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Hektik beim Einschulungskorridor verhindert professionelle Umstellung

Die vom bayerischen Kultusminister Michael Piazolo angekündigte Flexibilisierung beim Einschulungsalter für Grundschulkinder begrüßt BLLV-Präsidenten Simone Fleischmann, bemängelt aber fehlende Zeit für professionelle Vorbereitung der Schulen.

Schon im Januar stehen in einigen Schulen Infoabende zur Einschulung statt. Dabei weiß noch niemand, wie die vom bayerischen Kultusminister geplante Umstellung konkret umgesetzt werden soll: weg vom verpflichtenden Stichtag 30. September, an dem das schulpflichtige Kinde sechs Jahre alt ist, hin zu einen Zeitraum zwischen 1. Juli und 30. September mit Wahlmöglichkeit der Eltern.

BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann freut sich über jede Flexibilisierung der ersten Grundschuljahre, für die sich der BLLV seit Langem einsetzt. Im Interview mit dem Münchner Merkur erklärt sie unter dem Titel „Lieber ein Jahr hinauszögern“, wie der unnötige aufgebaute Zeitdruck zu Lasten einer Umsetzung geht, bei der Eltern, Schüler und Schulen wissen, was sie eigentlich genau erwartet.

Das Interview aus dem Münchner Merkur vom 9.1.2019 im Wortlaut:

„Lieber ein Jahr hinauszögern“

INTERVIEW: BLLV-Chefin zu Einschulungskorridor

Kinder, die zwischen 1. Juli und 30. September sechs Jahre alt werden, können künftig eingeschult werden - müssen aber nicht. Kultusminister Michael Piazolo (Freie Wähler) will, dass die Eltern künftig selbst entscheiden. Den Einschulungskorridor, der den festen Stichtag (30. September) ersetzt, hat er im Dezember in unserer Zeitung angekündigt. Er soll schon ab nächstem Schuljahr gelten. Die Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands (BLLV), Simone Fleischmann, hat einige Vorbehalte.

Was müssen Schulen und Eltern jetzt wissen?

SIMONE FLEISCHMANN: Wir warten auf die gesetzlichen Vorgaben, die das Kultusministerium ausarbeiten muss. Das ist unbedingt notwendig. Die Schulen brauchen das schnell und schriftlich in allen Details. Ich kenn nur die Absichtserklärung des Kultusministers, nun muss er astrein erklären, wie das konkret ablaufen soll. Ich nehme an, dass das Ministerium auch während der Weihnachtsferien daran gearbeitet hat. Die Eltern gingen bisher davon aus, dass ihr Kind selbstverständlich in die Schule gehen muss. Sie denken nach der Ankündigung jetzt neu und verlangen Klarheit.

Warum eilt es so?

In den Grundschulen finden demnächst die Infoabende zur Einschulung statt, die meisten machen das im Februar und März, manche sogar schon im Januar. Da muss man den Eltern das neue Verfahren natürlich erklären.

Was halten Sie denn von der Regelung?

Jegliche Flexibilisierung ist wünschenswert, auch bei der Einschulung. Die kognitive Entwicklung von Kindern ist nicht gleichzusetzen mit den Geburtstagen. Sechsjährige unterscheiden sich stark voneinander, manche ähneln eher Vierjährigen, manche Siebenjährigen, das ist wissenschaftlich längst bekannt. Das bedeutet aber, dass die Schulen professionell vorbereitet werden. Das sehe ich hier im Moment nicht. Es ist keine professionelle Umstellung, weil es jetzt mal wieder unter Zeitdruck passiert. So etwas Einschneidendes sollte man lieber noch ein Jahr hinauszögern. Und man sollte auch das Signal bedenken, das durch die flexible Einschulung gegeben wird.

Was meinen Sie?

Letztlich vermittelt eine flexible Einschulung den Eindruck, dass Schule etwas ganz Schwieriges ist und man es sich sehr gut überlegen sollte, ob man das einem gerade erst sechs Jahre alt gewordenen Kind wirklich antun sollte – ich überspitze jetzt bewusst.

All diesen Zweiflern möchte ich eines entgegenhalten: Eine Flexibilisierung ist auch in der Grundschule möglich, nicht nur davor. Wir haben eine flexible Einschulungsphase – Kinder können die ersten zwei Grundschul-Jahrgangsstufen in einem Jahr, aber auch in drei Jahren absolvieren, ohne dass dies als Sitzenbleiben gewertet wird. Es gibt vor Ort auch teilweise jahrgangsübergreifende Kombiklassen. Die Flexibilisierung und eine optimale Förderung der Kinder etwa durch das Zwei-Lehrer-Prinzip kann man noch ausbauen, das ist seit Langem eine Forderung des BLLV.

Erwarten Sie, dass mehr Eltern ihre Kinder zurückstellen werden?

Definitiv ja. Viele Eltern verspüren – ob zu Unrecht oder nicht – einen hohen Leistungsdruck, nach dem Motto: Wenn mein Kind in der Grundschule etwas falsch macht, ist die Zukunft verbaut. Ich höre jetzt schon aus meinem Bekanntenkreis – toll, diese Zurückstellungsmöglichkeit hätte ich für mein Kind auch gerne gehabt.

Interview: Dirk Walter

Simone Fleischmann zum Einschulungskorridor im Bayerischen Rundfunk

"Der Zeitpunkt ist wenig professionell"

In der Rundschau 18:30 vom 29.01.2019 zum Thema "Einschulung - Eltern dürfen mehr bestimmen" kritisiert BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann die hektische Umsetzung der pädagogisch sinnvollen Pläne von Kultusminister Michael Piazolo. >> ansehen



Position des BLLV in den Medien


Die Haltung des BLLV zum Einschulungskorridor wird in den Medien vielfach und prominent wiedergegeben -> Medienschau

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