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Akzente - 5/2019 Startseite

Raus aus den Echokammern

Unterrichtsversorgung? Passt schon! Übertrittsdruck? Hirngespinst übereifriger Eltern! Inklusion? Alles im Griff! BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann fragt: Wann suchen wir endlich nach echten Lösungen für wirkliche Probleme – ehrlich und gemeinsam?

Vor zwei Jahren, als ich vor einer drohenden Krise der Unterrichtsversorgung warnte, wurde ich der Schwarzmalerei bezichtigt. Die Unterrichtsversorgung sei gesichert. Als mein Vorgänger Klaus Wenzel vor sieben Jahren darauf hinwies, dass sich am bildungspolitischen Horizont ein massiver Lehrermangel abzeichne, wurde das in den Pressemitteilungen des Kultusministeriums als falsch vom Tisch gewischt.

Man habe zuverlässige Schüler- und Lehrerprognosen, man müsse sich keine Sorgen machen. Auch dieses Jahr wird wieder schöngeredet. Es sei zwar eng, man habe aber alles im Griff. Alle Insider jedoch wissen: Wir stehen unmittelbar vor einer wirklichen Krise der Unterrichtsversorgung, wohl spätestens im kommenden Schuljahr werden drastische Notmaßnahmen fällig.

Schönzeichnen der Realität

Aber nicht nur bei der Unterrichtsversorgung erlebe ich eine erstaunliche Bereitschaft, die Wahrheit zu verdrängen oder gar zu leugnen. Der Übertrittsdruck in der Grundschule sei kein echtes Problem, da hätten Eltern einfach übertriebene Sorge. Die Mittelschule sei keine Schule mit negativ ausgelesenen „Problemkindern“, sondern als weiterführende Schule für praktisch Begabte eine echte Alternative zu Realschule und Gymnasium, sie habe nur ein Imageproblem. Die Inklusion sei auf bestem Wege, die Herausforderungen würden von Lehrerinnen und Lehrern vorbildlich gemeistert. Disziplinprobleme, bulimisches Lernen, Ganztagsbetreuung … Die Beispiele für dieses Schönzeichnen der Realität sind Legion.

Die Frage, die sich mir täglich stellt: Geht Bildungspolitik, ja Politik generell, heute noch so? Wollen Politik und Verwaltung weiter in unseren Echokammern ihre Sicht der Realität zur Wahrheit deklarieren und andere Wahrnehmungen leugnen? Können wir Lehrerinnen und Lehrer uns wirklich weiter aus Angst vor Veränderungen an unsere lieb gewonnenen Denkmuster klammern, im Wissen, dass sie uns keine Sicherheit mehr geben?

Die Wahrheiten müssen auf den Tisch

Es ist an der Zeit anzuerkennen, dass unsere Realität zu komplex ist für einfache Antworten – auch und gerade in den Schulen. Es ist Zeit, die ganze Wahrheit auf den Tisch zu legen in jeglicher Hinsicht – auch bei der Lehrerversorgung – und gemeinsam Lösungen zu suchen. Es ist Zeit, Zeit zu schaffen für das gemeinsame Suchen nach Lösungen vor Ort mit dem Kollegium, mit den Gemeinden, mit den Eltern. Lehrer sind kreativ und durchaus bereit, auch in Notsituationen zuzupacken, wie es bei der Integration der Flüchtlingskinder offenkundig der Fall war und noch immer ist.

Die Wahrheiten müssen auf den Tisch und Politik in Echokammern muss ein Ende finden. Dazu gehört auch: Es ist Zeit anzuerkennen, dass die finanzielle Schlechterstellung der Grund- und Mittelschullehrerinnen und -lehrer eine zentrale Ursache für viele bildungspolitischen Verwerfungen und mangelnde Innovationsbereitschaft ist. Abstandsdenken kann nicht mehr der Leitfaden einer modernen Bildungspolitik sein. Wenn das verstanden wird, dann werden wir Lehrerinnen und Lehrer aller Schularten gemeinsam unsere Schule neu gestalten. Und ich bin sicher, wir werden Großartiges schaffen. // Simone Fleischmann

Artikel aus der bayerischen schule #5 2019

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