Kommentar 12.05.2020 StartseiteÜbertrittLeistungsdruckProbeunterricht

Die Angst vor einem Dammbruch ist riesig

Statt pädagogischen Pragmatismus walten zu lassen, beharrt das Kultusministerium beim Übertritt auf Prinzipien. Ein Dorn im Auge ist dem BLLV der Druck für Kinder, die sich mit Probeunterricht für eine bestimmte Schulart qualifizieren sollen.

Wie recht der BLLV mit seiner Einschätzung hatte, dass die Entscheidung für das Übertrittsverfahren im Zeichen der Corona-Krise geleitet ist vom Beharren auf ideologischen Prinzipien statt von pädagogischem Pragmatismus und Rücksicht auf Schüler und Lehrkräfte, zeigte sich auch in der barschen Entgegnung von Kultusminister Piazolo auf die Pressemitteilung des BLLV. Mit keinem Wort geht er auf die zahlreichen Argumente, die sich ausschließlich auf die mit den durch die Sonderregelung dieses Schuljahres verbundenen Nachteilen für die Kinder, aber auch die betroffenen Schulen und Lehrkräfte bezogen, ein.

Ist es denn das Ziel, möglichst viele Kinder ans Gymnasium zu bringen?

Stattdessen lobt er "das kind- und begabungsgerechte Übertrittsverfahren" und hält die Kritik auch deswegen für unberechtigt weil ja der Anteil der festgestellten Übertrittseignungen für das Gymnasium sogar gestiegen sei. Was ist das für ein seltsames Argument? Zum einen hat es mit der Regelung des Probeunterrichts, auf den allein sich unsere Pressemitteilung bezog, rein gar nichts zu tun. Zum anderen offenbart es doch ein eigentümliches Verständnis von der Benchmark des Ministeriums. Ist es denn das Ziel, möglichst viele Kinder ans Gymnasium zu bringen?

Das Kultusministerium wirft dem BLLV vor, die "Corona-Krise auszunutzen, um alte Systemdebatten neu zu entfachen." Offensichtlich ist dieses System also wichtiger als die betroffenen Kinder. Wer aber von einem System wirklich überzeugt ist, muss nicht um jeden Preis verhindern, dass in solch einer Ausnahmesituation einmal davon abgewichen wird. Schließlich hatte man sogar auf die schriftlichen Leistungserhebungen in den 11. und 12. Klassen des Gymnasiums verzichtet, ohne damit gleich der notenfreien Schule den Weg geebnet zu haben. Die Angst vor einem Dammbruch beim Übertritt scheint dagegen riesig zu sein.

Ein Kommentar von Fritz Schäffer, Leiter der Abteilung Schul- und Bildungspolitik