem Zahlenspiel 1:1, ein Lehrer pro Klasse, nicht!“

Das ist zu tun

Wie es gelingen kann, diese Erwartungen tatsächlich zu erfüllen, das wissen Lehrerinnen und Lehrer genau. Fleischmann beschreibt die pädagogischen Maßnahmen und fragt:

„Kann eine einzelne Lehrkraft fördern, differenzieren, soziale Prozesse begleiten, individuell unterstützen, den Starken stärken und den Schwachen motivieren, dem Schüler mit Förderbedarf gerecht werden und die hochbegabte Schülerin mit herausfordernden Lernarrangements begeistern? Kann die Lehrerin dem nicht-deutschen Kind die deutsche Sprache passgenau näherbringen und dem LRS-Kind das passende Lernmaterial in digitaler Form zur Verfügung stellen? Kann sie im gebunden Ganztag rhythmisierten Unterricht anbieten, einzelne Lernstationen differenziert nach Leistungsniveaus arrangieren und kooperative und demokratische Lernprozesse individuell begleiten? Also: können die von allen erwünschten erzieherischen und unterrichtlichen Aufgaben bewältigt werden? Kann politische und demokratische Bildung genauso stattfinden, wie teambildende Prozesse und die Stärkung des Selbstwertgefühls des einzelnen Kindes? Können ganzheitliche Lernprozesse begleitet werden und verständnisintensiv gelernt werden?“

Ehrlich rechnen

Die Antwort ist offensichtlich: All das kann keine einzelne Person – erst recht nicht, wenn es kein für die Schulart ausgebildeter Pädagoge ist. Benötigt wird Team-Teaching von ausgebildeten Lehrerinnen und Lehrern, benötigt werden multiprofessionelle Teams. Wer also beim Lehrermangel über Zahlen spricht und es mit Bildungsqualität und Lernerfolg ernst meint, der kann unter dem Strich keine 1 stehen haben.

Zudem selbst diese Zahl nicht über den Verlauf des gesamten Schuljahres Bestand haben wird. Bereits wenige Wochen nach Schulbeginn seien viele der mobilen Aushilfslehrer wegen Krankheitsfällen und Schwangerschaft schon im Einsatz, sagt 1. BLLV-Vizepräsident Gerd Nitschke der Süddeutschen Zeitung. „Spätestens wenn die erste Grippewelle kommt, sieht die Situation an den Schulen noch einmal kritischer aus“, warnt Nitschke mit Blick auf die Ergebnisse einer bayernweiten BLLV-Umfrage zur Lage der Schulen zu Schuljahresbeginn 2019/20. Die Lage vor Ort sei ernüchternd: „Der Pflichtunterricht ist sichergestellt, aber alles, was individuelle Förderung ist, was darüber hinaus geht, musische Stunden, AGs, Workshops oder sonstige Sachen, werden praktisch nicht mehr angeboten, weil keine Lehrer dafür da sind“, so Nitschke gegenüber SAT1. Die Rückmeldungen aus den Schulen zeigten außerdem steigende Klassengrößen und den Einsatz von immer mehr Lehrkräften ohne die Qualifikation für die jeweilige Schulart.


So ist G9 nicht mal ein G8


Auch ein Blick in die Vergangenheit belegt die Problematik: Obwohl es 2018/2019, anders als dieses Schuljahr, von Regierungsseite noch hieß, die Zustände in Bayern seien annähernd paradiesisch, fielen auch da schon rund eine Million Stunden ersatzlos aus und 6,2 Millionen Stunden wurden nicht planmäßig erteilt. „Demnach hat dann beispielsweise ein Abiturient während seiner zwölf Jahre schulischer Laufbahn hochgerechnet ein Schuljahr und drei Wochen keinen planmäßig erteilten Unterricht erhalten“, analysiert Simone Fleischmann. „Das finde ich armselig“, urteilt Fleischmann im Gespräch mit onetz.de.

Sie besteht auf ihrer von einigen Seiten als zu drastisch kritisierten Formulierung „Die Hütte brennt“, mit der die BLLV-Präsidentin die Lage zu Schuljahresbeginn beschrieben hatte. „Der Brand ist nicht gelöscht, der Lehrermangel ist konkret, und die Lage ist alles andere als rosig", beschreibt Fleischmann gegenüber news4teachers die jetzige Situation. „In den kommenden Jahren steht den Grund,- Mittel- und Förderschulen ein Personalmangel bevor, den wir in dieser Dimension noch nie hatten.“

Eltern erwarten zurecht mehr

Der Bayerische Elternverband (BEV) sieht die Lage ähnlich: Das Kultusministerium habe auch in diesem Schuljahr die Grundversorgung mit Lehrkräften abdecken können, allerdings um den Preis von - laut Elternmeldungen - großen Klassen, analysiert der Verbandsvorsitzende Martin Löwe. Mit Blick auf Themen wie Wertebildung, Demokratieerziehung und Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) und Förderung von Schülern mit ADHS, sonderpädagogischem Förderbedarf oder Hochbegabungen sagt Löwe: "Von diesen hohen Zielen wird gerne und mit Stolz geredet. Wenn man sie aber ernst nimmt, ist ein einziger Lehrer je Klasse ohnehin zu wenig. Gute Unterrichtsqualität braucht Personal, und von den versprochenen multiprofessionellen Teams ist noch kaum etwas zu sehen. Anspruch und Wirklichkeit klaffen hier auseinander!"

BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann kann die Erwartungen verstehen. Nach ihrer Erfahrung werden Lehrerinnen und Lehrer dabei von vielen Eltern als ursächlich für die Missstände wahrgenommen: „Eltern machen für vieles, was nicht mehr geht, den Lehrer vor Ort verantwortlich“, berichtet sie dem Münchner Merkur. Fleischmann stellt dazu klar, dass das Ziel von Lehrerinnen und Lehrern stets sei, für Schülerinnen und Schüler den maximal erreichbaren Bildungserfolg im ihnen vorgebebenen System möglich zu machen. Sie verantworten aber nicht das System selbst und würden sich an vielen Stellen selbst andere Rahmenbedingungen wünschen, wie sie auch der BEV-Vorsitzende formuliert.

Klartext

„Wir haben die Verantwortung, zu benennen, wo es eng wird“, sagt Fleischmann dem Münchner Merkur. Man werde stets konstruktive Vorschläge auf der Basis der im Verband gesammelten Expertise und praktischer Erfahrungen machen, wie die gesellschaftlichen Erwartungen an Schule konkret zu erfüllen sind und welche Ressourcen es dafür braucht. Wenn diese nicht bereit stehen, sieht der BLLV es mit Blick auf den Bildungserfolg jedes einzelnen Kindes, jedes einzelnen Jugendlichen als seine Pflicht, dies zu benennen und konstruktive Vorschläge zu machen, wie in deren Sinn gegengesteuert werden kann. Das hat nichts mit Alarmismus zu tun, sondern mit Verantwortungsgefühl.

Simone Fleischmann stellt dazu klar: „Wenn wir den Lehrermangel benennen, die Bildungsqualität anzweifeln und betonen, dass die Hütte brennt, dann sollen wir es sein, die alles schlecht reden? Das geht dann wohl ganz nach dem Märchen ‘Des Kaisers neue Kleider‘: Derjenige der aufzeigt, dass der Kaiser nackt ist, ist schuld an der Nacktheit – aber das kann es nicht sein!“

Konkrete Maßnahmen statt Beschwichtigung

Der Kultusminister sagte am Montag zum Thema lediglich erneut, dass die Unterrichtsversorgung mit einer Lehrkraft pro Klasse gewährleistet sei und dass Bayern bei Tests in Sachen Bildungsqualität gut abschneide.

Es darf aber nicht beim Mantra der gesicherten Unterrichtsversorgung bleiben, fordert die BLLV-Präsidentin gegenüber news4teachers: „Wenn nichts geschieht und es keine konstruktiven Antworten auf diese Fragen gibt, rennen wir sehenden Auges weiter in eine Krise hinein, die uns dann viele weitere Jahre beschäftigen wird. Wir brauchen eine durchdachte, konsequente und vor allem nachhaltige Personalpolitik, mit der ganzheitliche Bildungsziele umgesetzt werden können.“

Dabei liegen die Maßnahmen auf der Hand: Der BLLV fordert seit langem eine Flexibilisierung der Lehrerausbildung mit einem schulartübergreifendem Grundstudium sowie einem Masterabschluss für alle Schularten. Zudem müssten schon jetzt gemäß dem Prinzip „Alle Lehrer sind Lehrer“ die Eingangsbesoldung schulartübergreifend auf A13 angehoben werden. „Es versteht kein Mensch mehr warum der Grundschullehrer und der Mittelschullehrer deutlich weniger verdient als der Realschullehrer und der am Gymnasium“, konstatiert Simone Fleischmann bei SAT1.

Zukunft sichern

Zudem müsse der Beruf generell attraktiver werden: „Lehrer sein ist der schönste Beruf, den es gibt“, ist die BLLV-Präsidentin überzeugt. „Aber dazu braucht es Bedingungen, die mich erfüllend aus dem Alltag gehen lassen. Mich und die Kinder!“ Die Maßnahmen dafür sind genau jene, die dann auch Bildungsqualität für Kinder und Jugendliche sichern: „Das heißt auch mal zwei Lehrer, das heißt Kleingruppen, das heißt Multiprofessionalität.“

Die BLLV-Präsidentin fordert daher, jetzt die Weichen für die Bildungsqualität der Zukunft zu stellen, denn: „Die Herausforderungen in der Schule und die Erwartungen an die Schule steigen. Und die Personalausstattung kommt nicht mehr mit. Also: die Schere geht auseinander, Wunsch und Wirklichkeit entfernen sich voneinander …“

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