bs-Interview mit Urs Meier 21.09.2021 Ganzheitliche BildungEigenverantwortungTeamfähigkeit

„Ich habe kein Bedürfnis, einen Fehler rückgängig zu machen“

Der ehemalige FIFA-Schiedsrichter Urs Meier spricht mit der bayerischen schule über Entschlossenheit und wahre Persönlichkeit.

Der Zürcher Urs Meier, 62, war von 1977 bis 2011 Schiedsrichter, seit 1994 als Profi für den Fußball-Weltverband (FIFA). Er leitete 883 Spiele, darunter fünf Mal ein Finale der Champions-League sowie zahlreiche EM- und WM-Spiele. Nach seiner Laufbahn als Aktiver und Schiedsrichter-Ausbilder kommentierte er als Experte bei Live-Übertragungen im ZDF. Mit seiner Urs Meier Management AG bietet er Referate und Schulungen an. Er ist Autor von: „Du bist die Entscheidung – Schnell und entschlossen handeln“ (Scherz Verlag).

bayerische schule:Herr Meier, Sie gelten als Experte für das Thema Entscheidungen. In dieser Rolle waren sie Keynote-Speaker beim Schulleiterkongress in Düsseldorf und sind auch vor Erzieherinnen aufgetreten. Das ist nicht gerade die Klientel aus den Fankurven der Stadien. Reden wir darüber, was Fußballplatz und Klassenzimmer verbindet!

Urs Meier: Gerne! Es fängt schon damit an, dass ich als Schiedsrichter eigentlich 22 Kinder auf dem Platz habe. Im Grunde sind es verspielte, junge Menschen, die einfach Spaß haben wollen. Sie wollen aber auch Grenzen haben. Diese Grenzen, diese Leitplanken, die muss man setzen.

Und wie setzt man diese Grenzen so, dass diese Kinder Spaß haben und es nicht zu unnötigen Konflikten kommt?

Mit Empathie, mit Klarheit.

Leicht gesagt.

Ich habe ein Spiel nie weiterlaufen lassen, bevor ich nicht das Problem gelöst hatte, bevor nicht der Spieler, den ich verwarnt habe, mich angeschaut hat und mir bestätigt hat: „Ich habe dich gesehen, ich habe dich verstanden“. Und wenn 80.000 Zuschauer gepfiffen haben. Egal. Das machen Führungskräfte und auch Lehrkräfte häufig falsch.

Aus Angst vor einer harten Konfrontation?

Mag sein. Aber was ist die Folge? Man bekommt die Probleme später. Dann kommt oft noch Unverständnis dazu, emotionale Reaktionen. Als Schiedsrichter muss ich vielleicht gleich in der ersten Minute eine Rote Karte geben. Wenn es eine Rote Karte ist, ist es eine Rote Karte. Punkt. Da kann ich nicht sagen: „Puh, ist ja erst die erste Minute.“

Man sollte nicht die Konsequenzen einer unpopulären Entscheidung fürchten.

So ist es. Und man darf sich nicht von Sympathien oder Antipathien leiten lassen. Dann werden Entscheidungen nicht mehr akzeptiert, von niemandem.

Sie haben nie jemanden bevorzugt?

Nehmen wir Zinédine Zidane (französischer Weltmeister; cb). Ich hätte sagen können: Weil der ein super Spieler ist und weil ich ihn mag, kann er bei mir machen, was er will. Auch wenn er vom Platz gestellt gehört, gebe ich ihm nur Gelb. Was passiert dann? Zidane wird mich nicht akzeptieren, der wird denken: „Der Meier ist schwach.“ Und die anderen werden sagen: „Typisch, der hat alle Privilegien, wir Kleinen dürfen gar nichts.“ Ich habe ihn einmal vom Platz gestellt, wo ihn vielleicht nicht jeder vom Platz gestellt hätte. Jedes Mal, wenn er mich später gesehen hat, hat er mich begrüßt. Einmal, nach einem Spitzenspiel, ist er in meine Garderobe gekommen und hat mir sein Trikot überreicht, als Anerkennung.

Man muss sich also Respekt verschaffen. Unsere Leserschaft besteht zum größeren Teil aus Frauen, viele arbeiten an Brennpunktschulen, haben es mit einer Macho-Kultur zu tun. Gerade eine junge oder neue Lehrerin an einer Schule wird sicher erst mal getestet.

Natürlich wird sie getestet. Und für diesen Test muss sie bereit sein. Das darf sie nicht überraschen. Am Anfang wird mal was nicht gut laufen. Es wird Konflikte geben. Aus denen musst du lernen. Es geht immer ums Konsequent-Sein. Die Leute müssen merken: Du bist der Chef.

Man muss sich mit der Führungsrolle identifizieren. So manche Lehrkraft versteht sich eher als Fachvermittler.

Entscheiden hat sehr viel mit Pädagogik zu tun. Ich vergleiche das mit dem Spielen auf einem Klavier. Viele haben das Gefühl, es reicht, auf den Tasten im mittleren Bereich zu spielen. Das reicht überhaupt nicht. Wenn man gut spielen will, muss man nach oben gehen können und nach unten. Du musst jeden Ton treffen.

Man will sicher auch niemanden verletzen durch eine allzu harsche Ansage.

Dann traut man dem anderen nicht zu, dass er damit umgehen kann. Das ist nicht wertschätzend. Man entmündigt den anderen.

Entscheidungen zu treffen, bedeutet manchmal auch, jemandem etwas zu verbauen. Mindestens von dem Menschen, dem man etwas verbaut hat, wird man kaum mehr gemocht werden. Steht nicht auch ein heimlicher Wunsch, beliebt zu sein, geliebt zu werden, klaren Entscheidungen im Weg?

Ich war mit einem Schiedsrichter-Kollegen unterwegs, dem war es immer am wichtigsten, dass er nach dem Spiel noch mit den Gastgebern im Stadion eine Bratwurst essen konnte. Scheiß Bratwurst! Wenn ich da keine Bratwurst mehr essen kann, dann gehe ich sie woanders essen.

Beliebt sein wollen, ist das eine. Was ist mit der Angst vor handfesten Konsequenzen? Zum Beispiel, wenn eine Leistungsbeurteilung den Bildungsweg negativ beeinflussen würde? Sie haben für vermeintliche Fehlentscheidungen sogar Morddrohungen bekommen. Manche Eltern drohen immerhin mit dem Anwalt.

Da sind wir wieder bei den Emotionen. Der Lehrer soll auf der Sachebene bleiben. Emotionen kochen meistens hoch, wenn es einen Entscheid gibt, der nicht nachzuvollziehen ist, der plötzlich kommt, der sich als ungerecht anfühlt, weil man andere Erwartungen hatte. Als Spielleiter, als Schulleiter, als Lehrer kann man gewisse Dinge schon früh spüren. Wenn einer eine Prüfung verhaut, zeichnet sich das doch schon lange vorher ab. Nur die Eltern sind oft nicht informiert, sie werden nicht auf diese Reise mitgenommen. In gewissen Fällen muss man mehr investieren in eine Klarheit.

Auch wegen der Verantwortung, die man hat?

Beispiel: Ich habe dem Nationalspieler Ballack die zweite Gelbe Karte gegeben. Er war also fürs Finale gesperrt. Diese Gelbe Karte muss Substanz haben. Die kannst du nicht nach dem Motto geben: „Scheißegal, ob du im Finale gesperrt bist.“ Diese Karte muss so wasserdicht sein, dass der Spieler nachher selber sagt: Absolut klar, die musste gegeben werden. So ist das auch bei einer Note. Wenn das willkürlich rüberkommt, so aus der Hüfte geschossen, dann gibt es kein Verständnis.

Aha, es geht ums Verstanden-Werden, nicht nur ums korrekte Urteil.

Die Schüler, die Eltern müssen merken: Es geht um die Sache. Ich will doch, dass diese Klasse Erfolg hat. Auf meinen Schiedsrichterlehrgängen habe ich mal erklärt: „Stellt euch vor, das Ziel von uns allen ist: Wir wollen auf den Mount Everest.“ Im Wissen, dass es manche vielleicht nur bis zum Lager drei schaffen werden. Die anderen schaffen es bis Nummer vier, ganz wenige bis auf den Gipfel. Es kann aber nicht sein, dass wir jemanden allein unten im Basislager lassen. Nein, verdammt, der müsste mindestens Lager zwei erreichen. Man muss ihnen zeigen, dass es eine Verbesserung gibt. Erfolg haben diejenigen, die alle mitnehmen. Wie bei der EM die Italiener. Der Trainer hat im letzten Gruppenspiel – gegen Wales – acht neue Spieler eingewechselt. Sogar den Ersatztorhüter. Er hat jedem gezeigt: Ich sehe dich, du bist wertvoll!, du bist ein Teil dieses Teams. Er wird für die Zukunft der Mannschaft unglaublich viel erreicht haben. Es braucht immer auch Empathie.

In Ihrem Buch gehen Sie von der These aus: Entscheiden kann man üben. Wie übt man das?

Indem man ins Tun geht. Und das wird weh tun. Ein Kind fällt im Schnitt 1.500 Mal hin, bis es laufen kann. Da kann ich als Erwachsener doch nicht nach dem vierten Misserfolg sagen: „Das tut weh, ich höre auf!“ In meinen ersten Jahren als Schiedsrichter ist jedes Wort von der Tribüne, aber auch von Spielern, direkt vom Ohr ins Herz gegangen. „Der hat doch keine Ahnung vom Fußball“ – so was hat weh getan. Ich brauchte zwei Jahre, dann war das, wie wir in der Schweiz sagen: „Göschenen – Airolo“. So heißen die Orte an den beiden Enden des Gotthard-Tunnels. Also: Da rein, da raus.

Mit dieser Haltung brauchen Sie aber irgendwann auch ein Korrektiv.

Es ist gut, einen Spiegel zu haben. Wie wirke ich eigentlich, wie komme ich rüber? Habe ich diesen Augenkontakt. Habe ich diese Sicherheit, kommt das von innen? Wie ist meine Körpersprache? Die ist das Ehrlichste, was wir haben. Wir sind ja keine Schauspieler. Drum ist es unglaublich wichtig, dass, wenn ich was fordere und klar sein will, dass ich diese Klarheit auch durch meine Gestik, durch meine Mimik klar rüberbringe.

Sie stellen sich vor einen Spiegel?

Warum nicht? Ich hatte das Glück, dass ich meine Gestik, meine Mimik im Fernsehen anschauen konnte. Da konnte ich selber sehen: verdammt, das kommt vielleicht zu aggressiv rüber.

Sollte man nicht auch die Überlegungen anderer in die eigenen Entscheidungen einbeziehen?

Es ist immer toll, wenn du jemanden hast, der dir von außerhalb Informationen gibt und sagt: „Geh mal auf diese Position und schau dir das von da aus an! Vielleicht geht man ein Problem mit einer Person immer falsch an. Dann merkt man auf einmal: „Ja, verdammt, warum habe ich das nicht gesehen?“ Allerdings darf man sich nicht dauernd von links und rechts beirren lassen. Die Spieler, das Umfeld, die müssen spüren, dass du derjenige bist, der den Weg vorgibt. Du leitest die Partie!

Haben Sie eigentlich auch Entscheidungen bereut?

Nein. Nein. Ganz ehrlich nicht. Ich habe kein Bedürfnis, einen Fehler rückgängig zu machen. Oft sind es die größten Fehler, die uns weiterbringen. Das ist ganz wichtig, wenn man mit Jugendlichen zu tun hat. Man muss auch ihnen zugestehen, dass sie Fehler machen.

Lehrkräfte treffen oft Lebensentscheidungen. Die eine oder der andere kommt bestimmt mal ins Grübeln.

Wenn was nicht gut gelaufen ist, muss man das natürlich analysieren. Es geht immer darum: Bist du ehrlich gewesen mit diesem Schüler, bist du ehrlich gewesen mit diesen Bewertungen? Oder sind die entstanden aus einer Sympathie oder einer Antipathie heraus. Man muss einem Fehler auch mal „danke!“ sagen. „Danke, dass ich dich erleben durfte!“ Dann musst du aber nicht mehr nachdenken. Wenn du das wieder mitnimmst zum nächsten Spiel, dann bist du belastet. Führungsleute haben oft das Gefühl, dass sie an Persönlichkeit verlieren, wenn sie Fehler zugeben oder Schwäche zeigen. Es ist aber genau das Gegenteil. Man kriegt mehr Persönlichkeit.

Das Interview führte Chris Bleher. Es ist erschienen in der bayerischen schule #5 2021.