KamingesprächThemen

Der öffentliche Dienst der Zukunft: Agil, divers und digital

Der Bundesvorsitzende des dbb Beamtenbundes und Tarifunion, Ulrich Silberbach, sprach am 6. November beim Kamingespräch der BLLV Akademie über die Herausforderungen des öffentlichen Dienstes der Zukunft.

Einleitend skizziert Silberbach einige gesellschaftspolitische Themen, die den dbb aktuell besonders beschäftigen: In der gegenwärtigen Debattenkultur hätten Reichweite und Möglichkeiten politischer Debatten enorm zugenommen. Die Kommunikation werde immer schneller und vernetzter. Silberbach weist darauf hin, dass dabei echte, auf Austausch von Argumenten basierende Diskussionen nicht immer die Folge sind. Hinzu komme die Zunahme populistischer Strömungen. Hier würde durch falsche Behauptungen versucht, unabhängige Medien und den Rechtsstaat herabzuwürdigen.

Diese Situation verdeutliche, dass die demographischen Strukturen und die Stabilität Deutschlands nicht selbstverständlich sind - und nur allzu schnell aus dem Gleichgewicht geraten können. Silberbach betont, dass eine ordentliche Streitkultur und Diskussion nicht durch Hass, Hetze und eine Verrohung der Sprache zerstört werden dürfe.

Zukunftsängste und die Angst, Wettbewerbsverlierer zu sein, ließen die Mitte der Gesellschaft schrumpfen. Die Folge sei, dass viele Menschen das Vertrauen in das Funktionieren der Demokratie und des Staates verlören.

Das Vertrauen in unseren Staat und unsere Demokratie muss gestärkt werden

Seit einigen Jahren untersucht der dbb im Rahmen einer jährlichen Bürgerbefragung, wie der öffentliche Dienst und seine Leistungen von den Bürgerinnen und Bürgern wahrgenommen werden. Ein Ergebnis der diesjährigen Umfrage ist für Silberbach besonders besorgniserregend: 60 Prozent der Befragten halten den Staat für überfordert bei der Erfüllung seiner Aufgaben. Das könne als Vertrauensverlust in die Leistungsfähigkeit des Staates gedeutet werden.

Für Silberbach ist darum „mehr Klarheit im Denken und Tun“ notwendig. „Wir müssen klar machen, welchen Wert das staatliche Gefüge und die Grundrechte für jeden Einzelnen haben“, sagt er.

Die Arbeit im öffentlichen Dienst ist ein Dienst am Gemeinwesen

Silberbach betont, dass die Arbeit im öffentlichen Dienst nicht nur ein Job sei, sondern Dienst am Gemeinwesen. Dieser Einsatz verdiene Respekt. Häufig würden Beamte jedoch angegriffen, mit Respektlosigkeiten und Beamten-Bashing beleidigt. Dann sei eine Grenze deutlich überschritten, wie auch der BLLV in seiner Resolution "Gewalt gegen Lehrkräfte" klar gemacht hat.

In den Schulen spiegelt sich wider, was in der Gesellschaft passiert. Wenn die Gesellschaft insgesamt rauer wird, macht sich das auch an den Schulen bemerkbar: im Verhalten der Schüler untereinander, im mangelnden Respekt gegenüber Lehrkräften. Für Silberbach kommt daher gerade den Bildungseinrichtungen eine große Verantwortung zu, dem Trend der Verrohung entgegenzuwirken. Silberbach betont in diesem Zusammenhang die vorbildliche Kampagne des BLLV „Haltung zählt!“.

Der öffentliche Dienst muss wieder positiver belegt werden

Privatisierung, Wettbewerb und pauschale Stellenkürzungen haben der Qualität des öffentlichen Dienstes nicht gut getan, resümiert Silberbach. Der öffentliche Dienst müsse nun, als eine dauerhafte Querschnittsaufgabe, zukunftsfest gestaltet werden. Der erste Schritt dabei müsse sein, dem öffentlichen Dienst und seiner verschiedenen beruflichen Möglichkeiten wieder ein positives Image zu verschaffen. Es müsse vermittelt werden, dass es „toll ist, eine sinnstiftende Arbeit zu leisten“.

Der dbb hat dazu eine eigene bundesweite Kampagne gestartet unter dem Motto „Die Unverzichtbaren“. Hier wurde Werbung für eine Karriere im öffentlichen Dienst gemacht. Mit der Kampagne wurden fast 15 Millionen Kontakte erreicht.

Werbung alleine reiche aber nicht, betont Silberbach. Zudem brauche es weitere attraktive Signale der Arbeitgeber an die Nachwuchskräfte. Einiges sei schon geschehen: Modernisierung der Bundesbesoldung, Erhöhung von Prämien, Erhöhung von Anwärterbezügen

Wir benötigen ausreichendes und gut qualifiziertes Personal

Der dbb Bundesvorsitzende sendet eine klare Botschaft an die Politik: Qualität im Bildungsbereich kann nur mit qualifiziertem Personal erreicht werden. Den Schulen werden stets neue Aufgaben von Seiten der Gesellschaft und Politik übertragen, die dafür erforderlichen Ressourcen allerdings nicht bereitgestellt.

Aufgrund der enormen personellen Engpässe sei es nachvollziehbar, dass Quer- und Seiteneinsteiger in der Bildungslandschaft unterwegs sind. Silberbach fordert aber klare Regeln für Quer- und Seiteneinsteiger und vor allem pädagogische Vorqualifizierung. Sollte das nicht gewährleistet werden sein, bestehe die Gefahr einer Entprofessionalisierung des Lehrerberufs.

Auswirkungen des demografischen Wandels

Das Durchschnittsalter der Beschäftigten steigt und die Gewinnung von Nachwuchskräften gestaltet sich herausfordernd. Dringend muss die Attraktivität des öffentlichen Dienstes gesteigert werden, betont Silberbach. Es brauche daher zum einen flexiblere Regelungen zur besseren Vereinbarkeit von Beruf und Privatem, zum anderen eine Optimierung der beruflichen Perspektive über alle Altersgruppen hinweg.

Unsere Gesellschaft wird vielfältiger, die Lebensentwürfe werden heterogener. Silberbach macht klar, dass der öffentliche Dienst drauf eine Antwort finden muss, indem er sich auf den Weg zu einem inklusiveren und integrativeren Arbeitgeber macht.

Agilität

Für Silberbach braucht es mehr Agilität im öffentlichen Dienst: Flexible Arbeitsbedingungen und -modelle sorgen für mehr Bewegungsfreiheit der Beschäftigten, fördern ihre Motivation und leisten so einen Beitrag für ein funktionierendes Gemeinwesen.

Der öffentliche Dienst muss divers werden 

Unsere Gesellschaft wurde in den letzten Jahren zunehmend diverser. Mit einer heterogenen Gesellschaft veränderte sich natürliche auch der Arbeitsmarkt. Silberbach fordert, dass die Verwaltung – stärker als bisher – ein Spiegel der Gesellschaft sein solle, in der sich die Vielfalt der Gesellschaft in der Beschäftigungsstruktur abbilde. Denn Organisationen mit einer vielfältigen Beschäftigungsstruktur können besser auf unterschiedliche Bedürfnisse aller gesellschaftlichen Gruppen reagieren. Eine Erhöhung des Beschäftigungsanteils von Personen mit Migrationshintergrund wäre laut Silberbach absolut wünschenswert. Dazu müssten jedoch mehrere Faktoren beachtet werden.

Eine Karriere im öffentlichen Dienst müsse attraktiv sein für potenzielle Bewerber, auch für Bewerber mit Migrationshintergrund. Zudem dürfe es keine Diskriminierung bei der Einstellung geben und es brauche Schulung der Beschäftigten in interkultureller Kompetenz. Zuletzt sei der Beamtenstatus als Erfolgsmodell anzuerkennen, da er Gewährleistung und Kontinuität bei der Erfüllung staatlicher Aufgaben bedeute.

Digitalisierung verändert die öffentliche Verwaltung grundlegend

Die Digitalisierung schreitet rasant voran und wird die Arbeitswelt, die Formen der Arbeit und auch die geforderten Qualifikationen in den nächsten Jahren komplett verändern. Silberbach bemängelt in diesem Zusammenhang, dass die Digitalisierung staatlicher Dienstleistungen in Deutschland leider nur stockend vorankomme.

Investitionen in die Digitalisierung in der öffentlichen Verwaltung in Deutschland seien zu wenig und vor allem zu spät vorgenommen worden. Es wurde versäumt ein einheitliches Konzept zu erstellen und umzusetzen. Resultat sei nun, so Silberbach, dass es heute viele Insellösungen gibt, die nun vereinheitlicht und kompatibel gemacht werden müssen.

Eine Investition in junge und hochmotivierte Menschen sei dringend notwendig. Das gelte auch für die Ausstattung der Schulen. Der Digitalpakt ist und bleibt eine Anschubfinanzierung, die den Bedarf in den Schulen nicht decken könne, so Silberbach. Neben der Ausstattung seien geeignete Konzepte für Lehrkräfte von Nöten, um Bildung im digitalen Zeitalter entsprechend vermitteln zu können.

Vorreiter sein

Neben allen Herausforderungen, die die Digitalisierung mit sich bringt, weist Silberbach jedoch auch auf die Chancen der Digitalisierung hin: Die Arbeitsbedingungen für Beschäftigte oder das Leistungsangebot für Bürger können verbessert und weiterentwickelt werden. Der öffentliche Dienst muss Vorreiter sein für eine moderne und digitale Arbeitswelt.

Klar sein müsse dabei jedoch immer: Künstliche Intelligenz und Algorithmen können Entscheidungen unterstützen, menschliche Entscheider aber nicht ersetzen, betont Silberbach.

Weitere Informationen

Bürgerbefragung des dbb: "Gewalt gegenüber öffentlich Bediensteten"

BLLV-Dossier Demokratiepädagogik: Für eine klare Werteorientierung an Schulen

Alles zur Digitalisierung: Es braucht mehr als Tablets

BLLV-Dossier Integration: Für eine diverse Gesellschaft

BLLV-Resolution: "Gewalt gegen Lehrkräfte"

Gegenseitiger Respekt: BLLV-Manifest HALTUNG ZÄHLT

Überblick: BLLV-Kamingespräche der BLLV-Akademie

Fortbildungen, Gesundheit, Studien, Elternangebote: Die BLLV-Akademie im Überblick

Service für den Alltag: Alles über Dienstrecht und Besoldung


Zur Person

Ulrich Silberbach ist seit November 2017 Bundesvorsitzender des dbb beamtenbund und tarifunion. In der Zeit von 2012 bis 2017 war er stellvertretender Bundesvorsitzender. Zudem ist Herr Silberbach Mitglied der komba Gewerkschaft, dort von 2011 bis 2017 Bundesvorsitzender. Silberbach ist seit 2012 Präsident von EULOS, der Europäischen Arbeitsgemeinschaft unabhängiger Gewerkschaften der Bediensteten der Gemeinden und Gemeindeverbände.