Dr. Fritz Schäffer, Leiter der Abteilung Schul- und Bildungspolitik, moderierte
Runder Tisch DemokratiepädagogikThemenDemokratiepädagogik

Freiraum statt Fachbindung

Demokratie lebt von Vorbildern und vom Tun. Beides ist im gängigen Schulalltag schwierig. Wie Demokratiepädagogik dennoch Alltag in der Schule werden kann, diskutierte der BLLV beim Runden Tisch mit Bildungspolitikern.

Schüler schreiben eine Schulaufgabe über Inhalte, die nicht im Unterricht besprochen wurden, und suchen das Gespräch mit dem Lehrer - vergebens. Der Landesschülerrat reicht über 200 Anträge ein, angenommen werden nur ein oder zwei. Gymnasiallehrkräfte lernen im Workshop den Klassenrat kennen und möchten ihn direkt in der nächsten Woche umsetzen, die Schulleitung räumt hierfür keinerlei zeitliche Räume ein, denn das fachliche Lernen gehe vor. – Ist das demokratisch? Und was sagen diese Beispiele über die gegenwärtige Diskussionskultur?

Dr. Fritz Schäffer, Leiter der ASB und Moderator des Runden Tisches, gab eine Antwort gleich selbst: „Es besteht ein eklatanter Widerspruch zwischen demokratischer Erziehung als Bildungs- und Verfassungsziel einerseits und gelebtem Alltag andererseits.“ Bei dem Arbeitstreffen mit Vertretern aus Bildungspolitik und Institutionen der Lehrerbildung ging es also um zwei Fragen: Welchen Stellenwert messen wir der Demokratiepädagogik in der Schule zu? Und:Wie schaffen wir mehr Raum für gelebte Demokratie? Als Grundlage der Diskussion diente der Forderungskatalog des BLLV in seinem Positionspapier "Demokratiepädagogik.

Waren beim ersten Runden Tisch im Januar Schüler/innen, Jugend- und Elternverbände vertreten, so richtete sich dieses zweite Arbeitstreffen an die politisch Verantwortlichen. Vertreten waren Bildungsexperten der Landtagsfraktionen Dr. Ute Eiling-Hütig (CSU), Martin Güll (SPD), Thomas Gehring (Bündnis 90/Die Grünen) und Prof. Dr. Michael Piazolo (Freie Wähler) sowie Vertreter der staatlichen Bildungsinstitute: Dr. Karin E. Oechslein (Direktorin des Staatsinstituts für Schulqualität und Bildungsforschung (ISB), OStD Gerhard Maier (Leiter der Abteilung für Grundsatzfragen am ISB), Dr. Harald Parigger (Direktor der Landeszentrale für Politische Bildung in Bayern) und Gisela Becker, Referentin für Politische Bildung an der Akademie für Lehrerfortbildung und Personalführung in Dillingen.

Im Thema einig

In der Sache waren sich die Teilnehmer/innen einig: Keine Demokratiepädagogik ohne adäquate Medienpädagogik; eine demokratische Haltung muss erlebt, geübt und erprobt werden; und: wie das geschieht, hängt maßgeblich von Lehrerpersönlichkeit und Schulleitung ab.

In der Frage der Umsetzung entzündete sich jedoch – wie erwartet – die Diskussion: Genügt es, dem Thema Projekttage zu widmen? Ist es möglich, das Fach Sozialkunde früher und mit mehr Unterrichtsstunden im Lehrplan zu verankern? Braucht es feste, standardisierte Formate für Klassensprecher- oder SMV-Wahlen, Klassenrat oder Schulkonferenzen?

Skepsis regte sich bei den Punkten „alternative Leistungsmessung“, „Freiräume statt Fächerbindung“ und „Feedbackkultur“. So erhielt BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann auf ihre Frage „Ist uns nur das etwas wert, was eine Note gibt?“ Kontra von Ute Eiling-Hütig (CSU): „Die Schüler wollen klar wissen, wo sie stehen. Sie wollen sich einsortieren können. Außerdem braucht es eine schulübergreifende Vergleichsmöglichkeit. Wir brauchen eine klare und für alle verständliche Leistungserhebung.“

Michael Piazolo (Freie Wähler) brachte das Thema „Noten“ auf eine gesamtgesellschaftliche Ebene: „Noten werden immer weiter ausdifferenziert. In der gymnasialen Oberstufe gibt es das Punktesystem, auch im Studium haben sich die Credit-Points (ECTS) durchgesetzt. Alles wird datentechnisch konform gemacht und statistisch erfasst. Die Frage ist, wozu?“

Harald Parigger (Landeszentrale für Politische Bildung) und Gisela Becker (Akademie für Lehrerbildung Dillingen) sahen den Grund dafür in dem Versuch, der immensen Stoffmenge Herr zu werden, die sich in der digitalen Gesellschaft fast täglich vervielfache. Parigger ergänzte: „Wir müssen neu klären, was ein Schüler am Ende seiner Schulzeit beherrschen muss.“

Verdichtung des Fachwissens

Moderator Fritz Schäffer ergänzte, ein Kanonwissen sei nicht mehr möglich, Fachwissen in der Schule nicht mehr umfassend abbildbar, und Karin E. Oechslein (ISB) sah sich bestätigt: Die Neuausrichtung auf die Kompetenzorientierung des Lehrplans sei ein wichtiger Schritt gewesen. Gleiches gelte für den fächerübergreifenden Lehrplan Plus, so Gerhard Maier (ISB).

Die CSU-Abgeordnete Eiling-Hüthig sah dennoch den Fächerkanon in Gefahr: Wichtig für eine demokratische Haltung sei es, „mitdenken“ zu können, und diese Fähigkeit zu beurteilen beruhe auf einem soliden Fachwissen. Fritz Schäffer entgegnete: „Wir richten an Schule ständig neue Forderungen, ohne alte Strukturen aufzugeben.“

Feedbackkultur

Skeptisch sahen die Schulpraktiker Gerhard Maier, ehemaliger Schulleiter, und Gisela Becker, Lehrerin und Referentin in Dillingen, die Etablierung einer demokratischen Feedbackkultur in der Schule. Dazu sei ein Rollenwechsel und Aufbruch der einseitigen Lehrer-Schüler-Beziehung nötig. Diesen Perspektivenwechsel einzuüben müsse man in der Lehrerbildung eben fest verankern, entgegnete Simone Fleischmann.

Letztlich käme es eben – wie so oft – auf die Haltung der einzelnen Lehrkraft an, so ein Fazit der Teilnehmer/innen. So ganz wollte ASB-Leiter Fritz Schäffer die Verantwortung jedoch nicht auf die Lehrer/innen abschieben: "Lehrkräfte richten ihr Handeln häufig an der Funktionslogik des Systems Schule aus." Wer an den bestehenden Strukturen starr festhalte, begrenze damit auch unnötig das Engagement der Lehrer/innen. sha