Pädagogik und Politik im DialogThemen

Deutschklassen nachbessern: BLLV überzeugt Bildungsausschuss

Mehr Personal zur individuellen Förderung, mehr Stunden für differenzierten Unterricht und Sprachpraxis, weniger bürokratische Hürden und mehr Unterstützung bei der Organisation des Ganztagsunterrichts: Der BLLV hat Mitgliedern des Bildungsausschusses bei einem Unterrichtsbesuch mit anschließendem Fachgespräch die Schulrealität der Deutschklassen vor Augen geführt und konnte sie überzeugen, dass dringend nachgebessert werden muss.

„Neben den Einblicken in den Unterricht war die Diskussion gerade bezüglich des Bürokratie-Aufwands beeindruckend. Das wurde bisher nicht gesehen. Wir müssen überlegen, Schulen mehr Budget zuzugestehen und auf manche Anträge zu verzichten.“
Matthias Fischbach (FDP)

„Die Kommunen kümmern sich ja nicht nur um das Essen an den Schulen, sondern auch an Kindertagesstätten etc. und in der Regel funktioniert das auch ganz gut. Bei den Deutschklassen besteht jedoch das Problem, dass die Eltern die Anträge nicht verstehen und auch der verpflichtende Ganztag für die Deutschklassen ist problematisch.“
Otto Lederer (CSU)

Selten bekommt man von Seiten der Politik zum Thema Bildung so nachdenkliche Aussagen zu hören. Wie kam es dazu? Am 19. Februar 2019 lud der BLLV Mitglieder des Bildungsausschusses des Bayerischen Landtags zu einem Unterrichtsbesuch mit anschließendem Fachgespräch in die Mittelschule an der Simmernstraße ein. Das Motto: „Pädagogik trifft Politik – Deutschklassen an der Mittelschule: Wir schauen rein!“

Der Einladung an den gesamten Bildungsausschuss folgten Politikerinnen und Politiker der Landtagsfraktionen der CSU, Freien Wähler, SPD, GRÜNEN sowie FDP. Vor Ort machten sich die Abgeordneten ein Bild von der Praxis in den neuen Deutsch- und Deutsch PLUS-Klassen, die im Unterschied zu den vorherigen Übergangsklassen auf ein Jahr und konzipiert sind und verpflichtend in Ganztagsbeschulung durchgeführt werden müssen.

Politiker werden selbst zu Lehrern

Die Schülerinnen und Schüler der Deutschklasse der Jahrgangsstufe acht von Klassenlehrerin Verena Frei stammen aus so unterschiedlichen Ländern wie Mazedonien, Griechenland, Syrien, dem Irak, Bulgarien, Russland, Vietnam, Sierra Leone oder Moldawien. Eine Schülerin ist erst seit einem knappen Monat in der Klasse und Analphabetin. Auch auf sie muss Frau Frei ihr Unterrichtsangebot in individueller Differenzierung abstimmen. Die Drittkraft Nadine Eichhorn hilft dabei und kümmert sich deshalb in dieser Stunde intensiv um dieses Mädchen.

Die Hälfte der 24 Wochenstunden unterrichtet Frau Frei die Klasse alleine, in den anderen zwölf Unterrichtsstunden steht ihr eine Drittkraft zur Verfügung, die für den differenzierten Unterricht dringend benötigt wird: „Es ist letztlich nur ein kleiner Tropfen auf den heißen Stein“, erklärt Frau Frei den Abgeordneten im Nachgespräch. Der Unterricht gemeinsam mit der Drittkraft beeindruckt die Abgeordneten und motiviert diese sogar dazu, selbst als Helferinnen und Helfer am Unterricht teilzunehmen. Schnell wird allen Teilnehmenden der Veranstaltung klar: Hier ist wirklich jede Hilfe nötig. BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann betont: „Jeder Cent, den Sie in die Differenzierung mit weiteren Personen stecken, rechnet sich zu 100%!“

Nur dank persönlicher Mehrleistung

Das Unterrichtsmaterial hat Frau Frei größtenteils selbst konzipiert. In ihrer Unterrichtsstunde schult sie Sprechkompetenz mithilfe von Personenbildern, die die Schülerinnen und Schüler beschreiben sollen. Augenfarbe, Kleidung, Frisur, Statur – die Schüler lernen schnell, von einfachen Farbaussagen zu detaillierteren Beschreibungen fortzuschreiten.

Dabei sind sie offenkundig hochmotiviert und Frau Frei gelingt es auf beeindruckende Art und Weise, alle Schüler mitzunehmen, obwohl deren Sprachkompetenzen höchst unterschiedlich ausgeprägt sind. Verena Frei differenziert ihren Unterricht in vielen Stufen: Selbst schriftliche Aufgaben und Hausaufgabenpensum organisiert sie in mindestens vier Schwierigkeitsstufen mit weiterer individueller Differenzierung auf einzelne Schüler.

Beim Unterrichtsbesuch wird deutlich: Gegenwärtig ist nicht nur die fachliche Expertise, sondern besonders auch das persönliche Engagement der Lehrkräfte entscheidend für gelingende Integration. Dieses Engagement geht an der Simmernschule weit über das hinaus, was als Rahmenbedingungen für die Deutsch- und DeutschPLUS-Klassen gesetzt ist: Sei es die Entwicklung komplexer Unterrichtsmaterialien in Eigenregie, der intensive E-Mail-Austausch zwischen Lehrkräften und externen Kooperationspartnern für eine differenzierte Nachmittags- und Hausaufgabenbetreuung bis hin zu der Organisation einer Mittagsbrotzeit, wenn die Kapazitäten des offenen Ganztags erschöpft sind. Diese und viele weitere Eigenleistungen waren den Abgeordneten des Bildungsausschusses nicht bewusst und der BLLV konnte mit dem Praxis-Format erneut erfolgreich darauf aufmerksam machen.

Einzige Gemeinsamkeit: keine deutsche Muttersprache

Otto Lederer von der CSU resümierte dementsprechend: „Pädagogik trifft Politik. Sie haben Wort gehalten. Wir haben heute ganz, ganz engagierte Lehrerinnen kennen gelernt, die mehr tun als ihre Pflicht. Wobei ein Lehrer ja nie nur seine Pflicht tut. Sie machten das Beste, was man aus dieser Situation machen kann und da kann man ihnen nur gratulieren. Wir nehmen vieles von heute mit.“

Lehrerein Verena Frei macht in der anschließenden Diskussion nochmals auf die enorme Heterogenität der Klassen aufmerksam: „Es gibt Schüler, die die lateinische Schrift nicht kennen. Manchmal können sie andere, zum Beispiel arabische Schriften. Manchmal haben sie bereits Privatschulen besucht, oft aber haben sie gar keine Vorbildung. Diese Schüler können nach einem Jahr noch nicht korrekt schreiben und lesen und bekommen ganz andere Hausaufgaben als Schüler mit Vorbildung.“ Die differenzierte Beschulung stellt die größte Herausforderung des Unterrichts in Deutschklassen dar, denn „das einzige, was die Schüler alle gemeinsam haben ist, dass sie noch kein Deutsch können“, berichtet Frau Frei. Das bestätigt auch die Rektorin der Mittelschule an der Simmernstraße, Angelika Thuri-Weiß: „Deutschklassen sind wie eine Wundertüte – man weiß vorher nie, was drin ist.“

Keine Integration ohne gemeinsames Essen

Eine besondere Rolle für den Erfolg der Deutschklassen in der Mittelschule an der Simmernstraße spielt ein externer Kooperationspartner: das von der Stadt München geförderte ‚Jugendhaus Schwabing’, dessen Träger die Katholischen Kirche ist. Das Jugendhaus Schwabing verrichtete ursprünglich offene Jugendarbeit, hat nun jedoch mit großem Aufwand die Voraussetzungen für eine kooperative Ganztagsbetreuung geschaffen. Dies wäre ohne die finanziellen Mittel des Trägers jedoch nicht zu stemmen gewesen. „Logistik und Finanzierung sind kostenintensiv und zu bürokratisch“, erklärt Nina Litz-Kunisch, Sozialpädagogin im Jugendhaus Schwabing.

Besonders die Eltern, die großteils kaum Deutschkenntnisse haben, seien mit dem nötigen Stellen von Anträgen und Behördengängen ebenso überfordert wie mit dem finanziellen Beitrag, den sie leisten müssen. Das führt oft zu herzzerreißenden Aussagen von Schülern wie „Ich gehöre nicht dazu, weil mein Papa das Essen nicht bezahlen kann“, die auch BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann aus eigener Erfahrung berichtet. „Das geht im reichsten Bundesland einfach nicht“, stellt sie klar. Die Verpflichtung zum Ganztag dürfe dann nicht über rechtliche Hürden beim Mittagessen die Deutschklassen zum Scheitern bringen. „Bitte überlegen Sie sich was!“, appelliert sie an die Politiker.

Der nächste Schritt: DeutschPLUS

Während die früheren Übergangsklassen auf zwei Jahre angesetzt waren, folgt nun auf ein Jahr Unterricht in Deutschklassen ein Jahr in sogenannten DeutschPLUS-Klassen. „Hier werden Schüler von zwei Lehrkräften integrativ im Regelunterricht beschult, mit intensiver individueller Förderung besonders jener Schüler in der Klasse, die im Jahr davor eine Deutschklasse absolvierten“, erklärt Birgit Dittmer-Glaubig, Leiterin der Abteilung Berufswissenschaft im BLLV und Konrektorin der Mittelschule an der Simmernstraße. Gerade den Kontakt mit Kindern, deren Muttersprache Deutsch ist, sieht sie im Sinne eines „intensiven Sprachbades“ als sehr hilfreich für die Schüler mit Deutsch als Zweitsprache.

Anschauungsunterricht dazu erhalten die Mitglieder des Bildungsausschusses beim Besuch einer siebten Klasse. Die Lehrerinnen Marion Hiller und Catarina Steigenberger halten eine Unterrichtseinheit zum Textverständnis einer Kurzgeschichte, die vom Hör- zum Leseverstehen fortschreitet und in eigene kreative Textproduktion der Schüler auf der Basis des gewonnen Textverständnisses mündet.

So gut wie die Muttersprachler

Politiker zeigen sich beeindruckt, wie kooperativ der Unterricht abläuft, in dem Schüler sich beispielsweise gegenseitig aufrufen, „Materialmanager“ die Texte den in Tischgruppen sitzenden Mitschülern bringen und Hilfsmittel wie Wörterbücher bereitwillig umhergereicht werden. Der Tandemunterricht zeigt vor allem in Phasen der Gruppenarbeit bei Textverständnis- und Textproduktionseinheiten seine Stärke und wieder beteiligen sich hier auch die Politiker, geben Hilfestellungen, lesen Textideen und fügten sich homogen ins Unterrichtsgeschehen ein. So gewinnen sie ein eindrückliches Bild von Fähigkeiten und Bedürfnissen der Schülerinnen und Schüler in Sachen Sprachschulung.

Ein exzellentes Zeugnis für die Arbeit in den Deutsch- und DeutschPLUS-Klassen an der Simmernschule, die ob des außergewöhnlich hohen persönlichen Engagements von Schulleitung, Kollegium sowie Schülerinnen und Schülern in Sachen Integration eine „Leuchtturmschule“ genannt werden kann, stellen die Politiker im Nachgespräch aus: Denn die Nachfrage, welche sechs Schüler aus der DeutschPLUS-Klasse von Frau Hiller und Frau Steigenberger im Vorjahr wohl eine Deutschklasse besucht hatten, kann keiner der Politiker beantworten.

Mit Noten nicht zu würdigen

Frau Dittmer-Glaubig betont dabei die Wichtigkeit des Zusammenspiels zwischen intensivem, differenzierten Spracherwerb im ersten Jahr und dem integrativen kommunikativen Ansatz im zweiten Jahr im Kontrast zur vorherigen Regelung in den Übergangsklassen: „Es ist durchaus sinnvoll, die Deutschklassen im Unterschied zu den ehemaligen Übergangsklassen nur auf ein Jahr anzusetzen - entscheidend ist hier jedoch, dass im Anschluss tatsächlich die  differenzierte Förderung dieser Schülerinnen und Schüler in  Regelklassen im Rahmen von DeutschPLUS-Klassen gewährleistet ist: Eine frühe Integration in Regelklassen, das tägliche  Erleben der natürlichen Sprachbegegnung hat hier durchaus Vorteile. Grundvoraussetzung ist hierfür jedoch, dass mehr personelle und räumliche Ressourcen zur Verfügung stehen!“

Außerdem brauche es nicht nur individuell differenzierten Unterricht, sondern auch eine entsprechend differenzierte Leistungsmessung, betont Dittmer-Glaubig auf Nachfrage von MdL Krell, die sich nach der Schwierigkeit von Notengebung in differenzierten Unterrichtskontexten erkundigt. Die Konrektorin und Leitern der Abteilung Berufswissenschaften im BLLV verweist dazu auf die Verbandspositionen zum Leistungsbegriff im 21. Jahrhundert, der einen Bildungsbegriff zugrunde legt, der kompetenzorientiertes Lernen und ganzheitliches Erfassen vor Reproduktion stellt. Der Unterrichtsbesuch hatte zuvor Kompetenzen wie Teamfähigkeit, Kreativität und Phantasie so plastisch vor Augen geführt, dass der Bedarf, dies zu würdigen und die Grenzen, an die ein System von Ziffernnoten dabei stößt, mit Händen zu greifen sind.

Es fehlt bayernweit an Ressourcen

Die Bedeutung der Deutsch- und DeutschPLUS-Klassen für erfolgreiche Integration zeigt sich bei „Pädagogik trifft Politik“ auf höchst eindrückliche Weise im kooperativen Umgang der Schülerinnen und Schüler, die ein wunderbares Bild von mit großer Hingabe begleitetem Lernen in bunter Vielfalt bieten. BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann betont, dass genau dies auch Leitbild gegenwärtiger bayerischer Politik sei und verweist dazu auf Aussagen von Kultusminister Michael Piazolo und Innenminister Joachim Herrmann im persönlichen Gespräch: „Integration ist der Schlüssel zur Bildung der Zukunft“, sei dort das gemeinsame Fazit gewesen. Der BLLV wolle dabei mit seiner Expertise aus der Praxis, die bei Formaten wie „Pädagogik trifft Politik“ zur Anschauung gebracht werde, zeigen: „Wo gibt es Entwicklungschancen, wo brennt es“, so Fleischmann.

Auf Letzteres verweist auch Birgit Dittmer-Glaubig mit Blick auf eine vom BLLV bayernweit durchgeführte Umfrage zu den Deutschklassen (Details siehe unten). Dabei zeigten sich weitgehend dieselben Bedarfe wie in der Praxis an der Simmernschule: mehr Unterstützung bei der Umsetzung der Ganztagsbeschulung – insbesondere beim Mittagessen, mehr Drittkräfte sowie insgesamt mehr Personal. Generell fehlt es schlicht an Ressourcen.

Professionelle Integration braucht politischen Rückhalt

Die Mitglieder des Bildungsausschusses zeigen sich tief beeindruckt von der Arbeit an der Simmernschule. Gabi Schmidt (Freie Wähler) bringt es auf den Punkt: „Ich weiß jetzt, wie es geht.“

Dass es an der Simmernschule aber nur geht, weil sich alle Beteiligten weit über das hinaus engagieren, was ihnen als Rahmenbedingungen derzeit an die Hand gegeben ist, wird ebenfalls klar. Hier fordert der BLLV Nachbesserungen in allen Bereichen, die bei „Pädagogik trifft Politik“ deutlich sichtbar wurden.

„Aktuell laufen wir Gefahr, dass eine gut gemeinte Idee durch eine hektische Einführung nicht so professionell umgesetzt werden kann, wie es die Schülerinnen und Schüler dringend bräuchten und Lehrerinnen und Lehrer gerne leisten möchten“, bilanziert Birgit Dittmer-Glaubig.

Auch aus der Sicht von BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann war „Pädagogik trifft Politik“ somit erneut ein voller Erfolg: „Wo sonst kommen Schüler und Schülerinnen, Lehrer und Lehrerinnen, Politiker und Politikerinnen und die Öffentlichkeit sich so nah und wo sonst können sie so offen und direkt miteinander ins Gespräch kommen?“

BLLV-Lehrerumfrage zum Thema Deutschklassen


Der BLLV hat anlässlich des Unterrichtsbesuchs eine Umfrage zum Thema Deutschklassen durchgeführt, bei der Lehrkräfte und Schulleitungen zum Thema Stellung beziehen konnten. Dabei stellte sich heraus, dass es bei der Umstellung auf die Deutschklassen vielerorts an Ressourcen mangelt: organisatorisch und bürokratisch, insbesondere was die Ganztagsbeschulung und die Versorgung mit einem warmen Mittagessen betrifft; personell, speziell was das Auffinden von geeigneten Drittkräften angeht; zeitlich, vor allem bezüglich der Ganztagsbetreuung.

Dank des großen Engagements von Lehrkräften, Schulleitungen und Kooperationspartnern können manche Herausforderungen derzeit noch bewältigt werden. Doch für die Zukunft wünschen sich die befragten Lehrkräfte vor allem höhere Stundenbudgets für die individuelle und differenzierte Beschulung sowie bürokratische Erleichterungen und staatliche Unterstützung bei der gesamten Organisation der Deutschklassen.

>> zum vollständigen Bericht zur Umfrage


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