Mit (Schul-)Kindern durch die Coronakrise 08.04.2020 Startseite

Folge 2: Drei Wochen Schule zuhause - ein Resümee

Was für Kinder die wichtigste Funktion von Schule ist, wird ausgerechnet nach einer turbulenten Videokonferenz deutlich.

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Corona

Lara Hoffmann arbeitet als Online-Redakteurin beim BLLV. Sie hat einen Sohn (4) und eine Tochter (7) und lebt mit ihrer Familie in Schwabing.  

"Wenn ich in fünf Jahren auf die Corona-Zeit zurückblicke, wird mir ein Nachmittag besonders lebendig vor meinem inneren Auge erscheinen: Der Nachmittag, an dem meine Tochter, eine Erstklässlerin, an der ersten Videokonferenz ihrer Klasse teilnahm. 

Von dem Zeitpunkt, wo die Konferenz beginnt, bis zu dem Zeitpunkt, wo alle zehn angemeldeten Kinder tatsächlich dabei sind, vergehen etwa 40 Minuten. Hätte ich Schokoladenartiges zuhause vorrätig gehabt - alles hätte ich in diesen quälenden Minuten inhaliert: Ständiges Auf- und Wegflackern von teilnehmenden Kindern, Eltern, die verzweifelt die Mikrofonfunktion des Computers suchen und Kameras, die das Bild im falschen Format ausgeben, so dass manche Kinder zum großen, allgemeinen Amüsement wie kleine Kopfgeister quer im Bildschirm umherschweben. Alles unterlegt mit einem ohrenbetäubenden Geräuschteppich von Kindern, die sich gerade wahnsinnig freuen, einander und auch die Lehrerin wiederzusehen. Begleitet von Zwischenrufen, die - damit man im Durcheinander durchkommt - auch gerne 20 Mal wiederholt werden: „Frau Hiiiiiiirsch, wie geht es Diiiiir?“

Schule ist für Kinder in erster Linie ein Ort des sozialen Miteinanders und Austauschs

Ich kann und will nicht die ganze Zeit dabei sein: Mein Sohn sitzt in der Küche und befindet sich in der Endphase des bereits zwei Stunden andauernden Aufbaus seiner mobilen Lego-Polizei-Einsatzzentrale. Er ist einerseits erschöpft, andererseits wahnsinnig vorfreudig, sein Spielzeug in wenigen Minuten aufgebaut zu haben - eine gefährliche Mischung. Als ich das nächste Mal zu meiner Tochter hineinschaue, hat sich die Lehrerin aus dem Chat verabschiedet. Nur noch meine Tochter und ihre Freundin plappern und plappern. Sie reden über das, was ihnen eben gerade so passiert und besonders darüber, was sie gerade aufregt (und Himmel, das ist ganz schön viel!). Ich sehe meine Tochter, wie ich sie normalerweise nicht sehe: wie sie ist, wenn sie mit ihren gleichaltrigen Freundinnen ist. Ich sehe, wie fröhlich sie ist und wie gut ihr das tut. Bevor ich dann aber zu sentimental werde, soll ich auch bitte rausgehen.

Beim Abendessen erfahre ich von meiner Tochter, dass Schulaufgaben oder Lernen in der Videokonferenz keine Themen waren. Die Lehrerin habe zum Beispiel gefragt, welche Kinder Haustiere hätten. Dass Unterricht nicht möglich gewesen wäre, habe ich gemerkt. Genauso habe ich gemerkt: Schule ist für Kinder in erster Linie ein Ort des sozialen Miteinanders und Austauschs. Einfach mal so den Unterricht in einer Videokonferenz stattfinden zu lassen, geht eben nicht einfach mal so.

Würde es nach meiner Tochter gehen: Digitale Lernprogramme wären fester Bestandteil ihres normalen Schulalltags

Würde es nach meiner Tochter gehen: Digitale Lernprogramme wären auch fester Bestandteil ihres normalen Schulalltags. Auf „Zahlenzorro“ und das Mathe- und Deutsch-Lern-Programm „Anton-App“, darauf ist sie heiß. Die Programme hat ihre Lehrerin empfohlen als Zusatzangebot. Meine Tochter bedient alle Programme selbstständig und benötigt keine Hilfe. Die Lernapps machen meiner Tochter so viel Spaß, dass sie lieber dort Aufgaben erledigt, als der mittäglichen Fernsehstunde mit ihrem kleinen Bruder beizuwohnen. Auch eine Kollegin vom BLLV erzählt von ihrem Neunjährigen, der jetzt Skype für sich entdeckt hat und dort selbstständig Konferenzen mit Freunden führt. 

Wichtiger als Apps und Videokonferenzen sind der Lehrerin meiner Tochter aber die Wochenpläne, die sie einmal pro Woche verschickt. Dort gibt sie an, welche Aufgaben die Kinder in den diversen Fibeln und Arbeitsbüchern erledigen sollen, schickt Arbeitsblätter zum Ausdrucken und Links für Erklärvideos, zum Beispiel beim Thema Zähne. 

Alles machbar für meine Tochter. Wir machen das zwischendurch, wenn es gerade einmal passt. Wenn es gerade wichtiger ist, eine Rüblitorte zu backen, backen wir eine Rüblitorte. Weil meine Tochter ihre Aufgaben gerne erledigt - ich habe nichts dazu beigetragen, sie ist einfach so - lege ich auf einen festen zeitlichen Rahmen nicht so viel Wert. Aber natürlich auch deshalb, weil ich mir denke: Ist ja schön und gut mit dem Lernen, aber wichtiger ist, dass wir psychisch und physisch wohlbehalten durch diese Zeit kommen."

Was Tschernobyl mit unserer heutigen Pandemielage zu tun hat und wieso Lego im Kampf gegen das Corona-Virus wichtig ist, erzähle ich in der nächsten Folge: >> "Folge 3: Der Frust"